Predigt im Dom zu Magdeburg 11.Januar 2026 (1.So.n.Epiphanias), Landesbischof Friedrich Kramer
Predigttext: Mt 3,13-17
Gnade sei mit euch und Friede von dem, wer da ist und der da war und der da kommt, Christus Jesus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder, Sie haben die Axt mitgebracht und die Säge und gehen hinaus auf den gefrorenen See. Sie hacken ein Loch und bohren und sägen es dann aus. Und dann springt einer nach dem anderen ins kalte Wasser. Ich weiß nicht, ob Sie das mal erlebt haben bei unseren orthodoxen Freunden. Vielleicht haben Sie es auch schon mal probiert?
Noch ist die Elbe ja nicht zugefroren, aber es ist ein eindrucksvolles Bild mit den Schollen auf der Elbe. Zu Januar gibt es das Januar-Anbaden. Das hat sich gehalten.
Ich war letztens in Dublin, und auch dort am Neujahr draußen am Meer. Da trafen sich alle und gingen erstmal anbaden. Jung und Alt gingen ins Wasser. Und da hält sich ein altes Wissen und eine alte Tradition, nämlich, dass der erste Sonntag nach Epiphanias der Taufsonntag ist. Und da muss man sich natürlich seiner eigenen Taufe erinnern und springt ins Wasser und hat früher sicherlich gesagt: „Gelobt sei Jesus Christus, dass ich getauft bin in Ewigkeit. Amen.“ Das fällt heute weg, heute quietscht und schreit man und springt trotzdem fröhlich ins kalte Wasser.
Heute also: die Erinnerung an die Taufe Jesu Christi, der Taufsonntag. Und wir merken: Ein kurzer Text bei Matthäus. Jesus kommt zum Jordan und will sich taufen lassen.
Vermutlich war er historisch gesehen einfach einer der Jünger von Johannes. Er ist wie viele ins Wasser gestiegen und hat gesagt, ich tue Buße, ich kehre um, ich will neu anfangen. Und später haben wir natürlich erkannt, dass Jesus das weiterentwickelt hat, was Johannes gesagt hat. Nicht nur den Ruf zur Buße, sondern das Erzählen vom Reich Gottes, die Einladung, jetzt schon im Reich Gottes unterwegs zu sein. Und dass er seine Jünger gerufen hat, Israel neu begründet mit den zwölf Jüngerinnen und Jüngern. Dass er gestartet ist und dann gestorben ist am Kreuz.
Und wir haben erkannt, wie der Hauptmann gesagt hat: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen. Da wird es deutlich, in der Taufe geht der Himmel auf und Gott sagt: Dies ist mein geliebter Sohn. Am Kreuz sagt es der Hauptmann, der Fremde, der Heide, einer wie wir.
Und dazwischen gibt es bei den Evangelisten die Geschichte von der Verklärung, wo den Jüngern plötzlich klar wird: Ja, das muss Gottes Sohn sein. Wie macht man es dann, wenn der Gottessohn zur Taufe kommt? Das haben sich die Evangelisten überlegt und haben unterschiedlich darauf reagiert. Hier, sehr knapp bei Matthäus, sagt Johannes nur: „Ich soll dich taufen? Du müsstest doch eigentlich mich taufen, ich kann dich nicht taufen, du bist sündfrei. Und warum sollst du dann dich taufen lassen?“ Und Jesus sagt: „Lass es geschehen. Er sagt uns das schöne Wort: „Lass es jetzt zu, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Da ließ er es ihm zu.
Jesus besteht auf seiner Taufe. Er besteht darauf, um die Gerechtigkeit zu erfüllen. Und die Gerechtigkeit, die Jesus bringt, ist eine, die völlig anders ist als die Gerechtigkeit der Welt. Sie schaut nicht nach sich selbst, sondern nach dem Anderen. Sie hat ganz neue Ideen der Gestaltung. Sie geht aus der Gewalt in die Gewaltlosigkeit, geht aus dem Egoismus ins Teilen, geht aus der Hoffnungslosigkeit in die Hoffnung.
Die Gerechtigkeit, die hier geschehen soll, ist eine, die mit der Nachfolge zu tun hat. Und Jesus besteht darauf, sich taufen zu lassen, weil er der erste Mensch ist, in dem Gott voll zur Geltung gekommen ist. Und er will, dass auch du ein Mensch wirst, in dem Gott voll zur Geltung kommt.
Und weil er weiß, dass der Mensch ein Nachfolgewesen ist, ruft er den Menschen in die Nachfolge, in die bessere Gerechtigkeit und geht den Weg voran. Er lässt sich taufen, so wie du und ich oder viele von uns, vielleicht nicht alle, aber die meisten hier im Raum auch getauft sind. Ihm hinterher. Und so folgen wir unser Leben lang seinem Spuren und werden am Ende unseres Lebens durch den Tod ihm nachfolgen in den Himmel, den er schon für uns bereitet hat. Denn er lässt uns nicht los und was in uns durch ihn Gott geworden ist, das hat Bestand. Jesus lässt sich taufen, und der Himmel geht auf und wir hören: „Wahrlich, dieser ist mein geliebter Sohn, dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
Wie wird Jesus Gottes Sohn? Da gibt es drei verschiedene Erzählungen in der Bibel.
Die erste ist die der Adoption. Das finden wir bei Markus. Da ist es so, wie es hier bei Matthäus auch aufgenommen wird, der Himmel geht auf und Gott ‚adoptiert‘ Jesus als seinen Sohn. Und ich glaube, dass Gott einmal Adoptionslust bekommen hat: dass er weitermacht in jeder Taufe. Und er ist einer, der, auch als du getauft wurdest, gesagt hat: Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebtes Kind. Oder kann es nur einen Sohn Gottes geben? Die Theologen haben weiter nachgedacht, und dann haben Matthäus und Lukas Markus weiterentwickelt und haben eine wundervolle Geburtsgeschichte erzählt, zwischen der wir uns ja Weihnachten bewegen, von der Geburt in Bethlehem und der Krippe und dann auf dem Weg zum Kreuz.
Vorher noch kommt die Könige vorbei am 6.Januar und bringen die Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Zwei Geschichten, die zehn Jahre auseinanderliegen, aber herrlich: Das Krippenspiel jedes Jahr will beleben und erneuern und ganz augenscheinlich zeigen: Gott ist Mensch geworden. So schön wird es erzählt.
Und Johannes geht noch einen Schritt weiter, der sagt, Gottes Sohn war schon immer Gottes Sohn. Vor aller Zeit. Denn Gottes Sohn ist Gottes Wort. Und bevor die Welt gemacht wurde, das erste Wort, was Gott gesprochen hat, das ist schon sein Sohn. Und als die Zeit erfüllt war, ist dieses Wort Fleisch geworden. Und das Fleisch gewordene Wort, das ist Jesus Christus, der in die Welt gekommen ist. Und dieses Fleisch gewordene Wort geht dann auch wieder zu Gott und es tut das, was es sagt. Es erfüllt, was es verspricht. Also haben wir ganz verschiedene Geschichten der Gottessohnschaft und die spannende Frage: Wie ist es eigentlich mit dir? Unsere orthodoxen Geschwister nennen den Prozess des Christwerdens „Vergottung“.
Haben Sie das schon mal gehört? Können Sie sich vorstellen, dass Sie durch Ihre Taufe vergottet worden sind? Wie soll das gehen? Eine komische Vorstellung, die auch gefährlich ist, weil wenn Menschen sich zu Gott machen, wissen wir, das wird tödlich! Und wir erleben es in unseren Tagen gerade in brutaler Weise. Die Herren dieser Welt, seien sie Putin oder Trump oder wie auch immer sie heißen, verhalten sich so, als seien sie Gott, als könnten sie alles tun und lassen, was sie wollen, aber sie verhalten sich nicht so wie der Gott, den wir kennen.
Und viele Menschen heute haben ihren Glauben verloren und verhalten sich wie Gott, denken, dass sie selbst Gott sind. Und was Götter am wenigsten ertragen können, scheinbar, jedenfalls in der Vorstellung vieler Menschen, ist: Widerspruch. Weswegen viele Menschen heute darauf behaupten, dass nur sie und nur allein sie Gott sind und Recht haben. Scheint vor allem eine Krankheit zu sein für Männer, also in meinem Alter: ältere, weiße Männer, die da besonders gerne laut und heftig rumgeifern.
Unser Gott verträgt auch Widerspruch. Er freut sich, wenn du mit ihm sprichst, auch mit ihm streitest, denn er ist ein Gott des Lebens und der Lebendigkeit. Aber wie ist das mit dir? Bist du ein Teil Gottes geworden durch die Taufe? Gibt es nur einen Sohn Gottes oder gibt es Milliarden Söhne und Töchter Gottes? Sind wir nicht durch die Taufe ein Teil Christi geworden, ein Teil seines großen Leibes, der verbunden ist durch die Taufe, durch den Heiligen Geist, und die immer wieder neu konstituiert wird im Abendmahl und neu schmeckt und fühlbar wird? Sind wir nicht alle miteinander Gotteskinder? Wie im Wochenspruch heißt: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“
Und in den Seligpreisungen gibt es die Seligpreisung: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Gottes Geist ruft zu einer neuen, zu einer anderen Gerechtigkeit – einer Gerechtigkeit, die die andere Wange hinhält, die das zweite Hemd gibt, die noch eine Meile mehr gibt. Eine Gerechtigkeit, die wundervoll die Barmherzigkeit und die Liebe Gottes groß macht, die nicht das ihre sucht, sondern das des anderen, die Wege sucht aus Gewalt und Verderben hin zu einem Leben in der Fülle von Gottes Gnade. Und du bist ein Teil darin.
Oder sagst du, das ist mir zu groß, ein Teil Gottes zu sein, eine Tochter, ein Sohn Gottes zu sein, das soll mal lieber Jesus machen, wir wissen ja, wo das hinführt: Ans Kreuz, da will ich lieber nicht so hart mitgehen.
Und doch mutet Jesus uns das zu, er sagt: „Ihr seid das Licht der Welt“ und: „Ihr seid das Salz der Erde. Also stellt euer Licht nicht unter den Scheffel!“ Lasst es leuchten, lasst das, was am Wort Gottes in euch groß geworden ist, andere spüren und erfahren, hier herrscht eine andere Gerechtigkeit, hier herrscht eine Liebe, hier herrscht eine Barmherzigkeit, Glaube und Hoffnung, die froh machen und die andere stark machen und stärken kann. Stellt nicht das Licht unter den Scheffel und mischt euch fröhlich unter alles, als Salz der Erde, auf das die Gerechtigkeit hindurchschmecke.
Die Taufe ist etwas, was uns miteinander verbindet und was uns mit Gott verbindet über unser Leben hinaus. Und es ist gut, sich daran zu erinnern. Und du musst nicht gleich in die Elbe springen, um das zu tun, aber falls du zu den Neujahrsbadern gehörst, erinnere dich daran: Du bist getauft. „Gelobt sei Jesus Christus, der mich in der Taufe zu seinem Kind berufen hat.“
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.