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Predigt zu Christi Himmelfahrt 2026 in Hellborn

Landesbischof Friedrich Kramer zum 30-jährigen Jubiläum der Vogelstimmenwanderung in Hellborn

Man staunt nicht schlecht, wie viele Menschen sich doch fröhlich im Mai auf den Weg machen! Die Männer haben diesen Tag okkupiert, mancherorts wird er Vatertag genannt. Es ist natürlich ein Herrentag, ein Tag des Herren Jesus Christus, dessen Himmelfahrt wir heute feiern.
Himmelfahrt! Ein Tag, der, glaube ich, nicht leicht zu verstehen ist. Was soll das sein? Es gibt so herrliche Abbildungen, auf denen man auf einem Felsen noch die Fußspuren von Jesus sieht, und nur noch die Füße in den Wolken – und die Jünger staunen, wo er hingefahren ist.

Kann man sich das vorstellen, heute im 21. Jahrhundert? Wie denken Sie das, dass Christus zu Gott fährt? Es ist theologisch sehr wichtig, weil klar ist: Gott ist zu Weihnachten Mensch geworden, hat als Mensch gelebt, ist getötet worden, und in der Himmelfahrt wird der Mensch Jesus aufgenommen in die himmlische Sphäre. Und das heißt, dass auch du und ich, die wir Menschen sind, einen Weg haben werden zu Gott, wenn wir uns an Christus festhalten und ganz eins mit ihm sind.
Und diese Himmelfahrt ist einfach bei uns hier auch in unserer Gegend einfach, mit der Maienzeit und den wilden Vögeln, die auch alle völlig ausflippen ab früh um halb fünf, die wir auch vorhin so schön gehört haben und in ihren Gebieten singen. Und man staunt, was es alles an Stimmen gibt. Und deswegen ist es so schön, dass Menschen große Freude daran haben, hinauszugehen ins Grüne und miteinander die Liebe feiern. Und um nichts anderes geht es zur Himmelfahrt: Die Liebe steigt auf zu Gott, und das ist das, was wir von Gott wissen, erfahren und erleben können: dass er uns liebt und dass er alles bereit ist für uns zu geben. Und dann haben wir vorhin im Evangelium das Gebet Jesu gehört, das er im Johannesevangelium vor seiner Passion betet: Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die ihr Wort an mich glauben werden. Und plötzlich sind wir mittendrin. Jesus betet nicht nur für seine Jüngerinnen und Jünger, die ihm gefolgt sind und von denen er Gott bittet, dass sie eins mit ihm seien: Denn wo Christus ist, sollen auch seine Jüngerinnen und Jünger sein; sondern er betet für ALLE, die durch ihr Wort, durch das Wort der Jüngerinnen und Jünger an ihn glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du Vater in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein. Ein Liebestext, ich in dir, du in mir, das finden sie auch im Hohelied der Liebe, ganz große Nähe, ganz große Verbundenheit. Vater, ich will, dass wo ich bin, auch sie mit mir seien. Und durch Himmelfahrt haben wir einen Platz im Himmel. Ich bitte aber, dass sie alle eins seien. 
Die Vereinigung ist gar nicht sich leicht vorzustellen, und wenn wir uns hier einander angucken, dass wir alle eins sind, dann würde ich sagen, ja, es stimmt, heute hier im Gottesdienst, wir sind eine Gottesdienstgemeinde. Und wenn Sie hier rausgehen, wissen Sie auch, da gibt es jeden Hof und den Hof und mit der Einheit, das ist manchmal nicht so einfach. Aber hier lernen Sie immer auf die Einheit und die gemeinsame Liebe den Blick auszurichten. Die Liebe als das Zentrum dessen, auf das es zugeht, und die Vereinigung mit Gott. Ist das nicht schön, dass wir Menschen mit Gott eins sein können? Erinnern Sie sich an Momente, wo das für Sie so war? Wo sie gespürt haben, dass Gott in Ihrem Herzen brennt und dass die Liebe groß ist zu Gott? Oder haben Sie gespürt, dass er Sie tröstet in schwerer Zeit? Wir können ganz eins mit Gott sein.

Und darum bittet Jesus. Er bittet: Vater, ich will das, wo ich bin, auch die bei mir sein, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht, ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. (Johannes 17,24-26)

Wir sollen in der Welt die Herrlichkeit Gottes erkennen. Und das haben wir heute getan, wir gehen los und hören, wie die Vögel singen. Ist das nicht fantastisch? Und wir staunen, was die Ornithologen alles wissen, und die sagen: Lerche, Goldammer, Rotkehlchen und was auch immer. Es gibt unendlich viele schöne Vögel. Und sie hatten hier einen Pfarrer, der war begeistert von den Vögeln und von dieser Herrlichkeit, der ist jede freie Minute in den Wald verschwunden und hat den Vögeln zugehört, hat sie auch gejagt, hat sie ausgestopft, hat sie angeguckt und hat sich wissenschaftlich mit ihnen beschäftigt.

Und wenn Sie anfangen, irgendwo genau hinzugucken, hat das immer zwei Seiten. Das eine ist: Sie können die Herrlichkeit entdecken. Sie können aber auch die Schwächen sehen und die Unterschiede. Wie in der Liebe. Niemand weiß mehr über mich als meine Frau. Und wenn sie mich mit liebenden Augen anblickt, ist das wundervoll. Wenn die liebenden Augen sich eintrüben, wird es schwierig. Deswegen ist es so wichtig, die liebenden Augen zu behalten, wie uns Christus ruft, und die Herrlichkeit Gottes wahrzunehmen. Und in den Vögeln kann man das wundervoll, weil sie so vielfältig sind. Und man fragt sich: Warum hat Gott so viele Unterschiede gemacht? Schon wenn wir uns anschauen, ist das nicht fantastisch? Und wenn man sich in einen Menschen näher hineinschaut, sieht man, wie großartig und wundervoll es ist. Nähe entsteht und Liebe und all das, was uns Menschen froh und glücklich macht. Und Pastor Brehm war ganz begeistert von diesen Vögeln, die er hat entdecken dürfen. Und ist Ehrendoktor geworden, Mitglied der Leopoldina. Ist in Halle anzugucken, ein großes weißes Gebäude. Da gibt es zwei Pfarrer, die aufgenommen wurden, weil sie sich mit Vögeln beschäftigt haben. Der eine ist hier, Bruder Brehm, und der andere ist Otto Kleinschmidt aus Wittenberg, der übrigens 1896 hierher gekommen ist und sich den Nachlass von den ganzen Vögeln angeschaut und sie mitgenommen hat und in gute Hände gegeben, damit sie nicht verkommen. Und diese beiden Pfarrer haben immer genau hingeschaut und die Vögel analysiert. Und das kann man auch verstehen, weil Theologen natürlich lieber nach oben gucken als nach unten. Er hat sich also nicht mit Käfern und Würmern beschäftigt, hätte man ja auch machen können im Wald, sondern eben mit den Vögeln. Und dies nach oben schauen zu den Vögeln ist auch etwas Wundervolles! Und nicht umsonst haben wir Menschen, auch wenn wir über Engel nachdenken und Himmelsgestalten, immer das Gefühl, die müssen mindestens Flügel haben. Und wenn Sie singen, wachsen Ihnen auch Flügel, denn sie tun es wie die Vögel. Und deswegen ist es gut, dass wir unseren Mund auftun und Gott loben. Pfarrer Brehm hat am 27. April 1862 in Renthendorf zu seinem 50-jährigen Amtsjubiläum gepredigt. Er war 50 Jahre lang Pfarrer (davon träumen wir als Kirche, dass Kollegen so lange durchhalten...). Aber das war damals noch üblich, er hat also bis 75 gearbeitet und hat dort gepredigt über die wunderbaren Freuden, die er in dieser Arbeit entdeckt hat: „Welche Freuden mir Gottes Segen in meinem Amte geschenkt hat, brauche ich nach dem schon Gesagten nur noch nicht weiter zu schildern. Aber welchen Genuss hat mir der Herr auch durch die Erforschung seiner Werke bereitet. Es gibt kaum etwas Erhabeneres als die Macht, Weisheit und Güte Gottes in der Natur, der Werkstätte des Höchsten zu erkennen. Es ist zwar gegründet, was ein berühmter Schriftsteller sagt, ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist, aber wir können doch so viel erfahren und erkennen, dass wir aus voller Seele mit den Psalmisten ausrufen: Herr, wie sind deine Werke so groß und so viel, du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll deiner Güter. So hat auch mir der Allgütige die Gnade verliehen, seinen Spuren nachzugehen, überall die unverkennbaren, unleugbaren und unwidersprechlichen Beweise seiner Allmacht, Weisheit und Güte aufzusuchen und so manches zu entdecken, was früheren Forschern unbekannt geblieben war. Oh, wie segne ich die Stunden, welche mich der Herr in der freien Natur verleben ließ, sie waren ungemein genussreich, aber auch in meinem Leben hat mir der Herr manche Freude geschenkt, er hat mich durch manch glückliche Ereignisse erquickt und erhoben. Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast. 

Sie hören, mit welcher Freude er geforscht hat. Und er gehört zu den christlichen Naturforschern. Ich habe noch in der Schule gelernt, in der sozialistischen, dass Glaube so etwas Komisches von früher ist und dass die Naturwissenschaft natürlich das ist, was uns voranbringt und dass das das Einzige ist, was die Wahrheit ist. Und es ist in dieser Generation in sozialistischen Zeiten eine Naturwissenschaftsgläubigkeit entstanden, die den Unterschied zwischen Glauben und Naturwissenschaft nicht mehr versteht. Denn Naturwissenschaft ist immer vorläufig, nie alle Zeiten wahr, sondern kann sich verändern. Und wenn man was Neues über die Vögel rausbekommt, wird man das neu beschreiben müssen. Wenn sich die Natur ändert, werden sich auch die Vögel ändern, und wir erleben das ja immer wieder. Die Agrargenossenschaft, die Felder… und all die Fragen, wo bleiben die kleinen Käfer und Tiere, was ist da mit den Singvögeln, alles Fragen, wo wir merken, eins hängt mit dem anderen zusammen und wir müssen immer wieder neu schauen und weiter forschen. Das Grundprinzip naturwissenschaftlicher Wahrheit ist, dass sie morgen falsch sein kann. Allerdings die naturwissenschaftliche Gläubigkeit glaubt das nicht. Während der Glaube ganz anders denkt, er spricht von der Gewissheit. Er spricht von den Dingen, die unhinterfragbar wahr sind und damit unser Leben ausrichten auf die Liebe, auf die Wahrheit, auf Glauben und Hoffnung. Und deswegen erzählen wir Geschichten, die uns gewiss machen, dass nicht morgen die Welt untergeht, dass auch wenn es schwierig ist, es eine Hoffnung gibt, dass auch wenn wir durch Leid und Tod gehen müssen, trotzdem Christus uns trägt und wir eins mit ihm sind. Und das sind keine Wahrheiten, die sich widersprechen. Das können wir sehr schön an Pastor Brehm sehen, der als Meister die Naturwissenschaft betrieben hat und darin Gottes Spuren entdeckt hat. Das ist kein Widerspruch. Und ich glaube, das müssen wir immer wieder neu lernen, denn wir haben eine Zeit erlebt - und auch heute ist es bei vielen Menschen so - , dass Sie denken, Glauben und Wissenschaft widersprechen sich. Da muss man ehrlicherweise sagen, das liegt auch an der Kirche, die oft jahrhundertelang versucht hat, Wissenserkenntnisse zu unterdrücken, übrigens auch Glaubenserkenntnisse. Aber zum Glück ist das heute nicht mehr so und wir können uns mit den Naturwissenschaftlern, mit den Ornithologen, mit allen freuen, an der Vielfalt der Vögel, und ihren Stimmen lauschen und begeistert hören, wie sie Gott loben. 

Jetzt kommt die Stelle, wo ich über den Raben und die Krähe sprechen muss. Denn da muss kein Ornithologe sagen: Das ist die Krähe. Denn: Die hört man schon. Die singt ja nicht schön, und auch die Elster macht keine schönen Geräusche. Und trotzdem gehört sie zum Gotteslob. Und viele Menschen sagen ja, sie könnten nicht singen, und singen nicht. Aber Gott will, dass jeder seine Stimme zu seinem Lob, so wie die Elster, die Krähe und der Rabe krächzen zum Lobe Gottes. So sollt auch ihr, auch wenn ihr nicht schön Tenor und Alt und Sopran singen könnt wie unser Chor, trotzdem fröhlich die Stimmen erheben und Gott loben. Und das nicht nur in schönen Tagen, sondern auch in schwierigen! 

Ich zitiere noch einmal Pastor Brehm: „Es ist vielleicht kaum einer in dieser großen Versammlung, welcher so viele und so angreifende Todesfälle erfahren hat als ich und die meinen. Wer schildert die Angst und Betrübnis eines liebenden Herzens, wenn der unerbitterliche Tod heranschreitet, um das unendlich Teure hinwegzunehmen? Wer kann die Trauer beschreiben, wenn der Leichnam der heißgeliebten Person in den Sarg gelegt, aus dem Hause getragen und in das schauerliche Grab gesenkt wird? Wie erschütternd ist aus fernen Landen die Trauerkunde, dass ein teurer Sohn gestorben sei. Alles, das ist mir begegnet, das war mein Herz auf das Tiefste verwundet, da war meine Seele betrübt bis in den Tod, da war meine Kraft des Geistes und des Körpers fast ganz verschwunden. Der Kummer und die schlaflosen Nächte hatten mich so angegriffen, dass ich diesen heiligen Predigtstuhl mehrmals mit dem Gedanken, ihn lebend nicht verlassen zu können, bestiegen habe. Aber Gottes Kraft war in mir, in dem Schwachen, mächtig. Sein Gesetz war mein Trost. Die von mir vorgetragenen Worte und Gottes mächtiger Beistand stärkten mich wunderbar. Der Heiland stand in seinem Leiden vor meinen Augen, ich hörte seine Worte: Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein. Ich sah in ihm den Sieger über Tod und Grab und den Wiederbringer des Lebens. Ich fühlte tief, dass er in Wahrheit ist, die Auferstehung und das Leben. Und die Wichtigkeit seiner Worte, wo ich bin, soll auch mein Diener sein. Das richtete mich auf und gab mir Kraft. Meine gestorbenen Lieben sah ich nun im Geiste, droben in der Herrlichkeit bei ihrem Herrn und Heiland, in Gemeinschaft mit den Auserwählten und den früher heimgegangenen Verwandten, im Besitz einer ewigen, unvergänglichen Krone, im Genuss der vollkommenen Seligkeit.

Wie hätte ich da noch traurig sein sollen wie die, welche keine Hoffnung haben? Nein, die Hoffnung des Wiedersehens der Meinigen stand fest in meiner Seele und überwog den tiefen Schmerz. Gottes Gnade hat mich aufgerichtet und mit neuer Kraft belebt.“ 

So hören wir die Angefochtenheit, aber auch die Glaubensgewissheit. Die Glaubensgewissheit, die jeden Sonntag in unseren Kirchen gepredigt wird, die in eure Herzen kommen soll, dass ihr auch in dunklen Stunden nicht verstummt, sondern weiter auf Gott vertraut, auf Gott hofft und im Gesang Gott lobt, so wie die Vögel, die Tag aus und Tag ein singen zu seiner Ehre. Ich möchte, dass alle eins sein, wie wir, der Vater und ich, eins sind. Lasst uns diese Einheit miteinander genießen und leben.

Lasst uns einander anschauen als Menschen, die Gott liebt. Gleich liebt einen jeden von uns und darauf vertrauen, dass wir eins sein werden mit ihm. So sei es.

Amen. 

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