29.11.2021
Medizinethiker: Ungeimpfte bei Triage nicht schlechter stellen

Essen (epd). Der Potsdamer Medizinethiker Robert Ranisch hat davor gewarnt, geimpfte Corona-Patienten im Fall einer Triage gegenüber ungeimpften systematisch zu bevorzugen. 

Diese Frage stehe im Raum, da sich nicht nur das Personal in den Krankenhäusern fragen würde, warum ausgerechnet Ungeimpfte im Fall einer Priorisierung nach medizinischen Kriterien unter Umständen bevorzugt behandelt würden. „Emotional kann ich das gut nachvollziehen“, sagte Ranisch den Zeitungen der Essener Funke Mediengruppe (online Sonntag, Print Montag). Es gebe hitzige Diskussionen, ob Impfunwillige nicht selbst für ihre Lage verantwortlich seien und warum man Solidarität mit jenen aufbringen solle, die sich scheinbar unsolidarisch zeigten.

Hier müsse man jedoch vorsichtig sein, mahnte der Juniorprofessor für Medizinische Ethik. „Bei Triage-Entscheidungen geht es um die Rettung möglichst vieler Menschenleben, nicht um Schuld oder Bestrafung.“ Die Behandlung von Kranken sei Aufgabe der Heilberufe, ungeachtet der Einstellungen der Patienten und Patientinnen. Der Impfstatus habe damit allenfalls eine indirekte Bedeutung für Triage-Entscheidung, etwa wenn Ungeimpfte eine schlechtere medizinische Prognose hätten.

Ranisch sprach sich dafür aus, sich an den Empfehlungen der Deutsche Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) zu orientieren: „Die Priorisierung von Patientinnen und Patienten sollte sich an der jeweiligen klinischen Erfolgsaussicht der intensivmedizinischen Behandlung orientieren.“

Sozialethiker: Ungeimpfte in Kliniken gleich behandeln

München (epd). Ethikrats-Mitglied Andreas Lob-Hüdepohl hat bei der Behandlung von Corona-Patienten vor einer Unterscheidung zwischen Geimpften und Ungeimpften gewarnt. „Auch ein Mensch, der noch so frevelhaft gelebt hat, verwirkt nicht sein Grundrecht auf medizinische Versorgung“, sagte der Sozialethiker am Samstag dem Bayerischen Rundfunk (BR): „Daran müssen wir festhalten.“ Bei Engpässen in den Kliniken dürften weder der Impfstatus noch die Erfolgsaussichten der Behandlung eine Rolle spielen.

Es sei gerecht, dass Ungeimpfte den Geimpften auch bei knappen Klinikkapazitäten gleichgestellt werden, erläuterte Lob-Hüdepohl: „Ob ein Mensch im Vorlauf gut gelebt hat, schlecht gelebt hat, gefährlich gelebt hat, ungefährlich gelebt hat, das ist unerheblich für medizinethische Behandlungsnotwendigkeiten.“ Es zähle nur die Dringlichkeit eines Behandlungsbedarfs. Ungeimpfte sollten gleichgestellt sein, „auch wenn uns das emotional querkommt“, sagte der Professor der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.

Lob-Hüdepohl kritisierte die medizinischen Fachgesellschaften dafür, die „Erfolgsaussicht“ als neues Kriterium für eine klinische Behandlung eingeführt zu haben. Dies widerspreche den Grundsätzen der Medizinethik. Wenn es in der höchsten Dringlichkeitsstufe zu einer Konkurrenzsituation komme, „das ist beispielsweise beim Massenanfall von Verunfallten die Situation“, dann werde der behandelt, der zuerst eingeliefert werde. Mit dem neuen Kriterium der „Erfolgsaussicht“ werde dieser elementare Grundsatz ausgehebelt, kritisierte der Sozialethiker.


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