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08.03.2021
Die „Gemüse-Orgel“ von Bad-Frankenhausen: Strobelorgel in der Unterkirche mit viel Engagement saniert

„103 Runden bin ich jetzt um die Unterkirche gelaufen“, sagt der kleine Junge außer Atem zu seiner Mutter. „Mama, bitte trage das in meine Läuferkarte ein!“

Die Mutter tut es und der Opa, der seinem Enkel unvorsichtigerweise 1 Euro pro Runde versprochen hat, ist um 103 Euro ärmer. Dieses Geld hat er nun gespendet für die Sanierung der Strobelorgel.

Sechs Mal fanden in Bad Frankenhausen Orgelläufe statt, um die umfangreiche Sanierung der Orgel zu unterstützen, nicht nur für Kinder, sondern für alle (die Erwachsenenrunde war übrigens länger, sie ging durch die Innenstadt Bad Frankenhausens). Organisiert wurden sie vom Orgelverein „Orgelfreunde der Großen Strobel-Orgel e.V.“, der 2006 gegründet wurde, und unterstützt von vielen Frankenhäuserinnen und Frankenhäusern, die nicht nur liefen, sondern auch mit zahlreichen Ideen für die Erhaltung ihrer Orgel eintraten. So wurden Blumen gebunden, Gepatchworktes genäht, Honig gespendet, Brot gebacken, Kosmetik gerührt, Drehorgel gespielt, und, und, und…über Jahre hinweg. Und warum? Weil  die Frankenhäuser ihre „Gemüseorgel“ lieben! Warum denn „Gemüseorgel“, mögen Sie sich sicher fragen?

Wegen des Gemüses, das in kunstvoll geschnitzter Form am Orgelprospekt hängt! Neben zahlreichen Sonnenblumen und Rosen gibt es hier eben auch Zwiebeln, Kürbis und Kohlköpfe. Der Prospekt stammt übrigens noch von der Vorgängerorgel, die 1703 von Johann North gebaut wurde. Die Prospektpfeifen sind auch noch original erhalten, eine der großen Besonderheiten unserer Orgel. 1843 wurde die Orgel erstmalig umgebaut, die angefragte Firma Schulze aus Paulinzella schickte dazu ihren Werkmeister Julius Alexander Strobel.

Strobel kam, sah…und baute. Er erkannte das erhebliche Potenzial hier in der Region, den großen Bedarf an einem guten Orgelbauer und ließ sich in Bad Frankenhausen nieder. Ca. hundert Orgeln erschuf er in den kommenden 40 Jahren seines Lebens und ließ damit eine einzigartige Orgellandschaft im Norden Thüringens entstehen. Zwei seiner drei Söhne traten in die Fußstapfen des Vaters und wurden Orgelbauer.

Gemeinsam mit dem Vater erstellten sie auch die Pläne zum großen Umbau der Orgel in der Unterkirche. Etwas ganz Neuartiges sollte entstehen. Und das ist ihnen auch gelungen: Mit für damalige Zeiten modernster Technik wurde die Orgel ausgestattet, ein neues Werk hinter die alte Fassade gesetzt. Mit 49 Registern auf drei Manualen zählt unsere Orgel zu den großen romantischen Orgeln in der Region. Darüber hinaus ist sie die größte romantische Orgel, die in Thüringen gebaut wurde. 1886, zwei Jahre nach Julius Strobels Tod, konnte die Orgel eingeweiht werden.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts fanden nur wenige Umbauten statt. Fünf Register wurden durch andere, dem Zeitgeschmack entsprechende, ersetzt. Die alten Register, die ja nun nicht mehr gebraucht wurden, hat man auf dem Dachboden der Kirche eingelagert. Sie wurden zur großen Freude aller im Zuge der Sanierungsarbeiten gefunden und konnten nach der „Aufbereitung“ in der Werkstatt wieder eingebaut werden. Einzig ein Register (die Schweizerflöte) ist gänzlich abhanden gekommen.Ein solcher Erhaltungsgrad der Register, neben der vollständig erhaltenen technischen Anlage, sucht deutschlandweit seinesgleichen.

Doch der Zahn der Zeit nagte auch an unserer Orgel, und der Hitzesommer 2003 machte ihr endgültig den Garaus. Sehr unzuverlässig geworden, konnte man keinem Gastorganisten mehr das Spiel auf der „Gemüseorgel“ zumuten, und auch bei den Hausorganisten führte ihr Zustand oft zu Schweißausbrüchen während des Gottesdienstes oder Konzertes.

Endlich, nach dem Schreiben unzähliger Anträge, der Planung und Umsetzung zahlreicher Aktionen, der individuellen Unterstützung Vieler und der besonderen Hilfe durch das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) und den Orgelfonds der EKM, konnte die Sanierung in Angriff genommen werden: 2015 wurde unsere Orgel von der Firma Hermann Eule/Bautzen ausgebaut, liebevoll restauriert und wieder eingebaut. Am 23. Juni 2019 konnten wir sie in einer großen Orgelfestwoche wieder in Betrieb nehmen. Seither erfreuen wir uns an ihrem ganz besonderen Klang, den vielen grundtönigen Stimmen und ihrer großen Vielfalt!

Kommen Sie doch auch mal nach Bad Frankenhausen und lernen Sie unsere Orgel kennen! Von Mai bis Oktober findet an jedem 2. Donnerstag im Monat (außer in den Sommerferien, da müssen Sie schauen, ob auch ein Konzert angeboten wird) um 19.30 Uhr ein Orgelkonzert statt, um 19 Uhr gibt es jeweils eine kurze Orgelführung. Sie werden begeistert sein und verstehen, warum die Frankenhäuser ihre „Gemüseorgel“ lieben. Gern können Sie sich auch schon einmal digital informieren: www.strobel-orgel.de

Ein Beitrag von Laura Schildmann, Kantorin in Bad Frankenhausen


Mehr Fotos

Strobelorgel Gemüse-Detail  Foto: Roland Voigt Strobelorgel Spieltisch  Foto: Roland Voigt

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