Jahn: DDR-Opposition hat zu wenig gegen Mauer protestiert

Berlin (epd). Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, hätte sich zu DDR-Zeiten mehr Proteste gegen die Berliner Mauer innerhalb der DDR gewünscht.

Eigentlich hätte jeden Tag "gegen dieses Monument der Menschenrechtsverletzung" demonstriert werden müssen, sagte Jahn der "Berliner Morgenpost" (Sonntag). Ihn erschrecke im Nachhinein, wie viele Intellektuelle die Mauer gut geredet hätten und "die Rechtfertigung funktioniert hat". Eigentlich hätte die Mauer sogar im Zentrum des Protestes der DDR-Opposition stehen müssen, so Jahn.

Der ehemalige Bürgerrechtler bezeichnete die Berliner Mauer als in Beton gegossenes Unrecht, das jeden Tag sichtbar war. "Die Mauer war sozusagen ein besonders brutaler Ausdruck dieser Diktatur."

Selbstkritisch fügte Jahn hinzu, er selbst habe es damals "nicht gewagt, einen offenen Protest auszudrücken". Vielmehr habe er sich um seine eigenen "kleinen Problemchen" gekümmert: "Weil ich dachte, das ist schon ein Gewinn, wenn ich im Kleinen etwas verändern konnte." Am Montag (5. Februar) ist die Berliner Mauer genauso lange weg, wie sie die Stadt zwischen 13. August 1961 und 9. November 1989 teilte, genau 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage.

Jahn bezeichnete die Berliner Mauer als "ein Instrument", das dafür gesorgt habe, "dass in dieser Gesellschaft Angst geherrscht hat, dass Disziplinierung und Anpassung stattfanden". Während die Menschen in der DDR bis 1961, "wenn sie nicht mehr weiterwussten", einfach abhauen konnten, sei dies mit dem Mauerbau schlagartig zu Ende gewesen. "Und in den 80er-Jahren wurde die Durchlässigkeit der Mauer gesteuert - auch ein Disziplinierungsinstrument." Den DDR-Bürgern sei klar gemacht worden, "wenn sie eine Besuchsreise zu ihrer Verwandtschaft haben wollen, dann mussten sie sich überwiegend konform verhalten". Deshalb drücke "diese Mauer viel mehr aus, als nur zu verhindern, dass man von einer Seite der Stadt in die andere kommt. Die Mauer steht für das System einer Diktatur - mit all seinen Auswirkungen bis in den Alltag hinein", sagte Jahn weiter.

 

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