30.08.2021
Von Menschen und Mäusen | Die Johann-Christian-Adam-Gerhardt-Orgel in Casekirchen

Im September 1995 saß ich zum ersten Mal an der Casekirchener Orgel. Es war ein „Regionalkirchentag“ der Superintendentur Camburg.

Viele Menschen, Kinder, Erwachsene, Posaunenchor. Die Orgel war schwindsüchtig. Hatte nicht genug Luft und klang schwach auf der Brust. Man konnte noch gut hören, was für schöne Stimmen sie hat. Aber der Zahn der Zeit hatte am Instrument genagt. Und nicht nur der. Tasten, Registerzüge und alle anderen Orgelteile hatten Kratzer und Scharten. Es war alles irgendwie rauh und wie – abgefressen.

Damals konnte ich es mir nicht denken. Heute weiß ich: Es waren die Mäuse. Die Mäuse mit ihren kleinen Zähnen. Kaum zu glauben, aber wahr. Kleine Wesen können Großes ausrichten. Casekirchen ist ein besonderer Ort. Die Kirche steht im Dorf – und doch außerhalb, etwas am Rand – hoch oben auf dem „Heiligen Hügel“. Siedlungsspuren zeigen: Hier lebten schon vor Jahrtausenden Menschen. Später wurde es slawisches Siedlungsgebiet. Die älteste urkundliche Erwähnung nennt den Ort „Cesiče“. Das könnte heute gut in Polen oder Tschechien liegen. Die Menschen damals haben auch geglaubt. Und sie brauchten einen Platz für ihren Glauben. Chroniken berichten, dass auf dem „Heiligen Hügel“ von Cesiče-Casekirchen ein großer Altar für ihre Götter gestanden hat. Den Hügel haben sie extra dafür noch um ein paar Meter künstlich aufgeschüttet.

Irgendwann zwischen dem Jahr 800 und 1000 kamen Mönche ins Land – im Zuge der „Iroschottischen Mission“. Was diese Leute den Menschen in Cesiče erzählt haben, hat sie überzeugt. Sie wurden Christinnen und Christen. Bald haben sie ihren Götteraltar abgerissen und auf dem Hügel eine Kirche gebaut. Und Cesiče bekam einen neuen Namen: Casekirchen. Die Kirche wurde dem heiligen Nicasius geweiht und ist von ihrer Gründung her eine der ältesten in der ganzen Gegend. 1722 war die alte Kirche baufällig. Eine neue musste her. Ihr Turm ragt weit über das Land zwischen Saale und Elster. Der Kirchturm ist weithin zu sehen, egal von wo man kommt.

Aber eines hat gefehlt. Über hundert Jahre lang. Bis 1830. Der damalige Pfarrer schreibt an das „hochpreißliche Consitorio in Hildburghausen“: „In der ganzen Kirche, welche vor mehr als hundert Jahren erbaut worden, und worin nie eine Orgel gestanden, ist kein einziger paßender Platz dazu.“ Da haben sie sehr viel Geld gesammelt. Sie haben zusammengelegt, Spenderinnen und Sponsoren gefunden. Fundraising – so, wie heute noch. Die Kirche wurde umgebaut: Da, wo heute die Orgel steht, haben sie die Emporen abgerissen. Und weil die Decke zu niedrig war, haben sie das Gewölbe darübergebaut, so, wie es heute noch ist. Dann war die Orgel da. Meister Gerhard aus Dorndorf hat sie gebaut. Er war in der Mitte seines Lebens und hoch erfahren. Es ist eine seiner großen Orgeln geworden. Zwei Manuale, Pedal und 16 Register. Und er hat sein ganzes Können gezeigt: Da gibt es strahlende Stimmen und weiche Flöten, es gibt die hellen Klänge und die kraftvollen. Die Orgel kann mit den Trauernden weinen, sie lacht mit den Fröhlichen. Und Weihnachten und Ostern strahlt sie in vollem Glanz.

Im Lauf der Jahrhunderte hat die Orgel dann gelitten. Die üblichen Alterserscheinungen. Und vor allem: Mäuse. Die gibt es auf dem „Heiligen Hügel“ in Casekirchen noch heute in großer Zahl. Die Orgel wurde benagt: Tasten, Registerzüge, Pfeifen … alles war im wahrsten Sinne des Wortes „angefressen“. Nur notdürftige Reparaturen folgten. Bis die Casekirchener sagten: So geht es nicht weiter. Da muss etwas geschehen. Aber erst musste die Kirche saniert werden. Und zwar grundhaft.

„Der Förderverein für Kultur, Kirchen und Denkmalpflege Aue/Casekirchen e.V.“ hat sich der Kirche angenommen. Und dann war die Orgel „dran“. An der Spitze des Fördervereins seien Thea Pecker und Katrin Pecker-Boutfousste stellvertretend für alle genannt. Die Arbeiten hat die Firma Hoffmann & Schindler aus Ostheim v. d. Rhön mit Kompetenz und Liebe übernommen. Am Ende steht nun in Casekirchen ein klang- und charaktervolles, wunderbares historisches Instrument. Am 31. Oktober 2018 war das große Orgelweihefest. Die Mäuse indes werden bleiben. Die Casekirchener geben Acht, dass sie keinen Schaden mehr am Instrument anrichten können. Kleine Wesen können Großes bewirken. Die kleinen Mäuse haben eine ziemlich große Orgel kaputt gemacht. Aber die Menschen – die „kleinen Leute“ in dem kleinen Ort Casekirchen – haben noch Größeres bewirkt. Mit Liebe zur Kirche und zu ihrer Orgel.

Ein Beitrag von Pfarrer Michael Greßler


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