08.11.2018
Andacht von Oberkirchenrat Christhard Wagner im Thüringer Landtag am 08.11.2018

Märtyrer- Glaubenszeugen

Begrüßung

Schön, dass Sie zu ungewohnter Zeit zur Andacht gekommen sind. Wir sind in der Woche des Gedenkens an die Shoa. Menschen wurde das Menschsein abgesprochen. Menschen taten Menschen furchtbares an. Nicht irgendwo. Nein. Hier. Nicht im Verborgenen. Nein. Unter aller Augen. Wir fragen: wie konnte so etwas möglich sein? Eine Antwort: weil es zu wenige Menschen mit Haltung gab. Auch unter Christen. Auch unter Geistlichen. Es gab Gott sei Dank auch in dieser dunklen Zeit Zeugen des Glaubens – Blutzeugen – Märtyrer. Davon soll in der Andacht die Rede sein.


Liebe Schwestern und Brüder,

am 10. November 1943 – vor genau 75 Jahren - wurden vier Lübecker Geistliche, drei katholische Kapläne und ein evangelischer Pastor in Hamburg mit dem Fallbeil hingerichtet.

Sie waren zuvor vom Volksgerichtshof wegen Wehrkraftzersetzung, Heimtücke, Feindbegünstigung und Abhören von Feindsendern zum Tode verurteilt worden.

Was war geschehen:

Seit 1941 waren die vier Geistlichen, alle in der Innenstadt Lübecks tätig, freundschaftlich miteinander verbunden. Sie verband mit ihrem Glauben die tiefe Abscheu gegenüber den Gräueln dieser Tage. Sie tauschten Flugbriefe, Hirtenbriefe, Zeitungsausschnitte, aber auch Predigten aus. Insbesondere die Predigten des berühmten Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, die als Hetzschriften galten, schrieben sie ab und verbreiteten sie. Die Predigten erreichten auf diesem Wege sogar Soldaten an der Ostfront. Ihre Aktivitäten wurden bekannt. Die vier bekamen Warnungen, sich zu mäßigen.

Ihnen war das Risiko bewusst. Sie blieben konsequent. Sie ließen sich nicht einschüchtern.

Am Palmsonntag 1942 predigte Pastor Stellbrück, durch den britischen Luftangriff auf Lübeck in der vorausgegangenen Nacht habe Gott mit mächtiger Stimme gesprochen und die Lübecker werden wieder beten lernen.

Ein Spitzel schrieb mit. Daraufhin wurde der Pastor und im Gefolge die drei katholischen Pfarrer sowie weitere 18 Laien verhaftet. Nach langer Haft und einem Schauprozess wurden die vier Geistlichen am 10.November 1943 im Abstand von vier Minuten hingerichtet.

Märtyrer - Blutzeugen gehören zur Kirchengeschichte. Sie setzt sich bis heute fort. Wir denken an die vielen Christen, die heute weltweit mit ihrem Leben für ihren Glauben einstehen. Das Lübecker Zeugnis liegt 75 Jahre zurück. Die Christen im Irak, Nigeria, Indien oder Syrien sind weit weg.

Wohl dem Land, dass keine Glaubenshelden braucht.

Wir bekennen uns als Christen.

Wir haben die Seligpreisungen Christi gehört: Jesus verkündet keine Wellness-Religion für festliche Anlässe. Christliche Existenz hat weder etwas mit religiöser Letztversicherung noch mit Vereinsfolklore zu tun. Wer sich zu ihm bekennt, der wird selig.

Doch auch das gehört dazu: wir müssen damit rechnen, für unseren Glauben gehasst, geschmäht, ja getötet zu werden. Diese Verse werden gerne in unseren Breiten weggelassen. Wir wollen ja keine schlechte Stimmung verbreiten. Umso wichtiger sind genau diese Verse den Schwestern und Brüdern weltweit, die heute um ihres Glaubens willen dies erleiden.

Unsere Gebete und unser Einsatz für diese Schwestern und Brüder müssen dringlicher, konkreter und überzeugender sein. Doch darüber hinaus stellt sich uns die Frage: wie ist es um unser Christsein bestellt?

Wir werden uns schnell einig darüber, dass unser Glaube Trost in schweren Stunden, Hoffnung in bitteren Lebenssituationen, Heimat in unserem zerrissenen Alltag gibt. Mit diesem Glauben können wir gut leben. Wir sind gegenüber denen, die ohne Gott zurechtkommen müssen, im Vorteil. Ja. Unser Glaube ist eine Himmelskraft. „Selig seid ihr!“

Doch wenn wir bei uns und unseren Erwartungen stehen bleiben, wird aus unserem Glauben ein Ego-Götze.

Wir leben vom Zuspruch. Wir freuen uns am Freispruch. Am Anspruch des Glaubens mogeln uns gern vorbei. Die Erwartungen Jesu Christi an uns. Wir überhören sie.

Jesus Christus erwartet viel von uns. Nicht nur in solch dramatischen Krisenzeiten wie in Nazideutschland. Er stellt uns - heute und hier - die Flüchtenden, die Armen, die Ausgegrenzten vor Augen. Zeigt euch als Christen. Zeigt Haltung. Nicht allein im privaten, nein im ganzen Leben.

Er lächelt über unsere durchschaubaren Versuche, seine Botschaft etwas handhabbarer zu interpretieren. Er lässt es uns nicht durchgehen, Rosinen zu picken und bestimmte Zumutungen mit dem Verweis auf Sachzwänge für partiell nicht anwendbar zu erklären.

Ja. Jesus Christus erwartet von seinen Nachfolgern Haltung. Und er verschweigt nicht, dass es möglich ist, für diese Haltung in Schwierigkeiten zu geraten.

Wir verneigen uns vor den Lübecker Märtyrern, wir beten für die Märtyrer unserer Tage und bitten Gott, uns zu ein wenig mehr Haltung zu bringen.

Ein letztes: wenn es hart auf hart kommt, werden konfessionelle Grenzen unwichtig.


 

Die vier Märtyrer von Lübeck wussten sich vor Gott vereint. In einer Zeit, in der Ökumene noch weit von unserem heutigen Stand entfernt war, bekannte sie: „wir sind wie Brüder“. Als einer der ehemaligen Mitgefangene 1979 im Sterben lag, wollte eines seiner Kinder ihn trösten, in dem es zu ihm sagte, er werde nun bald zu seinen drei Kaplänen kommen. „Sag niemals drei, sag immer vier!“ Darauf bestand Adolf Ehrtmann.

Die christliche Ökumene ist auch durch die Erfahrungen solcher Märtyrer in Nazideutschland vorangebracht worden.

Heute dürfen wir auch über eine tiefe geschwisterliche Verbundenheit mit unseren älteren jüdischen Schwestern und Brüder dankbar sein. Sie hatten die Kraft und die Größe, uns die Hand zu reichen.

Dafür sind wir unendlich dankbar. Das müsste genug Motivation sein, uns allen Versuchen entgegenzustellen, in eine gesellschaftliche Entwicklung zu geraten, in der Menschen unterschiedliche Würde und unterschiedlicher Wert zugestanden wird. Wir haben mehr: wir haben die Seligpreisungen, wir haben die Glaubenszeugen vor Augen.

Darauf lasst uns schauen und nicht zurückweichen, auch wenn es etwas kostet.

Amen.


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