08.11.2021
Klangreichtum mit nur sechs Registern: Die Troch-Orgel von Quarnebeck

Wo nur liegt Quarnebeck? Ein kleines Dorf in der Altmark, erstmals 1397 erwähnt und in malerischer Gegend nahe der Stadt Klötze liegend, hat etwa 170 Einwohner und einen aktiven Ortschaftsrat.

Als ich im Januar 2015 zum ersten Mal Kirche und Orgel besichtigte, fand ich auf der niedrigen Empore eine Orgel vor, deren Pfeifenprospekt in die Emporenbrüstung eingebaut war, weil sonst der Platz nicht reichte. Neben der Orgel lagen Pfeifen herum, in der Orgel standen einzelne Pfeifen, der Rest war ausgebaut. Immerhin aber kamen noch einige Töne heraus, wenn man den alten, geräuschvollen Winderzeuger anstellte. Ein Gutachten wurde erstellt, und die Orgel ging mir schnell aus dem Sinn.

Das änderte sich im Herbst 2018 als mich der Ortsbürgermeister Marco Wille anrief und sagte, die Kirchendecke sei saniert und nun wäre die Orgel „dran“. Jetzt begann ich, mich kundig zu machen und stellte fest, dass die Orgel 1849/1850 vom Orgelbauer August Troch aus Neuhaldensleben als dessen Opus 4 errichtet wurde. Eine Vielzahl von einfachen, aber soliden gebauten Orgeln kamen aus seiner Werkstatt und sind bis heute in größerer Zahl zwischen Harz, Börde und Altmark zu finden.
Leider mussten 1917 in Quarnebeck die Prospektpfeifen für Rüstungszwecke abgegeben werden, 1931 wurde ein Pedal mit einem Subbass 16' vom Orgelbauer Erdmann eingebaut. Da der Platz auf der niedrigen Empore nicht reichte, wurden die größten Pfeifen quer hinter die Orgel gelegt und die Toneinschaltung pneumatisch gelöst. In den Jahren 1982 und 1983 wurde die Orgel im Rahmen einer Orgelbauwoche mit Kirchenmusikstudierenden repariert. Dazu baute man die Pfeifen aus und begann, die Disposition zu ändern. Aber dieses Projekt wurde glücklicherweise nie vollendet.
Im Januar 2019 war die Vergabe der Reparatur, und nun ging es Schlag auf Schlag: Die Gemeinde konnte Orgelbaumeister Amadeus Junker aus Meinersen für die Instandsetzung gewinnen. Die Kirchendecke wurde in Eigenarbeit über der Orgel um etwa 30 Zentimeter erhöht, damit die Basspfeifen Platz zum Stehen bekamen, und fehlende Teile des Orgelgehäuses wurden ergänzt. Alle Orgelteile kamen in die Werkstatt, für die Rekonstruktion der Register wurde die ursprüngliche Disposition laut der Orgelerfassung von 1937 verwendet. Meister Junker baute die Pfeifen selbst nach alter Manier im Lehmsandbett und hobelte sie per Hand aus – ganz in der alten Art, wie es auch seinerzeit August Troch gemacht hatte. Die Windladen und die Mechanik, Manual- und Pedalklavier wurden überholt. Handgemalte Schilder mit den Registernamen kamen über die entsprechenden Registerzüge, der Blasebalg wurde mit neuem Dichtungsleder versehen und das vibrierende Gebläse hängte der Orgelbauer an vier Gewindestangen so auf, dass keine Geräusche des Motors an der Orgel und in der Kirche mehr zu hören sind.
Am 15. April 2020 waren die Arbeiten an der Orgel beendet, und ich fuhr nach Quarnebeck, um die Abnahme zu empfehlen. Und tatsächlich, Meister Junker hatte ein wahres Kleinod gezaubert. Schon beim Eintritt in die Kirche leuchteten mir die handpolierten Pfeifen des rekonstruierten Pfeifenprospektes entgegen. Ich nahm auf der Orgelbank Platz. Dann probierte ich alle Registerzüge aus und spielte jede Pfeife der einzelnen Register Ton für Ton an. Alle Töne erklangen. Danach prüfte ich den Klang der Register mit einfachen Akkorden, ob sie klanglich ausgewogen sind und nicht Bass, Mitte oder Diskant dominiert. Auch diese Prüfung fiel zu meiner Zufriedenheit aus. Schließlich mischte ich die Klangfarben der einzelnen Register untereinander. Es war beeindruckend, was mit nur sechs Registern an Klangreichtum zu erzeugen war. Zum Schluss spielte ich einen Choral vollgriffig mit allen Registern, um zu sehen, ob der Wind reicht. Auch hier gab es kein Versagen.

So konnte ich dem Gemeindekirchenrat eine gelungene Orgelsanierung bescheinigen und auch Orgelbaumeister Junker für seine liebevolle und gewissenhafte Arbeit danken. Am 24. Mai 2020 fand der erste Gottesdienst mit der sanierten Orgel statt, leider war aufgrund der bestehenden Corona-Bestimmungen kein größeres Fest erlaubt.

Text: Christoph Noetzel

Diesen Beitrag und viele andere können Sie auch in der November-Ausgabe von EKM intern lesen: https://www.ekmd.de/service/ekmintern/november-2021.html


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