Predigt im Magdeburger Dom am 1. Februar 2026, Landesbischof Friedrich Kramer
1.Februar 2026, Dom zu Magdeburg
Liebe Schwestern und Brüder, wann haben Sie das letzte Mal so geträumt, dass Sie nachts aufgewacht sind? Schreiben Sie Ihre Träume auf? Sind es manchmal verstörende Bilder? Oder sind es fröhliche Träume? Wir träumen alle sehr unterschiedlich. Der eine schläft durch, die andere wacht auf, der andere kann nicht wieder einschlafen wegen der Träume.
Dass Gott durchaus im Traum sprechen kann, ist biblische Gewissheit. Und wir haben ein Traumbuch, mit dem endet die Bibel, nämlich unsere Bibel, das Neue Testament, mit der Offenbarung des Johannes. Bilder über Bilder, ein Klang, ein wahnsinnig großartiges, aufgemachtes Bild der Welt. Und Wahnsinn ist nicht weit davon weg, weil manches ist unergründlich. Und man fragt sich, wie konnte man das schauen? Heute hören wir den Anfang davon. Den Anfang von der Schau des Johannes, des Bruders und Mitgenossen in der Bedrängnis.
Hört den Predigtext aus der Offenbarung des Johannes, im ersten Kapitel:
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse, an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme, wie von einer Posaune.
Die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardis und nach Philadelphia und nach Laodicea.
Und ich wandte mich um zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan, mit einem langen Gewand, gegürtet an der Brust und einem goldenen Gürtel.
Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee und seine Augen wie eine Feuerflamme. Und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet und seine Stimme wie großes Wasserrauschen. Und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand und aus seiner Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und scheint in ihrer Macht.
Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Gott schenke uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für sein Wort.
So geht es los, und dann kommen die großen Visionen von den Posaunen, den Schalen und den aufzubrechenden Siegeln. Sie haben es vielleicht schon mal gelesen. Immer wieder Bildgeber für viele Filme in unserer visuellen Welt, wenn sie mal Science Fiction und Blockbuster darauf abklopfen: Irgendwie sieht man immer was aus der Offenbarung des Johannes. Alles schon gesehen und großartig dargestellt. Was auffällt am Anfang ist, dass der Seher Johannes ganz klar die Nähe zu denen sucht, denen er das berichtet.
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis, aber auch am Reich und an der Geduld in Jesus. Ich bin einer von euch, das stellt er klar. Ich bin nicht über euch, bin nichts Besseres, bin nicht erkenntnisfähiger, aber ich hatte eine große Vision, die euch aufrichten kann.
Und wenn man die Bilder sieht, die oft auch verwirrend und unverständlich sind, dann spürt man, hier gibt es eine Kraft, die in der Nacht aufleuchtet und die in die Dunkelheit hineinscheinen will. Bilder, die da sind und die man erkennen kann.
Johannes schreibt, und es ist wie bei ihm, wie beim Träumen: Mit Worten kann man es gar nicht genau fassen. Aber: Was er sieht, beschreibt er, und es hat etwas, wie auf dem Berg der Verklärung, wie wir es im Evangelium gehört haben: Plötzlich ist es klar, es leuchtet Christus im weißen Gewand. Überwältigender Eindruck von dem, was der Glaube erkennt und bekennt. Dass sich in Jesus Christus die ganze Macht und Herrlichkeit Gottes zeigt. Johannes sieht ihn als Richter der Welt, und seine Stimme nimmt er wahr wie eine Posaune. Und schon da sind wir mitten in den ganzen Bildern der Bibel, die man entschlüsseln kann, wenn man viel Bibel gelesen hat. Das empfehle ich Ihnen ausdrücklich, weil es dann Spaß macht zu entdecken, wie Themen aufgenommen und neu in Klang gebracht werden. Was für ein Klangraum.
Gott redet mit seinem Volk, und diese Geschichte beginnt immer wieder neu. Der, der spricht, ist unzweifelhaft Jesus Christus. Der sagt, ich war tot und bin wieder lebendig.
Ich habe die Schlüssel. Und wie er beschrieben ist: ein langes, weißes Gewand. Keine Rüstung. Das Einzige, was er trägt, ist der Gürtel. Ein goldener Gürtel. Und wenn Sie den Text von der geistlichen Waffenrüstung im Ohr haben aus Epheser 6, dann wissen Sie, der Gürtel ist der Gürtel der Wahrheit. Und die goldene Wahrheit, die gleichzeitig die goldene Liebe ist, die Herrlichkeit, ist die Schönheit Gottes. Und sein Mund spricht unbestechlich Recht. Dafür steht das zweischneidige Schwert.
Und wie viele Christengenerationen hat es verängstigt. Wenn Sie alte Bilder sehen, Gemälde oder alte Kunstwerke, dann sehen Sie oft eine Mandorla, also ein Lichtkranz, da drinnen Christus auf der Weltenkugel als Herrscher und aus seinem Mund kommt ein zweischneidiges Schwert und eine Lilie. Der Weltenrichter. Du wirst dich verantworten müssen. Was hatten die Menschen Angst! Und zum Glück hat uns Martin Luther, der große Entängstiger, diese Angst genommen. Hat gesagt: Guck genau hin.
Der da steht, ist der Mann der Liebe, der für dich eingetreten ist, der genau diese Strafe schon für dich getragen hat am Kreuz. Du musst keine Angst haben, sondern sollst ihn lieben. Und trotzdem gilt, du musst dich verantworten.
Und dann: die Füße wie Golderz. Merkwürdig. Können Sie sich ein Christus mit goldenen Füßen vorstellen? Eine merkwürdige Vorstellung. Aber sie spielt an auf die Bildschau des Daniel. Im Danielbuch, dort gibt es eine Geschichte (Daniel 2). Da träumt plötzlich nämlich auch der mächtigste der Welt, Nebukadnezar, der Herrscher des altpersischen Reiches. Und er träumt, und das war damals übrigens das größte Reich der Welt, auch menschenmäßig. Die Römer waren auch nicht schlecht, aber liegen, glaube ich, in der Größe der Reiche gar nicht so weit vorne. Aber aufgrund der christlichen Geschichte wollen immer alle ans Römische Reich anknüpfen. Wie wir hier ja auch mit den Säulen, die aus Rom sind, hier bei uns im wunderschönen Remter versucht man immer wieder an die großen Reiche anzuknüpfen.
Dort träumt Nebukadnezar nachts. Er träumt, er sieht eine riesige Statue. Das Haupt aus Gold, die Brust aus Silber, der Leib aus Bronze und die Füße aus Lehm und Eisen gemischt. Und dann fällt ein Stein von oben herab und zerstört die Füße. Sie kennen das, tönerne Füße. Man steht auf tönernen Füßen, da kommt das her.
Und der ganze Koloss bricht zusammen, und am Ende breitet ein großer Berg. Und auf diesen Berg werden die Völker gerufen. Sie merken schon, da klingt der Berg Zion an und all die Themen der Offenbarung, die auch auftauchen am Ende der Tage. Christus hat goldene Füße. Und diese Füße sind nicht golden, weil sie aus Gold sind, sondern weil sie in dem Licht gehen, von dem wir zu Weihnachten gehört haben, das in Jesus Christus in die Welt kommt. Oder wie es so schön heißt in einem Jazz-Standard, wenn du Kummer hast und Sorgen, dann geh einfach raus mit deiner Jacke und geh auf die Straße und geh auf die Sonnenseite der Straße. Und dann deine Füße werden leuchten wie Gold und du bist reicher als Rockefeller, denn du bist auf der Sonnenseite. Und wir wissen, Sonnenseite und Dunkelseite ist die eine Seite. Hier geht es um die Wahrheit und die Liebe. Und wenn sie leuchtet und du mit deinen Füßen auf den Weg der Liebe und Wahrheit gehst, wirst du Füße haben wie Christus. Füße, die leuchten, denn sie sind auf dem richtigen Weg.
Die Bilder der sieben Sterne sind Bilder für die ganze Christenheit oder für die sieben Gemeinden: Ephesus, Myrna, Pergamon, Thyatira, Sardis, Philadelphia und Laodicea.
(Das war immer für uns Theologen so eine Angstfrage, wenn man in der Prüfung dann gefragt wurde, wie heißen die sieben Gemeinden in der Offenbarung des Johannes. Da gab es dann immer diesen schönen Espatulia-Saphila-Spruch. Da hat man sich das dann in ein Kunstwort gebildet, um dann immer im Kopf das abbilden zu können, wie sie heißen.)
Die sieben Gemeinden liegen heute im Westen der Türkei, altes christliches Urgebiet, vermutlich Gebiet der Gemeinde des Johannes. Genau weiß man das nicht.
Interessanterweise hat man aus dem Satz „Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und ich bin um des Wortes Gottes und der Zeugnisse Jesu willen auf der Insel.“ immer geschlussfolgert, Johannes sei verbannt worden. Aber die heutigen Exegeten sagen, eine Verbannung ganz in die Nähe macht eigentlich keinen Sinn.
Man verbannt nicht von Sankt Petersburg nach Moskau, sondern wenn, dann nach Sibirien. Das war im Römischen Reich übrigens nicht anders. Insofern spricht vieles dafür, dass er vielleicht da war, um zu predigen und den wenigen Einwohnern der Insel Patmos das Evangelium zu bringen.
Aber sie merken, je nachdem, mit welcher Brille man Texte anschaut, hört man was. Und hier geht es darum, dass Christus sich vorstellt. Christus zeigt sich und man erkennt Gottes Größe an ihm. Auch das zieht sich durch die ganze Bibel hindurch bis ins letzte Buch, und so fällt auch Johannes, als er die Größe sieht, zu Boden. Und was tut Christus? Er richtet ihn auf. Er übernimmt es selbst, ihn mit der rechten Hand anzurühren und mit der Seite der Kraft und Macht, ihn zu öffnen für das, was er schauen soll. Und hinter den gewaltigen Bildern steht purer Trost. Und es gab sicherlich Zeiten, wo die Offenbarung des Johannes vielleicht weit weg war.
Es gibt Christenmenschen, die gucken fast die ganze Bibel durch die Brille der Offenbarung des Johannes an. Man kann das sehr unterschiedlich handhaben. Aber hier beschreibt Christus sich als einer, der gestorben ist und der wieder auferstanden ist und der die Schlüssel hat, mit der man das Totenreich aufschließen kann.
Und sie wissen, wer die Schlüssel hat, die hat der Herrscher des Totenreiches. Christus hat sie ihm abgenommen und schließt von innen das Totenreich auf: für uns. Die Frage also, wer am Ende leben wird, wer Macht hat, wer das Heil ist, wer die Kraft hat, ist entschieden. Das ist Christus! Und die Offenbarung des Johannes wird geschrieben in einer Zeit, als die römischen Kaiser so verehrt wurden, dass man Altäre für sie aufgerichtet hat. Und wer sie nicht mit angebetet hat, der wurde ins Gefängnis geworfen und musste mit Verlust von Leib und Leben rechnen.
Unsere Anbetungsstrukturen sehen heute anders aus. Sie sind medial. Und wer heute Putin, Trump oder Xi nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die sie sich medial wünschen, ja vielleicht sogar Gegenposts oder Gegenreden wagt, der muss heute wie damals mit Gefährdung rechnen.
Und dagegen tröstet uns die Offenbarung des Johannes, indem sie sagt: Die Despoten dieser Welt sind nicht die Herrscher. Sie finden ein Ende, wie wir es in der Statue bei dem Traum von Daniel, also von Nebukadnezar, den Daniel deutet, gehört haben. Es fällt alles zusammen. Die Reiche dieser Welt werden keinen Bestand haben. Nur einer hat Bestand. Und auf den darfst du dich verlassen.
Und darfst dich nicht irre machen lassen von all dem, was jetzt geschieht. Und da ist der Ruf, der an Johannes ergeht, auch einer an uns: Fürchte dich nicht.
Die Weltgeschichte wird in der Offenbarung entschlüsselt. Es geht um die persönliche Befreiung eines jeden Einzelnen von uns, um die Überwindung des Todes. Johannes begegnet dem Seher, indem er ihm den Schlüssel zeigt. Diesen Durchblick bekommt Johannes plötzlich und unverhofft. Aber Johannes ist kein Besonderer. Er ist ein ganz einfacher Mensch wie du und ich. Einer, der nicht den Eindruck vermitteln will, jetzt hier die große Weisheit gefunden zu haben, sondern der in der Bedrängnis Klarheit gewinnt. Wir denken in wenigen Tagen an den 120. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer, der 1944 in Gestapohaft kam, weil man ihm die Beziehung zu den Kreisen des Widerstandes zerbrechen wollte, indem man ihn inhaftiert und dann tötete. Man wollte auch seinen Mut brechen. Er aber schreibt in dem Gedicht „Wer bin ich?“, wie es ihm innerlich geht und wie er äußerlich wirkt:
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich trete aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spreche mit meinem Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten. Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß, unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Gefängnis, ringend nach Lebensarten, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen. Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir ist und was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg? Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, du kennst mich. Dein bin ich, o Gott.
Und genau darum geht es in unserem Königreich, was wir erkennen: Dein bin ich, o Gott. Was auch an Schrecklichem, an Bedrohlichem, an Unverständlichem geschieht.
Wir sind in Christus und er ist das Licht. Er ist die Wahrheit und die Liebe. Ihr sollen mir folgen.
Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.