02.08.2019
Studie: Arme Kinder werden zunehmend abgehängt

Berlin (epd). Arme Familien können sich das Hobby, den Kinobesuch oder selbst das gelegentliche Eis für ihre Kinder immer seltener leisten. Wie aus einer am Donnerstag in Berlin vorgestellten Studie der Forschungsstelle des Paritätischen Gesamtverbands hervorgeht, werden arme Kinder in Deutschland zunehmend ausgegrenzt.

So habe bei den Familien der Konsum über einen Zeitraum von zehn Jahren zwar durchschnittlich moderat und beim obersten Zehntel sogar spürbar zugenommen. Arme Familien hingegen hätten aber real weniger Geld zur Verfügung gehabt, um ihren Kindern Freizeitaktivitäten zu finanzieren. "Arme Kinder werden ärmer und immer weiter abgehängt", sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider. 

Während laut Studie die durchschnittlichen Ausgaben für ein Kind bei rund 600 Euro pro Monat lagen, konnten die ärmsten zehn Prozent der Paarhaushalte mit einem Kind nur 364 Euro für ihr Kind zusammenkratzen. Die reichsten zehn Prozent der Familien gaben hingegen für ihr Kind im Schnitt 1.200 Euro im Monat aus. Besonders eklatant seien die Unterschiede bei den Ausgaben für Freizeit, Unterhaltung und Kultur. Dafür hatten die ärmsten Paarhaushalte mit einem Kind gerade einmal 44 Euro pro Monat zur Verfügung, was preisbereinigt fast 30 Prozent weniger war als zehn Jahre zuvor. Bei der durchschnittlichen Familie waren es 123 Euro, bei den reichsten 257 Euro. Mit eingerechnet wurden dabei den Angaben nach auch Sachleistungen, Gutscheine und Rabatte. 

Schneider sagte: "Das Gefühl nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu sein und abseits stehen zu müssen, ist das Lebensgefühl armer Kinder in Deutschland." Denn die Standards, wer dazugehört, würden in der Mitte gesetzt. Frust, Resignation, weniger Bildungserfolg und höhere Krankheitsanfälligkeit seien daher sehr häufig die Folgen der Einkommensarmut der Familien. Dabei seien die Probleme durch die Sozial- und Familienpolitik der vergangenen 15 Jahre "hausgemacht": Die Bestverdienenden seien unter anderem mit dem steuerlichen Kinderfreibetrag, die Mitte mit dem Kindergeld bessergestellt worden, während Kinder von Hartz-IV-Empfängern die Verlierer seien. Sie gingen beispielsweise bei Kindergelderhöhungen regelmäßig leer aus.

Daher müsse es eine einkommens- und bedarfsorientierte Kindergrundsicherung geben, forderte er. Auch müsse es einen Rechtsanspruch auf Teilhabe im Kinder- und Jugendgesetz geben. Gesetze der Bundesregierung zu Verbesserungen im Bereich Bildung und Teilhabe von Kindern aus armen Familien sind zum Anfang August in Kraft getreten, wonach etwa die Mitgliedschaft in einem Sportverein, Schulausflüge oder Klassenfahrten stärker unterstützt werden. Schneider bezeichnete das Regelwerk als "Flop". Er bemängelte, dass dies ein Zuschusspaket sei, "mehr nicht". Bei den meisten Rabattpässen etwa müssten die Familien weiterhin zuzahlen, wozu die Ärmsten nicht in der Lage seien. Nötig seien mehr Gratisangebote. 

Grundlage der Studie sind Daten des Statistischen Bundesamtes, die alle fünf Jahre zusammen mit den Statistischen Landesämtern mit der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) bei bis zu 60.000 Haushalten erhoben werden. Untersucht wurde der Zeitraum zwischen 2003 und 2013. Nach Angaben des Paritätischen Gesamtverbands dauert die Auswertung und Einordnung mehrere Jahre, daher habe die Erhebung nicht auf Basis aktuellerer Zahlen gemacht werden können. Allerdings habe sich die Situation bei den Einkommen zwischen 2013 und 2016 eher noch verschlechtert und die Schere sich noch weiter geöffnet. 

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Katja Mast, sprach sich dafür aus, Kinderrechte ins Grundgesetz zu bringen. Langfristig sei außerdem eine eigenständige Kindergrundsicherung nötig. Linksfraktionschef Dietmar Bartsch erklärte, die soziale Spaltung bedrohe die Gesellschaft, die auf Zusammenhalt basiere. Die Bundesregierung müsse endlich entschlossen handeln.

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