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12.04.2021
"Ein gewaltiges Werk" | Die Walcker-Orgel in der Ilmenauer St. Jakobuskirche

Als ich zum ersten Mal in die Ilmenauer Kirche kam, fiel mir als erstes die große prachtvolle Orgel auf: Was für ein beeindruckender Prospekt! Was für ein gewaltiges Werk in dieser doch eher mittelgroßen Kirche.

Dabei hatte ich mir noch gar nicht klar gemacht, dass das Gehäuse der Vorgängerorgel, in dem die jetzige Orgel steht, ursprünglich ein wesentlich kleineres Werk mit lediglich 37 Registern beherbergte. Den schönen Prospekt, der für die jetzige Orgel übernommen wurde, gestaltete 1857 der Ilmenauer Tischlermeister Friedrich Fleischhack für die Vorgängerorgel von Nicolaus Schrickel. Schon die Größe ist beeindruckend, aber dabei bleibt es nicht.

Die Orgel der Ilmenauer St. Jakobuskirche ist in erster Linie und vor allem ganz besonders schön. Das 1911 von der Firma E. F. Walcker & Cie. als op.1609 erbaute Werk gehört zu den bedeutenden Instrumenten im mitteldeutschen Raum. Auf drei Manuale und Pedal verteilen sich 65 Register. Fünf der Pedalregister sind Transmissionen aus Schwell- und Hauptwerk, beim Register „Glockenspiel“ wird ein Metallophon angeschlagen. Der Stimmton liegt mit a’ = 435 Hz deutlich unter der heute üblichen Norm.

Die Orgel hat die von Walcker entwickelte extrem präzise „Hängebalglade“. Die Traktur ist elektropneumatisch. Obwohl später viel geschmäht, ist diese Trakturform zum Zeitpunkt des Orgelbaus eine brandneue und moderne Technik (wäre doch, abgesehen von den orgelbaulichen Konventionen der Zeit, ein Werk mit dieser grundstimmenlastigen Disposition bei rein mechanischer Traktur auch wohl fast nicht spielbar). Die große Menge an Wind, die diese Pfeifen allein durch ihre Größe verbrauchen, bräuchte bei einer mechanischen Orgel einfach sehr viel Tastendruck.

Das wirklich Besondere des Instrumentes sind die hohe handwerklich-künstlerische Qualität, das Klangkonzept und dessen konkrete Verwirklichung. Die Firma Walcker gehörte im Baujahr sicher zu den qualitativ hochwertigsten Orgelbaufirmen weltweit. Nicht nur der breit ausgebaute Grundstimmenbereich, der ja bei Instrumenten der Zeit um 1900 zum Standard gehört, sondern dessen Verbindung mit klassischen Stilelementen ist faszinierend und überzeugend. In jedem der vier Werke gibt es einen voll ausgebauten Prinzipalchor. Sowohl Prinzipale als auch weit mensurierte Register, als auch Streicher, als auch Zungenstimmen können, oft als Gruppen, werkweise gegenübergestellt werden. Besondere Stimmen wie das „Cornett“ (Nr. 14), die Aliquoten oder die „Gemshornregister“ (Nr. 7 und 11) kommen zu der ein oder anderen Klangfamilie hinzu, können aber auch für sich stehen. Die Dynamik reicht von den leisesten Tönen der Äoline im geschlossenen Schwellwerk bis zum gewaltigen vollen Werk mit Super- und Suboktavkoppeln. Für die Superoktavkoppeln sind in Positiv und Schwellwerk die 16-, 8- und 4-Fußstimmen bis zum a’’’’ ausgebaut.

Erhellend für die dem Instrumentenbau zugrunde liegende Ästhetik ist die ausdrückliche Erwähnung von Johann Sebastian Bach, Gottfried Silbermann und Max Reger in der Festschrift zur Orgelweihe von 1911. Weithin klangprägend, dem zur Zeit des Orgelbaus herrschenden wilhelminischen Ungeist zuwider, ist der gewichtige Einfluss der elsässisch-neudeutschen Orgelreform, auf die der damalige Firmenchef Oscar Walcker sich einließ und mit der er vertraut war: Der Organist der Straßburger Garnisonskirche Émile Rupp und der auch als Arzt, Philosoph und Theologe bekannte Albert Schweitzer entwickelten Ideen französisch-deutscher Orgelsynthese, die auch in der Jakobuskirche sofort auf- und ohrenfällig werden. Erwähnt seien der zungendominierte Schwellwerksklang oder die von den französischen Appels inspirierten Einführungstritte. Schon die Nomenklatur der Register verdeutlicht dieses Phänomen: Das französische „Basson“ (Nr. 65) klingt genau wie die „Trompête harmonique“ (Nr. 66) einträchtig mit der deutschen „Oboe“ (Nr. 76) oder dem „Lieblich Gedackt“ (Nr. 55) zusammen. Deutsche und französische Orgelbaukunst ergänzen sich auf’s Allerbeste.

Die Orgel wird dabei keineswegs zum musikalischen Bastard, der im Bestreben die verschiedensten Einflüsse zu vereinen, nur immer stromlinienförmig und glatt wirkt. Bei allen Verschmelzungskräften hat das Instrument doch ein unverwechselbares eigenes Gesicht, eine eigene Klangpersönlichkeit. Nicht zuletzt zu danken ist dieser eigenständige starke Charakter der Orgel in ihrem jetzigen Zustand der meisterlichen 1993 abgeschlossenen Renovierung durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler/Sieversdorf. Ausdrücklich erwähnt seien hier die Intonateure Matthias Ullmann und Tino Herrig. Die gründliche Reinigung des Instrumentes, die 2017 vorgenommen wurde, baut auf dieser Renovierung auf und stellt die hohe handwerkliche und künstlerische Qualität auch für die nächsten Jahre sicher.

Die üppige sinfonische Anlage, die Fähigkeit zum Kammermusikalischen, Farbigkeit, Klassizität, Adel von Einzelstimmen und Aliquoten, Wucht und dennoch Durchhörbarkeit im Pleno, Zartheit und Präsenz, dynamische Flexibilität, Deutlichkeit, Sinnlichkeit der Streicher, mancher Flöten- und Zungenstimmen, eine schier unendliche Zahl von Kombinationsmöglichkeiten der Register (man könnte diese Liste problemlos weiter fortsetzen) – all dies macht diese Orgel zu einem Instrument, das sie für die Darstellung der allermeisten Orgelmusik ab Bach ganz ausgesprochen erfreulich macht. Für die Kompositionen Regers und einen Großteil der Musik des späten neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts (wenn die Musik nicht gerade die Schleiflade oder konzeptionelle Ideen der 2. Orgelbewegung erheischt) dürfte die Walcker-Orgel der Ilmenauer St. Jakobuskirche ein ideales Klangmedium sein.

Bericht von Hans-Jürgen Freitag, Kantor der Ilmenauer St. Jakobuskirche

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