30.09.2021
Wertvolles Zeugnis der Orgelbautradition: Die Orgel von Johann Ernst Hähnel in der St.-Lukas-Kirche zu Krippehna

Die Orgel von Johann Ernst Hähnel in der St.-Lukas-Kirche zu Krippehna zählt zu den ältesten Instrumenten im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch und wurde sehr schön und aufwendig durch die Firma Kristian Wegscheider restauriert.

1771 erbaut, vertritt sie den ausgehenden Barock in Mitteldeutschland und ist in Sachsen ein wertvolles Zeugnis von neben Silbermann stehender Orgelbautradition, die laut dem Orgelsachverständigen Horst Hodick (LFD Dresden) zu Unrecht vergessen wurde. In Gottesdiensten und der Konzertreihe Krippehnaer Sonntagsmusik erfreuen sich Zuhörer und verschiedenste Organisten an ihr. Im Programm von SWR2 wurde kürzlich ihr schönes Register „Unda Maris“ vorgestellt, da es für sächsische Orgeln dieser Zeit und Größe eher eine Seltenheit ist.

Manch organologisch interessante Entdeckung konnte gemacht werden, so schreibt Wegscheider in der Festschrift des Fördervereins und der Kirchengemeinde zur Wiedereinweihung im Jahre 2018 u. a.: „... Als der Restaurator (des Gehäuses) die Registerschilder freilegte (einige waren allerdings bereits stark beschädigt), erlebten wir doch eine Überraschung. Es kam der schöne Name ,Vocator‘ zum Vorschein, was hier soviel wie ,Rufer‘ bedeuten soll, also der Registerzug zum Rufen des Windes, ... Raymund Herzog (unser scharfsinniger Spurensucher) fand dazu die Spuren der verlorengegangenen Mechanik; und so konnte der Kalkantenzug, ... für den Bälgetreter im Turmraum wieder rekonstruiert und neben den Bälgen mit einer kleinen Glocke ausgestattet werden.“

Eine weitere Entdeckung waren die Registerschilder Tympano und Nolimetangere. Der Begriff Tympano kommt eigentlich aus dem Griechischen. Neben der Bedeutung in der Architektur als Giebelfeld eines Tempels bedeutet Tympano in der Musik ursprünglich Handtrommel, wird aber auch gelegentlich als Ritzel bezeichnet. Andererseits wird Tympano auch oft für Pauke verwendet. Im Orgelbau wurde die Registerbezeichnung Tympano zumeist für Trommel oder Pauke verwendet. „Durch die Forschung von Klaus Gernhardt, dem an dieser Stelle dafür sehr zu danken ist, wissen wir aber, dass Johann Ernst Hähnel Tympano für Cymbelstern verwendete, also im Sinne der Übersetzung Ritzel könnte man auch das rhythmische ,Klopfen‘ des mit Glöckchen bestückten Windrads im Sinne von pauken, trommeln verstehen. Wie dem auch sei, wir haben nun dem Krallenglöckchen-Cymbelstern, von dem der Restaurator Sitte noch ein Teil fand und dessen Lagerung noch erkennbar und somit dieser im Ganzen rekonstruierbar war, in der Mechanik das Registerschild Tympano zugeordnet“, heißt es weiter in der Festschrift des Fördervereins.

Was blieb aber nun für „Nolimetangere“ übrig? Das lateinische „Noli me tangere“ bedeutet „Rühre mich nicht an“, eine Wendung, die Jesus zu Maria Magdalena nach seiner Auferstehung sagt (Johannesevangelium). Die Orgelbauer bezeichneten dabei oft den Registerknopf, der aus Symmetriegründen zusätzlich im Staffelbrett positioniert wurde, aber keine Funktion besaß. Hatte Hähnel in Krippehna diesen Registerzug dort verwendet? Raymund Herzog kam während der Restaurierung mit einer originalen Hähnel-Holzpfeife zu mir, für die es keine Verwendung in einem Register der Hähnel-Orgel gab, die aber wegen der Beschriftung und der Bauweise eindeutig von Hähnel stammte. Nicolaus Schrickel hatte diese Pfeife als Windkanal für das hochgelegte Pedalwerk, für die Pedalwindlade zweckentfremdet. War dies vielleicht eine Pfeife der Labialtrommel bzw. Labialpauke, also eine der zwei verstimmt zueinander gebauten Holzpfeifen, die diesen Trommeleffekt, die Labialschwebung hervorbringen? Es war die einzig sinnvolle und mögliche Erklärung für diese Holzpfeife, denn auch die Pfeifenmensur mit der Tonbezeichnung „Dis“ passte wirklich zu keinem der Holzregister. Wenn es diese Labial-Pauke gab, war sie vielleicht immer mit der Cymbelsterneinschaltung verbunden, was ja durchaus einen Sinn ergeben würde? „Wir fanden dafür
keine klare und eindeutige Antwort.

Was tun? Gemeinsam mit den Sachverständigen Roland Hentzschel und Klaus Gernhardt und dem Kantor Norbert Britze entschlossen wir uns, den Registerzug Nolimetangere für die Labialtrommel zu verwenden, also beim Ziehen dieses Registerzugs die Labialtrommel einzuschalten. "Sicher ist dies etwas ungewöhnlich, doch warum eigentlich nicht“, so Kristian Wegscheider in der Festschrift. Die ganze Orgel in Krippehna ist ungewöhnlich und vor allem ungewöhnlich schön. Warum dann also nicht auch als Besonderheit: Nolimetangere für die kleine, behutsame Labial- „Pauke“.

Ein Beitrag von Kantor Norbert Britze

Diesen Beitrag und viele andere können Sie auch in der Oktober-Ausgabe von EKM intern lesen: https://www.ekmd.de/service/ekmintern/oktober-2021.html


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