"Es sind nicht nur die Alten, die einsam sind" | Diakonie-Präsident Ulrich Lilie über die Sehnsucht nach Gemeinschaft

Berlin (epd). Die Corona-Krise hat vielen Menschen die Erfahrung des Isoliert-Seins aufgezwungen. 

Doch nicht jeder der allein ist, ist auch einsam. Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, hat sich als Mit-Autor des „Atlas der Einsamkeiten“ mit den hellen und dunkeln Seiten der Einsamkeit beschäftigt.

epd: Herr Lilie, wie sind Sie als Präsident der Diakonie auf die Idee gekommen, ein Buch über Einsamkeit zu schreiben?

Lilie: Einsamkeit ist ein Thema in einer individualisierten Gesellschaft. Durch die Corona-Krise hat sich Einsamkeit in der Gesellschaft noch verschärft. Darunter haben im vergangenen Jahr besonders alte Menschen in Heimen gelitten, die keinen Besuch mehr bekommen durften, und dadurch geistig und körperlich weiter abgebaut haben.

Aber auch viele junge Menschen, etwa Studierende in den Anfangssemestern, die in eine neue Stadt gezogen sind, waren betroffen. Statt in Vorlesungen und Seminaren sitzen sie in der neuen coolen Stadt allein vor dem Laptop in Online-Seminaren, sie haben schlicht keine oder kaum andere junge Leute kennenlernen können. Und auch kleine Kinder verstehen nicht, warum sie ihre Freunde und Freundinnen im Kindergarten nicht mehr treffen dürfen. Einsamkeit hat also viele Facetten, die in der Pandemie noch mehr zutage getreten sind.

epd: Also betrifft Einsamkeit nicht nur alte Menschen?

Lilie: Nein, es sind eben nicht nur die Alten, die einsam sind. Es gibt Studien, dass sogar Hochbetagte oft noch wichtige Aufgaben in der Familie wahrnehmen und keineswegs isoliert leben. Mitunter sind es gerade die Menschen um die Mitte 30, die betroffen sind. In dieser Lebensphase erfinden sie sich gerade ein Stück weit neu, weil sie die Jugendlichen-Netzwerke verlassen, in andere Städte ziehen, beruflich neu anfangen. Das ist eine Phase, in der Menschen oft ein hohes Einsamkeitsrisiko haben.

epd: Das Buch „Atlas der Einsamkeit“, das sie zusammen mit dem Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, geschrieben haben, hat den Unter-Titel „Für sich sein“. Was ist der Unterschied zwischen „Allein-Sein“ und Einsamkeit?

Lilie: Einsamkeit ist nicht nur negativ, sie kann auch zur Reifung einer Persönlichkeit beitragen. Jeder von uns kennt aus der eigenen Biografie solche Phasen, wo man für sich und auf sich selbst zurückgeworfen ist - das können auch gute Erfahrungen sein. Alle großen Religionsstifter haben sich erst mal zurückgezogen, um ihrer Offenbarung zu begegnen.

Der Unterschied zwischen Einsamkeit und „Für sich sein“ liegt im Maß an Freiwilligkeit. Wer Schweige-Exerzitien macht, zieht sich auf eine selbst gewollte und klar strukturierte Einsamkeit für einen überschaubaren Zeitraum zurück. Aber wenn das „Für sich sein“ echten Stress auslöst, ist eine Grenze überschritten. Das unfreiwillige und ungewollte Alleinsein macht dem sozialen Wesen Mensch Stress, das macht wirklich krank, mitunter schwerkrank.

epd: In der modernen, mobilen Gesellschaft leben immer mehr Menschen alleine. Es gibt eine hohe Zahl von Single-Haushalten. Führt das auch zu mehr Einsamkeit?

Lilie: Mehr Single-Haushalte bedeuten nicht unbedingt mehr Einsamkeit. Menschen, die alleine in einer Wohnung leben, können ansonsten wunderbar vernetzt sein. Sie sind vielleicht beruflich sehr aktiv, Mitglied in vielen Sportvereinen oder pflegen ihre Kontakte in der Nachbarschaft und ihren Freundeskreis. Oder sie haben einen Partner oder eine Partnerin, leben aber bewusst nicht in einer gemeinsamen Wohnung.

epd: Inwieweit hängt Einsamkeit mit der Persönlichkeit zusammen? Es gibt Menschen, die scheinen Abgeschiedenheit auch über lange Zeiträume zu genießen.

Lilie: Der Mensch ist ein soziales Wesen, von der Evolution bedingt ein „Herdentier“ mit einer genetischen Disposition zur Sozialität. Normalerweise bedeutet für ihn das unfreiwillige Allein-Sein oder die Isolation biologischen Stress. Aber Einsamkeit wird individuell sehr unterschiedlich erlebt. Es gibt eben auch Menschen, die eine andere genetische Disposition haben und aufgrund ihrer Prägung damit eher gut zurechtkommen und es genießen, für sich zu sein.

epd: Psychologen sagen, man kann auch unter vielen Menschen oder in der Ehe einsam sein. Wie entsteht ein Gefühl der Einsamkeit, wenn man eigentlich „nicht alleine“ ist?

Lilie: Das Gefühl entsteht, wenn das Bedürfnis nach „Gesehenwerden“, nach Nähe und Geborgenheit auch in der Gemeinsamkeit nicht erfüllt wird. In Ehen kam das früher viel häufiger vor, weil Frauen oft einfach nur „funktionieren“ und ihre Aufgaben in der Familie erfüllen sollten - ohne je Anerkennung und persönliche Wertschätzung zu erfahren. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich das heute erfreulicherweise durch die Emanzipation der Frau und ein grundlegend anderes Verständnis von Partnerschaft erheblich verändert hat. Aber selbstverständlich sind Partnerschaften oder Familien auch heute keine Idyllen- es gibt sehr viele einsame Kinder, ganz unabhängig vom sozialen Status.

epd: Viele Menschen, die sich einsam fühlen, geben das nur ungern zu. Woran liegt das?

Lilie: In unserer Gesellschaft ist der Grad der sozialen Einbindung, die Zahl der Freunde - oder inzwischen der Likes im Internet - auch mit dem Ranking auf einer sozialen Werteskala verbunden. Wer viele Follower in den sozialen Medien hat, der gilt vermeintlich als angesagt und dessen Meinung wird geteilt und kommentiert. Neben dem gut gefüllten Bankkonto geht es heute auch darum, mittendrin zu sein und dazu zu gehören. Wer da nicht mitspielt, fällt raus und genügt den Normen der Gesellschaft nicht. Das ist mit sozialer Scham verbunden. Darum fällt es den Menschen oft sehr schwer, offen über ihre Einsamkeit zu reden, weil dieses Gefühl heute hoch tabuisiert wird.

epd-Gespräch: Michael Ruffert

 

Die Angst vor einem einsamen Weihnachten

Von Michael Ruffert (epd)

Berlin (epd). Weihnachtsmärkte vielerorts abgesagt, Seniorenfeier und Konzerte verschoben. Bei vielen Menschen wächst in diesem zweiten Corona-Winter die Angst vor Isolation. Die Sozialministerinnen und -minister der Bundesländer haben kürzlich angesichts der Einschränkungen durch die Pandemie gar einen „Einsamkeitsgipfel“ gefordert. Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, hofft darauf, „dass wir die vierte Welle jetzt durch Kontaktbeschränkungen, Impfen und Testen brechen.“ Dann bestehe weiter die Möglichkeit, Weihnachten im Familienkreis zu feiern.

Einsamkeit müsse gerade für verletzliche Menschen verhindert werden, betont Lilie: „Kinder verstehen oft nicht, wenn sie nicht in den Kindergarten dürfen. Und alte, pflegebedürftige Menschen brauchen soziale Kontakte.“ Eine Situation wie im vergangenen Jahr, als Senioren in den Heimen keinen Besuch empfangen durften und geistig und körperlich abgebaut hätten, dürfe sich nicht wiederholen.

Dass die Sorgen der Menschen wieder wachsen, spürt auch die deutsche Telefonseelsorge seit einiger Zeit. „Die Gespräche zum Thema Coronavirus sind im Vergleich zum Vormonat deutlich angestiegen“, teilte die Pressestelle mit. Noch im Oktober seien von bundesweit täglich rund 2.600 Gesprächen drei bis vier Prozent zur Pandemie gewesen. Dieser Anteil sei im November auf elf Prozent, in den ost- und süddeutschen Bundesländern gar auf 20 Prozent gestiegen. Die Themen Einsamkeit (22,7 Prozent), Ängste (15 Prozent), depressive Stimmung (16,5 Prozent) verharrten auf hohem Niveau.

Studien zeigen, dass in den bisherigen Corona-Wellen das Gefühl der Einsamkeit in Deutschland unter allen Altersgruppen zunahm. Das Deutsche Alterssurvey ergab, dass 2020 die Einsamkeitsrate bei den 46- bis 90-Jährigen bei etwa 14 Prozent lag und damit um fünf Prozent höher als in den Jahren 2014 und 2017. Und für Europa ergab eine von der EU-Kommission herausgegebene Studie, dass unter den 18- bis 25-jährigen Menschen der Anteil derjenigen, die sich einsam fühlten, von neun Prozent im Jahr 2016 auf 35 Prozent in der Zeit von April bis Juli 2020 gestiegen war. Durch den Lockdown fehlten gerade diesen sozial aktiven Altersgruppen Sozialkontakte.

Aber Menschen können sich auch einsam fühlen, obwohl sie objektiv gar nicht alleine sind. Der Kasseler Soziologe Janosch Schobin beschreibt die Unterschiede: „Soziale Isolation ist eine Zustandsbeschreibung. Leute haben wenig Kontakt zu Personen, zu denen sie eine positive affektive Bindung haben. Das andere sind Einsamkeitsempfindungen, die können Menschen ohne soziale Isolation haben, einfach, weil ihnen etwas fehlt“, erklärte der Einsamkeitsexperte.

Es gibt einen Unterschied zwischen Einsamkeit und „Allein-Sein“: Menschen ziehen sich manchmal auch freiwillig zurück, um bei sich zu sein, Stille und Ruhe zu genießen. „Man ist sich dann selber sehr nahe, kann kreativ sein und ist in intensiver Verbindung mit der Welt“, erläutert der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger.

Die niederländische Einhandseglerin Laura Dekker, die als Teenager in mehr als 500 Tage die Welt umsegelt hat, beschrieb die Zeit alleine auf ihrem Boot Guppy in einem Blog als „herrlich“. „Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer genetischen Disposition gut damit zurecht kommen und es genießen, für sich zu sein“, erläutert Lilie, der gemeinsam mit dem Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, das Buch „Für sich sein - Altas der Einsamkeiten“ verfasst hat.

Doch letztlich sind Menschen auf das Zusammensein mit anderen angewiesen: Die US-Amerikaner John T. Cacioppo und William H. Patrick gelten als Pioniere der Einsamkeitsforschung. Sie haben gezeigt, dass der Mensch evolutionär und genetisch ein soziales Wesen ist: Er gehörte immer zu einer Gruppe, um widrige Umstände und Gefahren zu überleben. Deshalb erleidet er ohne andere Menschen auf Dauer einen „sozialen Schmerz“.

Laut neurobiologischer Forschung ist die Einsamkeit eines Menschen im Gehirn dort zu erkennen, wo auch der körperliche Schmerz sitzt. In Film „Verschollen“ mit Tom Hanks überlebt ein Mann nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel. Dort baut er sich aus einem Volleyball den Gefährten „Wilson“, mit dem er Gespräche führt, weil er sonst die Einsamkeit nicht ertragen hätte. Längst gibt es Studien, die zeigen, dass eine lange Phase der Einsamkeit auch körperlich krank machen und zu Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen, Demenz und Krebs führen kann.

Gemeinsame Erlebnisse sind also für das Wohlbefinden äußerst wichtig. Und das „Fest der Liebe“ spielt dabei eine besondere Rolle. „Weihnachten ist ein festes Ritual und für den Zusammenhalt in der Gesellschaft unendlich wichtig“, sagt Psychotherapeut Krüger. Er rät: Wer keine Familie mehr habe, solle sich daher Menschen suchen, die Unterstützung brauchten, und mit ihnen zusammen feiern. Wenn es die Inzidenzzahlen zulassen.



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