03.01.2020
EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm: Auslegung der Jahreslosung 2020: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Es gibt Zeiten im Leben, in denen man an einer Schwelle steht und damit vor der Frage: Gehe ich durch diese Tür oder nicht? Es ist wie das Zögern beim ersten Sprung des Kindes vom Einmeterbrett im Schwimmbad. Traue ich mich zu springen oder nicht?

Entweder du springst oder du bleibst stehen. Aber so eindeutig sind die damit verbundenen Gedanken und Emotionen meist nicht. Natürlich gibt es Situationen, in denen man leicht, freudig und zuversichtlich entscheidet, die eindeutig sind. Zugleich gibt es Entscheidungen, die verbunden sind mit Zweifel, Angst, Verunsicherung.

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Der Mann, der im Markusevangelium diese Worte spricht, ist ein Mensch in einer solch schwierigen Situation. Er steht an einer Schwelle. Sein Sohn ist krank, schwer krank, schon seit Kindertagen. Die Krankheit hat tödliche Macht über den Sohn. In seiner Sorge und Verzweiflung hat der Vater schon vieles versucht. Soeben erst ist eine Hoffnung erloschen. Die Jünger Jesu, an die er sich gewandt hatte, konnten seinen Sohn nicht heilen. Die Enttäuschung darüber ist mächtig. Da begegnet der Mann Jesus und damit der Frage: Wage ich, Jesus so zu vertrauen, so an ihn zu glauben, dass Heilung doch möglich ist? Oder wage ich es nicht? 

Mit all diesen Gefühlen,  Ängsten, Sorgen steht der Mann vor Jesus. Er versteckt seine Zweifel nicht. Er verdrängt sie nicht. Sie sind ihm auch nicht peinlich. Er spricht nicht so, als sei alles in Ordnung. Die Zweifel, der Unglaube, sie sind keine bewusste Verweigerung des Glaubens oder gar eine intellektuelle Distanzierung. Sie sind eine Reaktion aufgrund einer schweren Erfahrung: die Erkenntnis: Mein eigener Glaube ist angefochten. 
Dennoch wagt er den Schritt über die Schwelle. Der Vater bittet Jesus, das Kind zu heilen. Er bittet ihn um Erbarmen für seine ganze Familie: „Hilf meinem Sohn, indem du dich unserer erbarmst!“ Dieser Mann wirft Christus seine ganze existentielle Not vor die Füße.

Der Vater wagt den Sprung in den Glauben, obwohl er zweifelt. Er vertraut, obwohl er unsicher ist. Er glaubt, obwohl ungläubige Gedanken und Gefühle an ihm zerren. Dieses Obwohl ist der Mut des Glaubens. Der Mut zum Sein. Der Mut, sein Leben Gott anzuvertrauen.

Der Künstler Andreas Felger hat diese beiden Erfahrungen des Glaubens in seinem Bild zur Jahreslosung farbig dargestellt. Die gegensätzlichen  existentiellen Erfahrungen eines Menschen, der tief glaubt und zugleich Anfechtungen kennt, sind in den unterschiedlichen Farbschattierungen der blauen und der gelben Seite erkennbar. Dazwischen liegt ein lichter Strahl. Licht, das die so unterschiedlichen Erfahrungen verbindet, Licht, das beides durchleuchtet, in beidem präsent ist. Die Gegenwart Christi, sein Licht, seine Liebe, die beide Seiten der menschlichen Existenz umfassen, die Freude ebenso wie den Schmerz. Glaube hat immer ein Gegenüber. Immer ist der gegenwärtig und ansprechbar, der auf den Ruf „Erbarme dich unser“ antwortet.

Eine sehr natürliche und menschliche Reaktion mit Leid, mit Enttäuschungen, mit Ohnmacht, mit Schmerz umzugehen, ist der Versuch, diese Erfahrungen zu kontrollieren, zu verdrängen oder zu leugnen. Der Glaube jedoch ermutigt uns dazu, auch diese Erfahrungen auszuhalten. Sie Christus hinzuhalten, ihn um sein Erbarmen zu bitten und auf seinen Weg der Heilung zu vertrauen, auch wenn dieser Weg nicht mit unseren Erwartungen zusammenpasst. 

Die Geschichte aus dem Markusevangelium wird als eine Wundergeschichte erzählt. Jesus heilt  den kranken Sohn. Die Hoffnung, die Erwartung des Vaters wird erfüllt. Ein Wunder, an das keiner mehr glaubte, am wenigsten der Vater. Dafür, dass ein solches Wunder passiert, haben wir keine Garantie. Auch wenn wir den Sprung wagen, auch wenn wir voller Vertrauen Entscheidungen treffen, wissen wir nie, ob sie heilsam sind oder schmerzhaft enden.

Die Jahreslosung ist somit keine Garantie auf Wunscherfüllung. Wie es auch beim Gebet niemals um eine Wunscherfüllung geht. Aber die Kraft, ganz auf Gott zu vertrauen, die Bitte um sein Erbarmen verändert das Leben. Diese Kraft hilft uns, unsere ganze Existenz in Gottes Hand zu legen. Sie ermöglicht uns, dass wir unser Leid, unseren Schmerz, unsere Enttäuschungen nicht auf andere Menschen projizieren müssen, dass wir uns selbst nicht dafür strafen müssen. Diese Kraft ermöglicht uns, barmherzig mit uns selbst und mit anderen zu sein, weil Gott mit uns barmherzig ist und weil wir sein Erbarmen erbitten können. 

Die Glaubensväter und Glaubensmütter kannten diese heilende Kraft der Bitte und des Gebetes. Bis heute erfahren Christen und Christinnen diese Kraft im täglichen Gebet. „Erbarme dich unser. Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Manchmal braucht es nicht mehr, als dass wir einstimmen  in diesen Ruf des Vaters des kranken Sohnes, damit wir Kraft und Mut für unser  Leben bekommen. Diese Kraft und diesen Mut wünsche ich uns allen für dieses Jahr. 

Die biblischen Leitworte der Jahreslosungen werden von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) bereits mehrere Jahre im Voraus ausgewählt. Die Praxis der Losungen stammt von der Herrnhuter Brüdergemeine in der sächsischen Oberlausitz. 1728 wählte der Begründer dieser geistlichen Gemeinschaft, Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760), zum ersten Mal einen Bibelspruch für die Mitglieder der Herrnhuter aus. Nach dem Vorbild Zinzendorfs zieht bis heute ein Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft – ähnlich einer Lotterie – ein Bibelwort für jeden Tag aus einer silbernen Schale. Die so ermittelten Bibelworte werden als „Tageslosungen“ in einem Sammelband veröffentlicht.

Die Jahreslosung folgt zwar der Praxis der Herrnhuter, geht aber zurück auf den Kirchenkampf im Dritten Reich. Initiator war der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller (1889-1939), der Mitglied der Bekennenden Kirche war. Er wollte den NS-Schlagworten Bibelverse entgegenstellen. Deshalb begründete er 1930 die Tradition der Jahreslosungen. Die erste Jahreslosung 1930 war „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“ (Römer 1,16).


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