01.07.2021
Pippi Langstrumpf und die Königin der Instrumente | Junge Organistin erobert sich große Thüringer Orgeln

Musik mochte Louisa schon immer. Seit vielen Jahren spielt sie Klavier. Mit neun Jahren wollte sie unbedingt ein weiteres Instrument lernen - und entdeckte per Zufall ihre Leidenschaft für die Orgel.

Es ist später Montagnachmittag. Es ist heiß. Die Sonne strahlt von einem blauen Himmel auf die Liebfrauenkirche in Arnstadt herab. Bereits von Weitem höre ich die Orgelklänge nach draußen klingen. Es hört sich schön an. Und deshalb bin ich wohl auch nicht die Einzige, die mit einem Lächeln in Richtung Kirche schaut. Was die anderen nicht wissen, auf der Orgelbank sitzt Louisa. Und die ist gerade mal elf Jahre alt.

Sie hat bereits einen langen Schultag hinter sich. Sie geht in ihrer Heimatstadt Eisenach in die fünfte Klasse. Musik mochte sie schon immer. Seit vielen Jahren spielt sie Klavier. Vor zwei Jahren begann sie Orgel zu spielen. Sie wollte im Alter von neun Jahren unbedingt noch ein zweites Instrument erlernen. Blockflöte fand sie damals ziemlich gut, sagt sie. Das Orgelspiel war eher eine Zufallsentdeckung. Ihre Musikgrundschullehrerin aber hat sie gefragt, ob sie es nicht mit mal mit Orgel probieren wolle bei einem Gottesdienst. Klavierspielen könne sie doch schon und die Pedale kann man bei der Orgel ja auch erstmal weglassen, habe die Lehrerin ihr damals gesagt. Na gut, dachte sich das Mädchen und hat es ausprobiert. Seitdem lässt sie das Orgelspielen nicht mehr sein. Sie hat ihre Leidenschaft für dieses riesige Instrument entdeckt.

Pippi Langstrumpf auf der Orgelbank

Als ich durch die schwere Kirchentür in die Liebfrauenkirche trete, freue ich mich zuerst mal über die angenehme Kühle. Und dann stellt sich sofort wieder dieses breite Lächeln bei mir ein. Denn ich sehe dieses kleine Mädchen, das mit ihren Sommersprossen und den rotblonden Haaren irgendwie an Pippi Langstrumpf erinnert, auf der Orgelbank sitzen und höre sie spielen. Sie dreht sich um, als sie mich hört, und strahlt mich an. Nicht nur mit ihrer Musik fängt sie die Menschen, sondern mit ihrem ganzen Wesen. Wir reden kurz ein bisschen, denn wir kennen uns schon vom Wettbewerb "Jugend musiziert" vom Frühjahr dieses Jahres.

Im März habe ich sie kennengelernt, als sie antrat in der Kategorie "Orgel". Sechs weitere junge Menschen nahmen am Wettbewerb teil, doch niemand war so jung wie sie. Sie holte 23 von 25 möglichen Punkten in der Altersklasse 2. Für den Bundeswettbewerb war sie leider noch zu jung. Aber das machte ihr gar nichts aus. Sie übt derzeit für ein Konzert, das am Freitag in Arnstadt ist. Alle Orgel-Teilnehmer von "Jugend musiziert" werden dann bei einem Wandelkonzert in der Liebfrauenkirche und in der Bachkirche zu hören sein.

Louisa spielt auf vielen verschiedenen Orgeln in Eisenach

Louisa ist inzwischen fertig in der Liebfrauenkirche. Jetzt will sie auch noch auf zwei Orgeln in der Bachkirche fürs Konzert üben. Wir gehen gemeinsam über den Markt am Bachdenkmal vorbei bis in die Bachkirche. Dort wartet Kantor Jörg Reddin bereits auf Louisa. Er macht ihr die Orgel an und sagt, so dann übe mal fleißig. Ich muss noch mal los. Dass sie allein übt in Kirchen ist sie gewohnt. Für einige Kirchen in ihrer Heimatstadt Eisenach hat sie sich auch selbstständig die Schlüssel besorgt, um auf möglichst vielen unterschiedlichen Orgeln spielen zu können. Ob das für die Kantoren oder Pfarrer dort nicht komisch sei, wenn sie fragt, ob sie die Orgeln spielen dürfe, will ich von ihr wissen. Sie könne ja nicht in die Köpfe schauen, sagt sie und lächelt. Aber, schiebt sie hinterher, sie glaubt, das sei nicht so schlimm und doch eigentlich nichts Besonderes. Wahnsinn, denke ich. Was für eine selbstbewusste, kleine Lady. Für sie ist das tatsächlich das Normalste der Welt.

Das Instrument an dem Louisa in der Bachkirche sitzt, ist mehr als 300 Jahre älter als sie. Johann Sebastian Bach war es, der diese Orgel 1703 abnahm und bis 1707 spielte. "Ich finde das ist ein tolles Gefühl, dass so ein großer Musiker hier gesessen hat. Ich find es ist ja auch was Besonderes einfach hier spielen zu dürfen. Ja, ich freu mich immer", sagt sie. Mit ihren 1,45 Metern misst sie nicht mal ein Drittel der mit fünf Metern größten Orgelpfeife. Angst hat sie manchmal, wenn sie allein in großen Kirchen übt, sagt sie. Die Instrumente aber fürchtet sie nicht.

Ab September geht es ans Musikgymnasium in Weimar

Das quirlige Mädchen geht ebenso lebenslustig und mutig ihren Weg. Im September wechselt sie ans Musikgymnasium in Weimar. Hauptfach: natürlich Orgel! Sie wird dort im Internat wohnen. Für die Eltern ist das nicht ganz einfach. Aber sie unterstützen Louisa und können ihr vertrauen, sagen sie. Und wenn sie sich nicht wohl fühlt, dann kommt sie eben einfach zurück nach Eisenach. Alles kann, nichts muss. Auch das macht es Louisa leicht ihre Leidenschaft für Musik zu leben. Sie mag Bach. Der sei ja eher so für laute Musik bekannt, meint sie. Aber leise Choräle spiele sie auch gern. Und eigentlich mag sie alles, sagt sie und lacht. Dieses Lachen ist ansteckend. Und ihr Orgelspiel macht Gänsehaut.Ob es eine Orgel gibt, auf der sie unbedingt mal spielen will, möchte ich von ihr wissen. Sie überlegt kurz und sagt: "Ich habe immer davon geträumt, auf der Orgel in der Eisenacher Georgenkirche zu spielen. Das habe ich ja jetzt schon gemacht. Nö, da ist erstmal nichts mehr." Und außerdem seien alle Orgeln ja individuell und dadurch auch individuell schön. Jörg Reddin, Kantor der Bachkirche in Arnstadt, ist begeistert von dem jungen Talent. "Es ist in jedem Fall irgendwie etwas Besonderes, wenn einfach so ein Interesse da ist und einfach so eine kindlich-fröhliche Besessenheit, so würde ich das nennen." Sie hat eben doch was von Pippi Langstrumpf, die sich nicht nur die Schlüssel für die Kirchen besorgt, um die Orgeln zu erobern. Sie erobert auch Herzen – das nächste Mal ganz sicher beim Wandelkonzert in Arnstadt.

von Sandra Voigtmann, MDR THÜRINGEN

Den Beitrag von MDR Thüringen sehen Sie hier: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/west-thueringen/eisenach/orgel-louisa-talent-musikgymnasium-100.html


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