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29.04.2021
Längst kein Geheimtipp mehr: Die Hildebrandtorgel der Jacobikirche in Sangerhausen

Noch vor einigen Jahrzehnten war der Orgelbauer Zacharias Hildebrandt eher ein Geheimtipp neben dem fast übermächtigen Gottfried Silbermann.

Inzwischen haben die Instrumente Hildebrandts internationale Bekanntheit erlangt, insbesondere zur Darstellung des Orgelwerkes von Johann Sebastian Bach. Nur sieben Orgeln des barocken Orgelbauers haben die Zeit überlebt, die Bedeutendste davon in der Wenzelskirche zu Naumburg, drei Orgeln von Hildebrandt stehen heute in Sachsen und drei befinden sich in und um Sangerhausen (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda).

Zwei bedeutende Persönlichkeiten begleiten seine Biografie: Gottfried Silbermann und Johann Sebastian Bach. Silbermann nahm Hildebrandt 1713 als Gesellen in seine Werkstatt auf, gemeinsam arbeiteten sie zum Beispiel an der großen Domorgel in Freiberg oder an der Orgel in Rötha. Doch ein Lehrkontrakt hinderte Hildebrandt daran, in Sachsen selbstständig tätig zu werden. Dies führte zu rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen beiden Orgelbauern, die sie auch persönlich entzweiten. Doch die kollegiale Wertschätzung behielt letztlich die Oberhand: Silbermann betraute Zacharias Hildebrandt mit der Leitung der Arbeiten an der Orgel der Hofkirche in Dresden, die er selber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr wahrnehmen konnte.

Bach lernte Hildebrandt 1723 bei der Abnahme seiner Orgel in Störmthal bei Leipzig kennen. Bach war als besonders kritischer Orgelgutachter bekannt, doch die Orgel in Störmthal wurde von ihm „für tüchtig und beständig erkannt und gerühmet“ – ein geradezu überschwängliches Zeugnis. Und der Beginn eines künstlerischen Austausches, der an vielen Stellen belegt ist, über dessen Intensität allerdings nur Vermutungen angestellt werden können.

Zacharias Hildebrandt arbeitete im Sangerhäuser Raum von 1726 bis 1731 an insgesamt fünf Instrumenten. Die Orgel in der Jacobikirche ist mit 30 Registern auf zwei Manualen und Pedal die zweitgrößte noch erhaltene Orgel Hildebrandts. Auch sie musste Umbauten im 19. Jahrhundert hinnehmen. Ein weiterer „Schicksalsschlag“ war der Dachstuhlbrand der Jacobikirche am 2. Mai 1971, bei dem die Orgel durch das Löschwasser stark beschädigt wurde. Nach Restaurierungsarbeiten durch die Firma Eule Orgelbau Bautzen konnte die Orgel 1978 wieder erklingen. Im Jahr 2017 wurden von der Firma Karl Schuke Orgelbau technische Überarbeitungen und klangliche Optimierungen im historischen Sinne auf der Grundlage des historisch gewachsenen Bestandes vorgenommen.

Seit mehr als 290 Jahren erklingt die Hildebrandtorgel in Gottesdiensten, zu musikalischen Andachten und Konzerten. Sie begleitet die Gemeinde durch das Kirchenjahr, klagt in der Passionszeit, jubelt zu Ostern und flötet durch die Weihnachtszeit. Die Gemeinde ist sich des Schatzes durchaus bewusst, 2005 gründete sich der „Freundeskreis Zacharias Hildebrandt“, der sich mit der Orgelgeschichte der Region beschäftigt und ungefähr 50 Mitglieder hat. Inzwischen nimmt die touristische Nutzung stetig zu. Einzelne Orgelliebhaber, Gemeindegruppen und Internationale Touristikunternehmen besuchen die Jacobikirche, um die Hildebrandtorgel zu erleben. Sie ist eingebunden in verschiedene Festivals wie das Leipziger Bachfest oder das Südharzer Orgelfestival oder lädt einfach beim Stadtfest zur Orgelführung ein. Ein besonderes Anliegen ist es, Kindern die Orgel näherzubringen. So sind regelmäßig Gruppen aus Kindergärten und Schulen zu Gast, die Orgelschüler der Kreismusikschule Mansfeld Südharz erhalten hier ihren Orgelunterricht. Besondere Höhepunkte waren die Seminare und Konzerte der Nachwuchsorganisten „In Bachs Fußstapfen“.

In der aktuellen Coronasituation ist die Orgel nun auch für Schüler digital zu erleben. Gemeinsam mit einer Gymnasialmusiklehrerin wurde ein Unterrichtsvideo zu Aufbau und Funktion der Orgel gedreht, das auch allen anderen Interessierten auf YouTube zur Verfügung steht: https://www.youtube.com/watch?v=V5LA7pea0co

Seit 2004 darf ich an dieser Orgel meinen Dienst versehen und empfinde mich als Bindeglied zwischen all meinen Vorgängern (darunter Bernhard Bach, der dritte Sohn J. S. Bachs) und allen, die nach mir auf dieser Orgelbank sitzen werden. Sangerhausen ist die Rosenstadt, und so gibt es auch vor der Kirche einen blühenden Hinweis auf das Werk Hildebrandts: am 1. Juni 2018 – dem 290. Geburtstag der Orgel – wurde eine gelbe Kletterrose auf den Namen „Zacharias Hildebrandt“ getauft.

Ein Beitrag von Kreiskirchenkantorin Martina Pohl


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