08.11.2019
Vom Todesstreifen zum "Grünen Band" des Lebens | Ehemalige deutsch-deutsche Grenze ist ein einmaliger Natur- und Erinnerungsraum

Von Gunnar Müller (epd) "Schöne Aussichten" heißt die Waldgaststätte oberhalb des Pferdebergkreuzes bei Duderstadt. Von hier schweift der Blick kilometerweit ins Eichsfeld. Wenige Hundert Meter östlich von hier, wo sich ein grünes Band mit Bäumen und Wiesen durch die hügelige Landschaft schlängelt, verlief bis zum Herbst vor 30 Jahren ein Todesstreifen: die hochgesicherte Grenze zweier deutscher Staaten und Systeme.

Wetterjacke, Wanderrucksack, wetterfeste Schuhe: Nicht weit entfernt wartet Heiko Schumacher. Der promovierte Forstwirt ist bei der Heinz-Sielmann-Stiftung, die sich für Natur- und Umweltschutz einsetzt, zuständig für Biodiversität, kennt hier alle Pflanzen- und Tierarten. "Das Grüne Band und speziell dieser Abschnitt sind ein wichtiger Teil der DNA der Stiftung", sagt Schumacher. 1988 drehte hier der Naturfilmer Heinz Sielmann "Tiere im Schatten der Grenze". Dort, so habe es Sielmann damals ausgeführt, gebe es intakte Lebensräume, Refugien der Natur, eine reiche Tier- und Pflanzenwelt. Der Naturfilmer, der sonst mit seinen "Expeditionen ins Tierreich" Millionen Zuschauer vor den Fernsehern auf die Galapagos-Inseln mitnahm, träumte ein Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR von einem west-östlichen Naturschutzprojekt entlang der innerdeutschen Grenze.

Auch noch 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung mahnt ein Schild Wanderer heute vor möglichen explosiven Minen im Boden. Kolonnenwege aus grobgelöcherten Betonplatten, auf denen die DDR-Grenzer mit Geländewagen und Panzern patrouillierten, ziehen sich wie eine hellgraue Schnur hoch und runter durch die Landschaft. Acht Kilometer Grenzstreifen, Wachturm, Zäune und Gräben sind beim Grenzlandmuseum Eichsfeld heute noch als beklemmendes Denkmal begehbar. Nachts leuchten sinister hohe Laternen den früheren Todesstreifen gelb aus. Auf mehreren Hundert Metern hat das Museum zur Demonstration die Grasnarbe aufgerissen und glattgepflügt. Hier liegt der fruchtbare braune Eichsfelder Boden wie eine erdige Wunde am Zaun. So wollten die DDR-Grenzschützer Fußspuren Flüchtender entdecken können. Mehrere Hundert Menschen sollen auf ihrer Flucht in den Westen an der rund 1.400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze gestorben sein. Stacheldraht, Selbstschussanlagen, Minen und ein 200 Meter breiter Todesstreifen machten die Flucht fast unmöglich.

Immer höher hinauf wandert Schumacher, mal diesseits, mal jenseits der alten Grenze. Oben auf dem Kutschenberg angekommen, lugen zwei riesige Totholz-Stämme wie Totempfähle aus dem Boden, umgeben von Eichen. Ende der 90er-Jahre sollte mit dem "WestÖstlichen Tor" ein symbolisches Kunstprojekt der Einheit geschaffen werden: Das lebende Holz sollte das tote im Laufe der Jahre überwuchern. Geht es nach dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Heinz-Sielmann-Stiftung, soll auch aus dem Todesstreifen der Grenze ein verbindender Lebensstreifen entstehen: das Grüne Band.

Lebensräume wechseln sich dabei immer wieder ab: Wälder und Feuchtgebiete, Stillgewässer oder auch Äcker. "Für Trockenrasengebiete sind etwa Heide und Nelken, Ginster typisch", sagt Schumacher. Zumindest für die Natur sei der Schutz der Grenze ein Gewinn gewesen. "Hier kommen sogar Wendehälse vor." Anders als in Nationalparks greife der Mensch hier aber auch ein. Nach und nach sollen alle Flächen bearbeitet werden, das sind 9.600 Hektar alleine im Eichsfeld zwischen Harz und Werra.

"Das Grüne Band ist ein einzigartiger ökologischer Lebens-, Bildungs- und Erinnerungsort", sagt Schumacher. 2005 wurde es als "nationales Naturerbe" eingestuft. Im vergangenen Jahr hatte der Freistaat Thüringen am 9. November das Grüne Band zum Nationalen Naturmonument ausgewiesen, im Oktober 2019 zog auch Sachsen-Anhalt nach. Der grüne Korridor sei zwar häufig von Straßen unterbrochen und auch mit Landwirten und Jägern mussten einige Kompromisse eingegangen werden. Dennoch blickt Schumacher optimistisch in die Zukunft: "Ich hoffe auf einen Dominoeffekt, bis wir am Ende von der Ostsee bis zum Thüringer Wald eine fast durchgehende Fläche ausweisen."

Das Grüne Band

Duderstadt/Teistungen/Kr. Eichsfeld (epd). Einige Monate nach der Erstausstrahlung des Naturfilms von Heinz Sielmann "Tiere im Schatten der Grenze", kam es am 9. und 10. November 1989 zu Mauerfall und Grenzöffnung entlang der innerdeutschen Grenze. Wenige Wochen später folgte im Dezember 1989 ein gesamtdeutsches Treffen von Umwelt- und Naturschützern auf Initiative des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). So wurde bereits damals in einer gemeinsamen Resolution gefordert: "Der Grenzstreifen zwischen der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik ist als grünes Band und als ökologisches Rückgrat Mitteleuropas vorrangig zu sichern." Auch nach der Wiedervereinigung sagte Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) bereits im November 1990, dass "besondere Anstrengungen geboten sind, um möglichst viele natürliche und naturnahe Flächen als 'Grünes Band' zu erhalten".

Sechs Jahre später eröffnete 1996 das Natur-Erlebniszentrum der Heinz-Sielmann-Stiftung auf Gut Herbigshagen in der Nähe von Duderstadt. Sielmann selbst wollte die Stiftung unweit der ehemaligen Grenze ansiedeln. Gemeinsam mit der Göttinger Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWT) initiierte die Stiftung 2003 das Naturschutzprojekt "Grünes Band Eichsfeld". 2009 wurde schließlich der Bewilligungsbescheid für das Naturschutzgroßprojekt "Grünes Band Eichsfeld-Werratal" an die Heinz-Sielmann-Stiftung sowie die Länder Niedersachsen, Thüringen und Hessen übergeben. Im selben Jahr wurde der Schutz des Grünen Bandes auch im Bundesnaturschutzgesetz verankert. Inzwischen fordert der BUND für das Grüne Band den Status eines Nationalen Naturmonumentes und UNESCO-Welterbes.

Nach Angaben des BUND teile sich das Grüne Band entlang der 1.393 Kilometer langen ehemaligen Grenze auf einer Fläche von rund 18.000 Hektar in 146 unterschiedliche Biotoptypen. Darunter befänden sich rund zwei Drittel gefährdeter Lebensräume und insgesamt mehr als 1.200 bedrohte Tier- und Pflanzenarten, die auf der Roten Liste stehen.

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