Gedanken zum Tag der deutschen Einheit 2013 von Landesbischöfin Ilse Junkermann

beim Festakt des Freistaates Thüringen am 3. Oktober 2013 in Sondershausen

Sehr verehrte Frau Landtagspräsidentin Diezel,
sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin Lieberknecht, sehr geehrter Herr Bürgermeister Kreyer,
sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages, des Europäischen Parlaments, des Thüringer Landtags, sehr geehrte Ministerinnen und Minister, sehr geehrte Frau Landrätin Hochwind,
sehr geehrte Festgäste und insbesondere: sehr geehrter Herr Botschafter a. D. Reiter!

Manchmal klingen sie überraschend aktuell, die alten Bibelworte. Manchmal klingen sie so, als wären sie direkt in unsere Situation hinein gesprochen.
Mir geht es jedenfalls manches Mal so. Und heute, am Feiertag zur Deutschen Einheit und Freiheit, geht es mir insbesondere so mit einem Wort aus dem Neuen Testament. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinden in Galatien „Zur Freiheit hat Euch Christus befreit! So steht nun fest in ihr und lasst Euch nicht wieder mit einem sklavischen Joch belasten.“

Dass Freiheit wieder errungen wurde, das gehört untrennbar zum Fest der Deutschen Einheit.
Wie dankbar können wir sein über die in der Friedlichen Revolution errungene Freiheit!
Und wie stolz, dass die Menschen hier eine friedliche Revolution ermöglicht haben! Ein Vorbild, ein echtes Vorbild, dass und wie sich Konflikte gewaltfrei lösen lassen.
Ein Vorbild, das angesichts von Kriegen und drohender Kriegsgefahr nicht genug gewürdigt werden kann!
Gut, dass wir diesen Festtag haben! Ja, die errungene Freiheit ist bleibend ein Grund, ihrer besonders zu gedenken.

Im Kern sind es die bürgerlichen Freiheitsrechte, die einen freiheitlichen Staat von einer Diktatur unterscheiden. Demokratie ist ohne Freiheit und Freiheitsrechte der Einzelnen nicht zu leben. Die bürgerlichen Freiheitsrechte, wie sie im Grundgesetz verankert sind, entfalten Freiheit konkret: Allen voran steht die unverletzliche Menschenwürde, in der die Freiheit des Individuums verankert ist. Zu ihr gehören die Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit, aber ganz gewiss auch die Reisefreiheit, die Freiheit der Berufswahl und viele weiteren Freiheiten.
Diese Freiheiten zu leben, ihr Gewicht in der Gesellschaft zu wahren, das ist vorrangige Aufgabe von Politik. Und das ist gleichermaßen Aufgabe jedes und jeder Einzelnen.

So ist Freiheit, das große Wort in viele kleine, jedenfalls konkrete Münzen umzusetzen!
So braucht Freiheit aufmerksame Pflege.
So ist Freiheit zu leben und zu gestalten eine bleibende, eine tägliche Aufgabe. Sie ist, nach Hanna Arendt, überhaupt „der Sinn der Politik“.
Deshalb braucht es Politik, deshalb hat jeder Mensch eine politische Verantwortung. Diese ist im Kern eine Verantwortung für die Freiheit. Diese politische Verantwortung ist Aufgabe aller.
Die Friedliche Revolution von 1989 aus der damaligen Bürgerbewegung heraus ist ein wunderbares Zeugnis, wie Menschen ihre politische Verantwortung ernst genommen haben und sich nicht, nicht mehr, haben schrecken lassen mit Drohungen.

Verantwortung für die Freiheit ist bleibende Aufgabe, ist Aufgabe aller. Denn: man kann zurückfallen unter frühere „Joche“. Solche „Joche“ können Zwänge aller Art sein, seien es Zugzwänge und Systemzwänge; so ein Joch der Unfreiheit kann aber auch sein, sich aus der politischen Verantwortung zurückzuziehen, und sei es ‚nur’ aus Bequemlichkeit.
Schließlich ist Freiheit im Kern bedroht, wenn sie unter das Joch anderer Werte gerät, wenn andere Werte wichtiger werden.

Was also braucht es, damit dieses schöne Wort ‚Freiheit’ auch im Alltag seinen unverwechselbaren Glanz behält und nicht zu einem großen schönen Wort vorzugsweise für Fest- und Feiertage wird? Damit es also nicht zu einem Wort verkommt, das im Alltag hinter andere, wirksamere Worte zurücktritt?

Ein Feiertag ist ein besonderer Tag in der Reihe der All-Tage. Er ist ein Tag, an dem wir innehalten, an dem wir uns erinnern, was für unser Leben und Gemeinwesen wichtig ist und was uns froh macht. Und es ist ein Tag, an dem wir durch die Rückschau und Freude über die im Jahr 1990 errungene Einheit und Freiheit uns selbst die Frage vorlegen: Wie steht es um sie heute, um die Einheit und die Freiheit?

Und so möchte ich mit Ihnen in den Gedanken zum Tag bedenken: Wo stellen sich Fragen nach der Freiheit in unseren Tagen? Wo stehen wir in Gefahr, dass wir hinter sie zurückfallen bzw. uns unter Joche begeben, die der Freiheit die Luft nehmen?
Ich möchte diese Gedanken bewusst als Fragen formulieren. Denn wir alle sind verantwortlich, gemeinsam Antworten zu finden und zu formulieren, Antworten, die der Freiheit dienen.
So frage ich:
Wie steht es um die Freiheit angesichts der Enthüllungen von Edward Snowden über den US-Geheimdienst NSA? Nach seinen Informationen verknüpft dieser Informationen aus der Internet- und Telefonüberwachung mit vielen weiteren Daten, etwa Bank- und Fluggastdaten, Versicherungsinformationen oder Aufenthaltsorten von Personen. Das betreffe sowohl Ausländer als auch amerikanische Staatsbürger. Gemeinsam mit den zusätzlichen Informationen erstelle die NSA aus all den Daten detaillierte Personenprofile. Damit sei das größte System für eine Massenüberwachung in der Geschichte der Menschheit geschaffen und dabei heimlich weltweit die Internetsicherheit und die Privatsphäre für alle Nutzer geschwächt, so ein weiterer Enthüller.

Einer, der die Friedliche Revolution in Thüringen wesentlich mit gestaltet hat, hat mir in diesen Tagen geschrieben:
„Mein Problem angesichts von NSA:
Weder die Politik noch der Bürger halten den m. E. ungeheuerlichen Angriff auf das Freiheitsrecht der geschützten Privatsphäre für sonderlich problematisch. Die Folgen ungebremster Ausspähung sind offensichtlich nicht im Blick: Wir sind nackt, manipulierbar, ausgeliefert. ‚Wir sitzen oder stehen auf, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken von fern…’ (Psalm 139).
Auch wenn das MfS unvergleichbar bleibt – so viele Informationen hatten die nicht von mir… „.

Das bedeutet im Dienst der Freiheit und mit dem Ziel, in ihr fest zu bleiben:
Wenn diese Enthüllungen stimmen – und ihnen ist, wenn ich es recht sehe, bisher nur zu einem kleinen Teil widersprochen worden – wenn diese Enthüllungen stimmen, dann sind mehrere Grundrechte erheblich verletzt. Und dann ist Politik gefragt als in ihrem eigentlichen Sinn: Der Freiheit zu dienen.

Von Benjamin Franklin gibt es das schöne Wort: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird beides verlieren.“
Ich hoffe, dass sowohl die Verantwortlichen in den USA wie die in der Bundesrepublik diesen weisen Satz gut abwägen und gewichten.
Es ist gut und ein Zeichen, dass unsere Demokratie lebt, dass sowohl Schriftsteller um Julie Zeh als auch Rechtsanwälte sich öffentlich mit ihren Fragen zu diesem freiheitsgefährdenden Vorgang melden.
Und ich halte es für ein gutes Zeichen, dass unsere Bundeskanzlerin nicht sofort Antworten gegeben hat, dass sie, ebenso wie der amerikanische Präsident, Aufklärung versprochen hat. Und echte Aufklärung und Klärung braucht Zeit. Eine schnelle Antwort stünde eher dafür, die Affäre möglichst schnell vom Tisch der Tagesnachrichten zu bekommen.

Wie also ist Freiheit zu bewahren?
Nicht anders als durch Bindung. Das klingt paradox. Doch genau durch Bindung wird Freiheit bewahrt vor Machtwillkür und Zerstörung.

Durch welche Bindung wird sie bewahrt? Bindung woran?
Der Apostel Paulus schreibt: Freiheit wird bewahrt durch die Bindung in Christus. Denn Er hat uns befreit. Er hat uns davon befreit, uns unsere Würde erst erarbeiten zu müssen. Er hat uns davon befreit, auf unsere Taten und Untaten festgelegt zu werden. Das ist die grundlegende Einsicht von Martin Luther, die er in den Schriften des Apostels Paulus wieder-gewonnen hat: Dass Gott zwischen Person und Werk unterscheidet. Diese Unterscheidung macht frei, immer wieder umzukehren. Sie macht frei, Fehler einzusehen, Fehlentwicklungen einzugestehen und zur Freiheit in Christus zurückzukehren. Diese ist in ihrem Kern Christi Liebesgebot gebunden. Sein Doppelgebot der Liebe, der Gottes- wie der Nächstenliebe, ist tief und bleibend verankert in der Hebräischen Bibel, in den zehn Geboten. Die zehn Gebote sind dem Volk Israel gesagt, den Menschen, die auf dem Weg ihrer Befreiung von der Sklaverei sind. Die zehn Gebote dienen dazu, dass diese Freiheit bewahrt wird. Denn Freiheit ist an die Regeln der Gemeinschaft gebunden.

So ist Freiheit im biblischen und reformatorischen Sinne eben nicht mit schrankenlosem Individualismus und dem vermeintlichen Recht des Stärkeren zu verwechseln, vielmehr ist sie stets mit Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen gepaart und kann nur im Geist der Gottes- und Nächstenliebe gelebt werden.
Ja, Freiheit ist, so, wie wir es zurecht und mit gutem Grund nachher singen, Freiheit ist an Recht und Einigkeit, an Gemeinschaft und Regeln gebunden.

So lasst uns auf die alten Bibelworte oder auf die nicht ganz so alten Worte unserer Nationalhymne hören, wenn wir Antworten auf die Frage nach der Freiheit suchen.