MDR-Radiogottesdienst am KARFREITAG „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ – 03. April a.d. 2026 – Augustinerkirche Erfurt
Predigt Landesbischof Friedrich Kramer
Gnade und Friede sei mit euch von dem, der da ist, der da war und der da kommt: Jesus Christus. Amen.
Liebe Karfreitagsgemeinde!
Er summt und singt. Ich stehe am Bett meines Großvaters und er kann nicht mehr sprechen er ist schon auf dem Weg in die andere Welt. Er ist dabei heimzugehen, wie sie in seiner Brüdergemeine sagen. Und er summt und singt. Sein Herz ist zu stark und schlägt weiter, der Todesweg ist schwere Arbeit. Und er singt dabei Choräle. Ich gehe mit meinem Kopf nah an den seinen und lausche: “Jesu geh voran, auf der Lebensbahn....”. Er singt und lobt Gott bis zum letzten Atemzug.
Heute ist Karfreitag und wir bedenken das Leiden und Sterben Jesu Christi. Die Gedanken gehen dabei auch zum Tod von lieben Menschen. Und alle, die in der letzten Zeit einen geliebten Menschen verloren haben, spüren die Trauer und den Schmerz des Verlustes. Sie stehen mit den Jüngerinnen und Jüngern unterm Kreuz. So wie wir es in den Zeugnissen der jungen Menschen vorhin gehört haben: von der Stille und der lauten Lücke, Trauer ist wie Laufen auf Glasscherben. Trauer schmerzt und macht mich einsam und die Gedanken drehen sich im Kopf. Traumpapier und Trauertraum und nicht wissen, wie tief die Trauer wird und wie lange sie währt. Hast Du Dir die Zeit genommen den Verlust zu Beweinen und den Schmerz zu ertragen? Hast Du Dir die Zeit genommen, die Deine Seele braucht? Weinen und Trauern am Karfreitag über unseren Schmerz.
Jesu Tod ist ein gewaltsamer Tod. Jesus wurde gefoltert und verspottet, wurde am Kreuz als Unschuldiger, wie ein Verbrecher hingerichtet. Das lässt all die viel zu vielen gewaltsamen Tode vor unser Auge treten. All die Gewaltopfer und Kriegstoten die wir beklagen und deren Leid wir mitfühlen und die unser Herz zerreißen. Und wir wissen, dass Gott genau dies nicht will, er zeigt in Jesus wie der Weg der Gewaltlosigkeit und Versöhnung gegangen werden kann. Jesus stirbt an der Gewalt, an der Sünde der Menschen, die sich in Gewalt äußert und er stirbt, um Tod und Sünde zu überwinden. Kein Gewaltopfer ist bei Gott vergessen, denn Christus solidarisiert sich mit ihnen. Heute am Karfreitag Weinen und Trauern wir über die Vielen, die einen gewaltsamen Tod gestorben sind.
Jesu Tod ist ein besonderer Tod. Es ist der Tod, der alle Zeiten gewendet hat. Es ist der Tod für Dich und für mich, für uns. Er stirbt, damit wir Leben und Frieden haben können. Es ist die Liebe selbst, die sich hingibt und die getötet wird von den Mächtigen, die alles zerstören, was ihnen gefährlich werden kann. Damals wie heute. Jesus ist aber nicht wie sie, er ist nicht wie wir. Er antwortet nicht auf Gewalt mit Gegengewalt, auf Kränkung mit Hass, sondern er überwindet dies in Liebe, weil er Gott ist und Gott ist die Liebe.
Jedes Detail der Passionsgeschichte, die wir in den letzten Tagen bedacht haben und die heute am Karfreitag ihren Abschluss findet, hat tiefe Bedeutung, denn es ist die Passion und das Sterben des menschgewordenen Gottes. Lasst uns heute auf seine letzten Worte hören. Lasst uns sie aufmerksam betrachten. Sie sind uns in die Hand gegeben. Sieben Perlen auf eine Gebets-Schnur gefädelt, zum Betasten und Belauschen, zum Nachsprechen und Nachsingen, zum Bedenken und Meditieren. Mit ihnen können wir immer neu beginnen zu verstehen, was da geschieht am Kreuz und unter dem Kreuz - uns zu Gute.
So hören wir, wie Jesus sagt: „Frau, siehe, dass ist dein Sohn“ und zu seinem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Jesu Mutter und sein Lieblingsjünger werden aneinander gewiesen, damit sie sich stützen und stärken können. Jesus schützt seine Mutter. Das ist tröstlich zu sehen und ein Hinweis für uns, unsere Dinge zu ordnen in den Familien. Die Liebe lässt niemanden allein. Und es gibt eine tiefere Bedeutung, denn hier entsteht Kirche. Zwei Menschen, die familiär nicht verbunden sind, werden zur Familie erklärt. Durch Jesu Tod und in seiner Nachfolge, wenn wir das Vaterunser beten, werden wir zu Brüdern und Schwestern, zur Familie Gottes.
Jesus ruft: „Mich dürstet“ und ist hier ganz Mensch. Und gleichzeitig ist es der Ruf der Menschheit nach Erlösung, nach gelingendem Leben und geistlichem Tiefgang. Und Jesus bekommt kein Wasser. Und hier merke ich, dass die Gesänge der Psalmen aufgenommen werden. Psalm 69: „Sie gaben mir Essig zu trinken“ und Psalm 51: „Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werden“. Ein Klang beginnt.
Und dann ruft er im Johannesevangelium: „Es ist vollbracht.!“. Hier beginnt etwas ganz Neues, es ist zum Ziel geführt. Bei Lukas singt er: „In Deine Hände befehle ich meinen Geist“ und bei Markus und Matthäus singt und stöhnt er: „Eli, Eli lama asabtani – Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ All dies sind Psalmenworte, ist Klang. Ist die die Aufnahme der großen Gesänge des Volkes Israel. Die ganze Passionsgeschichte ist der erlittene und durchlebte Psalm 22, ist ein Gesang, der zum Ziel kommt.
Sein Sterben war so einprägsam, dass der Hauptmann unter dem Kreuz, der, schon viele gekreuzigt hatte, bekennen muss: „Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Hier ist mehr als ein menschliches Sterben. Hier sehen wir Gottes Sohn, der für uns stirbt.
Johann Sebastian Bach: Matthäuspassion: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“
Mit diesem Bekenntnis, mit dieser Erkenntnis wird eine andere Tonart eingeschlagen, ist ein neuer Rhythmus gesetzt. Die Gesänge, die aufgenommen sind, führen zu einem neuen Lied. Wir sehen Christus als den, der für uns stirbt. Und in die Trauer und in den Schmerz, in die Stille des Karfreitages mischt sich ernste Freude und Dankbarkeit. Und so feiern wir als Protestanten Karfreitag als unseres höchsten Feiertag.
Und wir hören wie Jesus am Kreuz sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Sterben beginnt bei Jesus mit der Bitte an Gott zu Vergeben. Und eben nicht damit, seine Peiniger zu verfluchen. Der Gekreuzigte betet für seine Henker und betet für seine Feinde. Gewaltlosigkeit, die er gepredigt hat, lebt er bis zum letzten Atemzug. Aber er vergibt ihnen nicht, sondern er bittet Gott zu Vergeben. Und hier spüre ich, ein Gewaltopfer kann nicht einfach vergeben, das braucht einen langen Weg. Aber Jesus betet zu Gott, dass er vergibt. Und so beten auch wir im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Vergebung gilt nicht nur denen, die wissen, was sie tun, sondern auch denen, die es nicht wissen – sie gilt auch uns. Und Vergebung ist schwer.
Angesichts der Bilder aus dem Iran, der Ukraine, aus Israel und Gaza und den vielen Opfern dort, scheint Vergebung unmöglich. Und doch sind wir durch Christus herausgefordert zu vergeben und als ersten Schritt Gott um Vergebung für die Feinde zu bitten. Mit dieser Bitte beginnt der Weg der Vergebung und der Gewaltlosigkeit.
Und dann sagt Jesus zu dem, der neben ihm am Kreuz hängt: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“
Zwei Verbrecher wurden mit Jesus gekreuzigt. Der eine verspottet ihn und der andere bittet Jesus ihn zu retten. Und Jesus sagt: „Wahrlich, du wirst heute mit mir im Paradies sein“.
Die Gesänge, die neue Tonart, die er anstimmt, öffnen die Tür zum Himmel. Ja und sie sagen uns liebe Gemeinde: Die Gnade, die Jesus jenem Verbrecher am Kreuz schenkte, gilt auch uns, jedem Einzelnen. Jeder kann jederzeit umkehren. Sie kennt keine zu späte Stunde und keine verschlossenen Türen. Wenn wir Christus bitten, können wir hoffen, dass er uns die Tür zum Paradies öffnet. „heute wirst Du mit mir im Paradies sein.“
Jesu Worte öffnen uns den Himmel! Heute am Karfreitag und darum ist dieser Tag für uns auch ein Feiertag und mehr als ein Trauertag. Er hat alles für uns getan. Inmitten der Schatten der Vergangenheit und der Dunkelheit des Sterbens bricht Jesus die Nacht der Schuld auf und verwandelt das Ende in einen neuen Anfang.
Und wir hören Jesus beten, wir hören ihn singen: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ „Mein Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Alles Psalmworte und die ganze Passionsgeschichte ein einziger Gesang. Kannst Du singen im Schmerz in der Trauer, dass sich Deine Seele öffnet und die Gnade einströmen kann?
Jesus summt, Jesus singt, er stöhnt im Sterben. Er singt Psalmen. Er findet dort die Worte, die ihn durch den Tod hindurchtragen. Bis zum letzten Atemzug lobt er Gott. Und stirbt getröstet.
Lasst und verbunden sein mit dem großen Vorsänger und ihm nachsingen und nachfolgen.
AMEN
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
AMEN