26.11.2021
Huber: So schnell wie möglich gesetzliche Impfpflicht für alle

Berlin (epd). Der evangelische Theologe und Ethiker Wolfgang Huber (79) spricht sich für eine gesetzliche Impfpflicht für alle aus. 

„So wie die Lage ist, brauchen wir eine gesetzliche Impfpflicht für alle - so schnell wie möglich“, sagte Huber dem Evangelischen Pressedienst (epd). Vor einer möglichen rechtlichen Pflicht komme jedoch eine moralische Pflicht, betonte der Berliner Altbischof und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Ob man selbst eine moralische Impfpflicht habe, hänge nicht davon ab, ob der Staat sie verordne, betonte Huber. Die moralische Impfpflicht gelte unter drei Gesichtspunkten: „Der Verantwortung für sich selbst, der Verantwortung für die Mitmenschen und im Hinblick auf die Gesellschaft, die auf eine höhere Impfquote angewiesen ist, um eine Chance auf ein Ende der Pandemie zu haben“, sagte er.

Wenn sich rechtlich eine allgemeine Impfpflicht nicht so schnell umsetzen lässt, müsste laut Huber die Impfpflicht für besondere Berufsgruppen vorgezogen werden. „Ich sehe in ihr aber nicht eine Alternative zur allgemeinen Impfpflicht, sondern einen ersten Schritt zu einer Impfpflicht für alle“, betonte der Theologe.

Wer in einer Impfung einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit sehe, müsse sich fragen, in welchem Verhältnis diese Unversehrtheit zu den bisher 100.000 Corona-Toten in Deutschland stehe, sagte Huber. Wer prinzipiell mit der Selbstbestimmung argumentiere und sage, das Impfen stelle einen Eingriff in die persönliche Freiheit dar, müsse sich fragen, ob er nicht dazu beitrage, dass erneut ein sehr weitgehender Lockdown nötig werde.

Huber sagte, man solle eine Debatte über die Impfpflicht nicht aus falscher Rücksichtnahme vermeiden: „Wir sind auf einem falschen Weg, wenn wir aus Angst vor einer gesellschaftlichen Polarisierung darauf verzichten, Prozesse der Verständigung anzustoßen. Es geht nicht darum, vor Impfgegnern zu kapitulieren, sondern sie zu gewinnen.“ Dies sei eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.

Huber: "Wir brauchen eine gesetzliche Impfpflicht für alle"

epd-Gespräch: Franziska Hein

Berlin (epd). Der evangelische Theologe und Ethiker Wolfgang Huber (79) plädiert für eine gesetzliche Impfpflicht für alle. Vor einer möglichen rechtlichen Pflicht komme jedoch eine moralische Pflicht, betonte der Berliner Altbischof und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Wer in einer Impfung einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit sehe, müsse sich fragen, in welchem Verhältnis diese Unversehrtheit zu den bisher 100.000 Corona-Toten in Deutschland stehe.

epd: Brauchen wir jetzt eine allgemeine Impfpflicht?

Huber: Ja, wir müssen über die dringenden Impf-Appelle hinausgehen. Der rechtlichen Pflicht geht in der Pandemie-Situation eine moralische Impfpflicht voraus. Diese gilt unter drei Gesichtspunkten: Der Verantwortung für sich selbst, der Verantwortung für die Mitmenschen und im Hinblick auf die Gesellschaft, die auf eine höhere Impfquote angewiesen ist, um eine Chance auf ein Ende der Pandemie zu haben. Ob man selbst eine moralische Impfpflicht hat, hängt nicht davon ab, ob der Staat sie verordnet. Für Christen sage ich, das ergibt sich aus dem Dreifach-Gebot der Liebe - zu Gott, zum Nächsten wie zu sich selbst.

epd: Sie plädieren aber auch für eine gesetzlich verankerte allgemeine Impfpflicht?

Huber: So wie die Lage ist, brauchen wir eine gesetzliche Impfpflicht für alle - so schnell wie möglich. Wenn sich das rechtlich nicht so schnell umsetzen lässt, bin ich damit einverstanden, dass eine Impfpflicht für besondere Berufsgruppen vorgezogen wird. Ich sehe in ihr aber nicht eine Alternative zur allgemeinen Impfpflicht, sondern einen ersten Schritt zu einer Impfpflicht für alle.

epd: Handeln alle Menschen, die sich immer noch weigern, sich impfen zu lassen, unmoralisch?

Huber: Ja. Ich appelliere an diese Menschen, dass sie ihre Überzeugung ins Verhältnis setzen zu der Pflicht, die sie sich selbst, ihren Mitmenschen und der Gesellschaft gegenüber haben. Ich werbe bei ihnen um die Einsicht, dass ihre Überzeugung sich viel stärker aus einer Tradition der Impfverweigerung im deutschsprachigen Raum speist als aus wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen. Wenn es unter Corona-Bedingungen um das Impfen geht, dann geht es nicht um tiefgründige Vorbehalte, sondern um die Abwägung, welche Handlungsweise am ehesten Leben zu retten und zu bewahren hilft.

epd: Manche sagen, das wäre ein Verstoß gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Huber: Wer in einer Impfung einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit sieht, muss sich die Frage stellen, in welchem Verhältnis diese Unversehrtheit zu den bisher 100.000 Corona-Toten in Deutschland steht. Er muss auch das Verhältnis zu all denen in den Blick nehmen, denen dringende Operationen verweigert werden, weil die Krankenhausbetten für Covid-19-Patienten freigehalten werden müssen. Ich werbe um die Einsicht, dass unter Gesichtspunkten der Verhältnismäßigkeit eine Impfung nicht unzumutbar ist.

Wer prinzipiell mit der Selbstbestimmung argumentiert und sagt, das Impfen stelle einen Eingriff in die persönliche Freiheit dar, muss sich fragen, ob er nicht dazu beiträgt, dass wir erneut einen sehr weitgehenden Lockdown bekommen müssen. Er kann dabei der weiteren Frage nicht ausweichen, ob dieser Lockdown nicht den massiveren Eingriff in die Freiheit sehr vieler Menschen darstellt - von den Kindern bis zu den Senioren.

epd: Welche Möglichkeiten sollte der Staat haben, eine allgemeine Impfpflicht durchzusetzen?

Huber: Mit dem Verfassungsrechtler Christoph Möllers bin ich der Auffassung, dass wir solche Rechtspflichten nicht immer als erstes unter dem Gesichtspunkt der Sanktionen diskutieren sollten. Zuallererst brauchen wir ein Zutrauen in die Autorität des staatlichen Rechts, verbunden mit der Überzeugung, dass Rechtstreue das Normale und der Rückgriff auf Sanktionen die Ausnahme ist.

Das staatliche Recht würde überhaupt nicht funktionieren, wenn wir in jedem Einzelfall nur danach fragen würden, welche Sanktionen drohen. Nehmen Sie beispielsweise den Straßenverkehr: Die meisten Menschen halten immer bei Rot, egal ob ein Verkehrspolizist in der Nähe ist und Knöllchen verteilt. Aber eine allgemeine Impfpflicht würde für den Fall der Verweigerung mit einer Bußgelddrohung verbunden sein.

epd: Gegner einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen führen an, dass damit das Personal in Kliniken und Pflegeeinrichtungen noch knapper werden könnte.

Huber: Ich kenne keine Belege dafür, dass die Impfverweigerung unter Klinik- und Pflegepersonal so groß oder sogar größer wäre als im Rest der Gesellschaft. Ich glaube im Gegenteil, dass diese Menschen in der überwiegenden Zahl zum Impfen ein nüchtern-fachliches Verhältnis haben.

epd: Die Menschen, die bislang die Impfung auch aus politischen Gründen abgelehnt haben, sagen oft, dass sie sich diskriminiert und ausgegrenzt fühlen durch die jetzt schon relativ flächendeckenden 2G-Regeln. Würde eine allgemeine Impfpflicht nicht für noch mehr Spaltung bringen?

Huber: Wir sind auf einem falschen Weg, wenn wir aus Angst vor einer gesellschaftlichen Polarisierung darauf verzichten, Prozesse der Verständigung anzustoßen. Es geht nicht darum, vor Impfgegnern zu kapitulieren, sondern sie zu gewinnen. Und das ist nicht nur eine Aufgabe des Staates, sondern der gesamten Gesellschaft. Wir sollten nicht in vorauseilender Rücksichtnahme darauf verzichten, Impfverweigerer mit ihrer Verantwortung zu konfrontieren.

Das Gespräch müssen wir mit diesen Menschen führen - jeder in seinem eigenen Bereich und auch als Gesellschaft in einer öffentlichen Debatte. Wir können dabei der Frage nicht ausweichen, welchen Menschen gegenüber wir uns schuldig machen.

epd: Die Alternative zu einer Immunisierung gegen Sars-CoV-2 durch Impfung wäre eine Infektion. Dürfen wir als Gesellschaft überhaupt abwarten und nichts tun, bis sich entweder alle geimpft oder infiziert haben?

Huber: Das ist ethisch und moralisch kein vertretbarer Vorschlag. Es ist mir unverständlich, wie man angesichts einer Zahl von mehr als 100.000 Toten die Vorstellung entwickeln kann, dass es bitte noch mehr werden müssen, damit die Pandemie auf diese Weise abebbt. Das braucht man doch nur auszusprechen, um zu merken, wie menschenfeindlich eine solche Überlegung ist und wie gleichgültig sie sich gegenüber schweren Erkrankungen mit möglicher Todesfolge verhält.


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