Mangel ist hilfreich

Ein Fastentagebuch von Ulrike Greim

Am Tag vier vor der Fastenwoche höre ich auf, Kaffee zu trinken, ab Tag drei esse ich fleischlos, ab Tag zwei fällt auch der Käse weg. Am Tag vorher: nur noch Obst und Gemüse. Entlastungstage nennt sich das. Ich stimme mich darauf ein, dass ab jetzt nichts Festes mehr nachkommt. Ich werde fasten. Hab‘ ich schon oft gemacht und tue es gern. Es ist so entlastend.

Wir treffen uns auf Burg Bibra. Zwölf Frauen, eine Fastenleiterin und ich – als Frau für die Schreibwerkstatt. Es gibt ein letztes leichtes Abendessen – Salat, Knäckebrot, Tee.

Am nächsten Tag: abführen. Die Details erspare ich hier mal, die sind gut nachzulesen. Jedenfalls: Fasten ist etwas sehr Körperliches. Glaubersalz versetzt den Körper sofort in den Fastenmodus. Statt „Energie kommt von außen“ heißt es jetzt: „Es geht an die Reserven“.

Es gibt eine Gemüsebrühe – ohne Gemüse. Das ist nach einer Stunde durchgekocht und landet bei den Hühnern. Zurück bleiben einige wenige Kalorien, wichtige Mineralien – und ein wunderbares Aroma. Die meisten von uns genießen es.

Mittagsruhe mit Leberwickel. Die Leber soll ruhen und Zeit haben zum Großreinemachen.

Tee gibt es immer, auch Wasser. Abends noch ein wenig Gemüse- oder Obstsaft, max. ein Becher, aber sehr verdünnt. Wir trinken es vergnüglich.

Der zweite Tag ist super. Wir erfahren: Mit dem Mangel kommt der Mensch gut klar, mit dem ständigen Überfluss nicht. Der Körper braucht Leerlaufzeiten zum Regenerieren. Hat er die nicht, wird er krankt. Die großen Zivilisationskrankheiten verdanken wir u.a. dem schlechten Essen und den fehlenden Pausen.

Am dritten kommt die Fastenkrise. Mehrere haben zu tun mit Kreislauf, Rücken und Kopf. Ich auch. Das morgendliche „einmal den Berg hoch“ wird zur Tortur. Ich gönne mir Ruhe.

Tag vier: Ich bin über den Berg. Der Körper arbeitet. Ich fühle mich wohl und leicht.

Ich vermisse nichts.

Die Schreibwerkstatt hilft enorm, den Ballast von der Seele zu schreiben.

Tag fünf: Die Haut wird rosiger, die Stimmung heller. Alle sind entspannter, es wird viel gelacht.

Tag sechs: Ich fühle mich leicht und erfrischt wie schon lange nicht mehr.

Mittags: Fastenbrechen mit einem Bratapfel. So köstlich! Wir feiern es. Wer sechs Tage verzichten kann, der kann alles, sagen wir uns, und stoßen mit verdünntem Saft an. Abends: ein wenig gedünstetes Gemüse. Lecker. Die Sinne sind deutlich geschärfter. Tag sieben: Wir feiern Gottesdienst mit selbstgeschriebenen Psalmen. Viele Tränen rollen, wir teilen unser Leid, aber auch unser Glück, unsere Stärke, unseren Glauben. Reinemachen für die Seele. Die geistlichen Selbstheilungskräfte sind aktiviert.

Wir verabschieden uns fröhlich, gestärkt, berührt, verbunden. Alle sagen: gerne wieder. Ich sowieso.

Ich fahre mit 80 tiefenentspannt über die Autobahn heim, lasse die anderen gern an mir vorbeiziehen. Wer sollte mich hetzten?! Ich nicht mehr.

Zuhause angekommen fühle ich mich jünger. Und werde Basenfasten noch einige Tage beibehalten. Den schönen Zustand noch ein bisschen genießen. Und jeden guten Bissen jetzt umso mehr.


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