11.06.2019
Noack: DDR-Kirchenbund förderte Zusammenarbeit

epd-Gespräch: Markus Geiler Der Hallenser Theologieprofessor Axel Noack hat zum 50. Gründungsjubiläum des DDR-Kirchenbundes die Zusammenarbeit der ostdeutschen Landeskirchen gewürdigt.

"Im Vergleich mit den westdeutschen Kirchen war die Zusammenarbeit zwischen lutherischen und unierten Kirchen wesentlich weiter ausgeprägt", sagte der ehemalige Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Halle.

Im Jahre 1986 hätten alle ostdeutschen Kirchen eine "Gemeinsame Erklärung zu den theologischen Grundlagen der Kirche und ihren Auftrag in Zeugnis und Dienst" verabschiedet. Diese hätten sie auch gerne in die wiedervereinigte Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eingebracht. Dies schien aber 1990/91 noch nicht möglich, sagte Noack, der unter anderem Mitglied in der Konferenz der Kirchenleitungen des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR war.

Dass es dann bis 2019 dauern würde, dass die einzelnen Gliedkirchen die EKD als Ganzes wirklich als "Kirche" akzeptieren, habe er sich nicht vorstellen können, sagte der 69-Jährige weiter: "Da waren die Kirchen der DDR viel weiter."

Mit der Unterzeichnung der Ordnung des DDR-Kirchenbundes am 10. Juni 1969 wurde die rechtliche und organisatorische Trennung von der EKD vollzogen. Die evangelischen Landeskirchen reagierten damit auf den zunehmenden Druck des SED-Regimes, die gesamtdeutsche EKD zu verlassen. Der Bund existierte 22 Jahre. Am 27. Juni 1991 stellte er seine Arbeit offiziell ein.

Noack: DDR-Kirchenbund prägte keine ostdeutsche Identität

In der Geschichte der evangelischen Kirchen in Deutschland bedeutet der 10. Juni 1969 einen historischen Einschnitt: Am Montag (10. Juni) jährt sich zum 50. Mal die Gründung des evangelischen Kirchenbundes in der DDR. Damit vollzogen die evangelischen Kirchen in der DDR die rechtliche und organisatorische Trennung von der gesamtdeutschen Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der frühere Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und Hallenser Theologieprofessor Axel Noack (69) schaut im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) als Akteur und Zeitzeuge zurück auf die 22-jährige Geschichte des "Bundes".
epd: Warum haben sich die ostdeutschen Landeskirchen 1969 entschlossen, eine eigene Dachorganisation zu gründen?
Noack: Es gab zwei, sehr unterschiedliche Motivationen: Zum einen gab es die strikte Erwartungshaltung des Staates auf Trennung von der gesamtdeutschen EKD. Dem wollten einige Kirchenvertreter entsprechen. In die offiziellen Kommentaren der neuen DDR-Verfassung von 1968 war der Satz von Bischof Moritz Mitzenheim eingegangen: "Die Staatsgrenzen der Deutschen Demokratischen Republik bilden auch die Grenze für die kirchlichen Organisationsmöglichkeiten."

Zum anderen gab es Bestrebungen, die Kirchen in der DDR stärker zu einen, damit ein gemeinsamer Gesprächspartner für Verhandlungen mit der DDR-Regierung vorhanden wäre. Es war seit 1958 klar: Die DDR-Regierung würde nicht mit einem gesamtdeutschen Leitungsgremium verhandeln. Verhandlungen aber schienen unmittelbar bevorzustehen, denn die erwähnte neue Verfassung, die zu den Religionsgesellschaften fast nichts festschrieb, enthielt in Art. 39 den verführerischen Satz: "Näheres kann durch Vereinbarung geregelt werden." Niemand konnte ahnen, dass die DDR-Regierung überhaupt nicht an Verhandlungen dachte.
epd: Hat das Herauslösen aus der gesamtdeutschen EKD die Verhandlungsposition gegenüber der DDR-Regierung verbessert?
Noack: Zunächst nicht, da die DDR zwar gern die Trennung der Kirchen von der EKD sah, aber einem Bund der Kirchen in der DDR als gemeinsamem Gesprächspartner kritisch gegenüberstand, weil sie lieber mit den Landeskirchen einzeln gesprochen und verhandelt hätte. Deswegen gab es im September 1969 auch massiven staatlichen Druck auf die erste Bundessynode zur Streichung des Art. 4 (4) der Bundesordnung, der an der "besonderen Gemeinschaft" zu den Kirchen in Westdeutschland festgehalten hat. Dem hat die Synode widerstanden. 1971 wurde die Bundesspitze erstmalig vom Staatsekretär für Kirchenfragen empfangen, was als Anerkennung des Bundes durch die DDR gewertet wurde.
epd: Die von Bischof Albrecht Schönherr 1971 herausgegebene Formel der "Kirche im Sozialismus" war umstritten oder wurde bewusst fehlinterpretiert. Hat sich die Formel rückblickend in Ihren Augen bewährt?
Noack: Die Formel spielte im Leben der DDR-Kirchengemeinden eine viel geringere Rolle als die Medien heute vermitteln wollen. Eine Zeitschrift mit dem Titel "Kirche im Sozialismus" gab es nur im Westen. Die Formel war wahrlich kein Glücksgriff, aber auch nicht der große Sündenfall, als der sie heute gern gesehen wird. Niemand in der DDR wäre auf so eine Idee gekommen.
epd: Was bedeutete das Treffen vom 6. März 1978 mit Honecker für die ostdeutschen Kirchen?
Noack: Es brachte einige Erleichterungen für die Kirchen, etwa bei der Seelsorge in staatlichen Altenheimen und in Gefängnissen. Vor allem aber erbrachte es "zitierfähige Äußerungen", also Aussagen Honeckers zur Gleichberechtigung christlicher Bürger, die in der Zeitung standen.

Die Kirchen wurden außerdem damit überrascht, dass die SED anfing Martin Luther als Nationalhelden der DDR neu zu interpretieren und das Lutherjahr 1983 groß herausstellen wollte. Für Parteigenossen verunklarte es die ideologische Situation deutlich.
epd: Haben die östlichen Landeskirchen durch die Gründung des Bundes eine eigene Identität entwickelt, die sie noch heute prägt?
Noack: Nicht wirklich. Weil diejenigen, denen es nur um die Trennung von den westdeutschen Kirchen zutun war, sehr zögerlich wurden, als es darum ging, nun auch als DDR-Landeskirchen enger zusammenzurücken und den Bund mit Leben zu füllen. Die Bildung einer Vereinigten Kirche in der DDR scheiterte kläglich. Dennoch: Im Vergleich mit den westdeutschen Kirchen war die Zusammenarbeit zwischen lutherischen und unierten Kirchen wesentlich weiter ausgeprägt. Im Jahre 1986 konnten alle ostdeutschen Kirchen eine "Gemeinsame Erklärung zu den theologischen Grundlagen der Kirche und ihren Auftrag in Zeugnis und Dienst" verabschieden, die sie gern auch in die wiedervereinigte EKD eingebracht hätten, was 1990/91 noch nicht möglich schien. Dass es aber bis 2015 - und im Zustimmungsprozess sogar bis 2019 - dauern würde, dass die Gliedkirchen die EKD wirklich als "Kirche" akzeptieren, hätte ich mir nicht vorstellen können. Da waren die Kirchen der DDR viel weiter.

Das Stichwort: Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR

Berlin (epd). Für die Geschichte der evangelischen Kirchen in Deutschland bedeutet der 10. Juni 1969 einen historischen Einschnitt: Am Montag (10. Juni) jährt sich zum 50. Mal die Gründung des evangelischen Kirchenbundes in der DDR. Als Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR hatte er 22 Jahre Bestand. Am 27. Juni 1991 stellte er seine Arbeit offiziell ein.

Bereits seine Entstehung Ende der 60er Jahre war begleitet von politischen Turbulenzen. Die SED-Führung setzte damals auf strikte Abgrenzung nach Westen. Die Kirchen hingegen lebten seit 1948 unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Daran hatte sich auch nach dem Mauerbau 1961 zunächst nichts geändert.

Damit standen die Kirchen in der DDR im Verdacht, sie ließen sich von der EKD steuern. Der politische Druck durch die neue DDR-Verfassung von 1968 zwang die Landeskirchen in der DDR schließlich dazu, sich eigenständig zu organisieren.

Am 10. Juni 1969 wurde mit der Unterzeichnung der Ordnung des neuen Kirchenbundes die rechtlich-organisatorische Trennung von der EKD vollzogen. Allerdings wird in der Ordnung des Kirchenbundes ausdrücklich das Bekenntnis "zu der besonderen Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland" unterstrichen. Vom Staat offiziell anerkannt wurde der Kirchenbund schließlich am 24. Februar 1971 durch einen Empfang beim Staatssekretär für Kirchenfragen.

Das Sekretariat des Bundes in der Ost-Berliner Auguststraße vermittelte unter anderem auch bei Konflikten mit staatlichen Stellen. Zudem war das Büro in der Auguststraße Treffpunkt für Ost-West-Begegnungen sowie Anlaufstelle für westdeutsche Politiker, die bei offiziellen DDR-Besuchen den Kontakt zur Kirche suchten.

Welche Rolle die in den 70er Jahren geprägte Formel "Kirche im Sozialismus" für den Zusammenhalt der ostdeutschen Kirchen gespielt hat, ist umstritten. Sie sollte, wie der Ost-Berliner Bischof Albrecht Schönherr einmal sagte, vor allem zum Ausdruck bringen, dass die DDR kein weißer Fleck auf der Landkarte Gottes ist und Christen darum auch in der atheistisch geprägten DDR gebraucht werden.

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