22.09.2018
Dialogpredigt aus dem Ökumenischen Festgottesdienst 1050 Jahre Bistum Magdeburg am 22.09.2018

Bischof Dr. Gerhard Feige und Propst Christoph Hackbeil im Dom St. Mauritius und Katharina zu Magdeburg zu Mt 5,13-16

Ökumenischer Festgottesdienst zum Gedenken an die Gründung des Erzbistums Magdeburg vor 1050 Jahren

Bischof: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Ihnen allen!

Propst: Mit den besten Grüßen von Landesbischöfin Junkermann, darf ich diese hier als Ihren Dialogpartner, lieber Bruder Dr. Feige, vertreten. Allerdings hat dies auch eine pikante Note. Als ehemaliger Superintendent von Halberstadt kenne ich die kritische Perspektive der Halberstädter auf die Gründung eines Erzbistums in Magdeburg.

Ja, Kaiser Otto I. hatte nach zähem Ringen dem Halberstädter Bischof Bernhard von Hadmersleben zusagen müssen, das Magdeburger Erzbistum erst nach seinem Tod zu gründen. Und das geschah dann 968.

13 Jahre musste der mächtigste Fürst Europas warten, bis sein Traum in Erfüllung ging. Ich finde es erstaunlich, wie Otto als weltlicher Herrscher gesetzte Grenzen achtete und zu seinem Wort stand.

Vielleicht kam das ja wirklich aus dem Vertrauen, dass Gott sein Wort hält, das er in Jesus Christus gegeben hat. Und auf dieses Wort hören wir auch heute.

So hat Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen gesagt: „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt.“ Salz ist schon seit Menschengedenken etwas unendlich Wertvolles. Auch zu Zeiten des Alten Testaments brauchte man es zum Reinigen und Konservieren. Ja mehr noch: Salz ist geradezu lebensnotwendig für den menschlichen Organismus. Ähnlich ist es auch mit dem Licht.

Salz und Licht sind lebensnotwendig. Salz macht Speisen genießbar. Und Licht macht Leben hell. Und beides geschieht, indem es sich hingibt. Das Salz löst sich in den Speisen auf. Das Licht verbreitet sich.

Angesichts dessen erscheint das Wort Jesu geradezu provokant. Wir Christen sind – so geht daraus hervor – niemals nur für uns selbst da. Als „Salz der Erde“ ist es unsere Bestimmung, für die menschliche Gesellschaft auch weit mehr als nur bloße „Geschmacksverstärker“ zu sein.

Unsere Bestimmung ist, darauf zu achten, dass das Leben für alle Menschen schmackhaft und genießbar ist. So verstehe ich Jesu Worte: Ihr seid lebensnotwendig für das Leben in der Welt. Euer Auftrag ist, für ein gutes und helles Leben einzutreten.

In beiden Bildworten steckt eine ungeheure Zumutung. Wenn wir auf unsere Geschichte schauen, müssen wir uns eingestehen, dass das Salz immer wieder schal geworden ist und das Licht unter dem Scheffel gestanden hat – ja, dass wir als Kirchen sogar oftmals unserer Bestimmung nicht gerecht geworden sind. Mehr noch: wie die Ergebnisse der Studie zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige zeigen, haben wir als katholische Kirche auch große Schuld auf uns geladen. Wir sind bestürzt und beschämt und bitten die Opfer um Vergebung. Vor allem aber müssen wir alles dafür tun, dass sich solche schrecklichen Verfehlungen nicht mehr wiederholen.

Was ist, wenn das Salz nicht würzt? Was ist, wenn Christenmenschen, ja, die ganze Kirche ihre Bestimmung vergisst? Jesus stellt diese Frage und gibt zugleich die Antwort. Er sagt: Salz ist dann zu nichts mehr nütze. Man schüttet es vom Fenster auf die Straße und lässt es von den Leuten zertreten. Auch unsere evangelische Kirche trifft dieser Satz. Salz der Erde. Licht der Welt hätten wir sein müssen. Doch vor 100 Jahren und in den Jahren danach lag die Evangelische Kirche in den Fesseln des Nationalismus. Aus der Botschaft einer universalen Hoffnung für die ganze Welt wurde Salz für Deutsche und Licht für Deutsche. Wie sehr wir heute hier gefordert sind, umzukehren zu dem globalen Blick der Botschaft Jesu auf alle Menschen, muss ich vielleicht nicht weiter ausmalen.

Doch hören wir noch einmal genauer hin. Jesus sagt nämlich nicht: „Ihr sollt!“ oder „Ihr müsst!“ Er sagt: „Ihr seid das schon. Ihr seid Salz, ihr seid Licht“. Und das bedeutet: Jesus Christus ist das eigentliche Salz der Erde. Er ist auch das Licht, das in die Welt gekommen ist. Und wir sind diejenigen, durch die er im Heiligen Geist wirken will.

Wir können Salz und Licht sein, wenn wir aus Ihm leben, uns von Ihm unser Leben genießbar machen lassen und in sein helles, freundliches Licht stellen. Und das geschieht, weil Er unser Versagen und unsere Schuld vergibt, weil er uns in das Licht seiner Liebe stellt. 

Und so sind seit der Gründung des Erzbistums Magdeburg vor 1050 Jahren – trotz aller Verfehlungen und Missstände, die es immer wieder gab und gibt, – durchaus beeindruckende Spuren des christlichen Glaubens zu verzeichnen. Romanik und Gotik haben die Landschaft geprägt. Aber auch große christliche Persönlichkeiten lebten in unserer Region. Viele von ihnen werden sogar als Heilige verehrt. Sie sind gewissermaßen „die Lichtspur Gottes, die er selbst durch die Geschichte gezogen hat und zieht“ (Papst Benedikt XVI.). Einer, der zwar nicht aus unserer Gegend stammt,  dessen Fest wir aber heute begehen, ist der heilige Mauritius.

Und wir feiern es ökumenisch, weil auch nach Martin Luther Heilige in ihrer Vorbildwirkung für evangelische Christen bedeutsam sind. Mauritius war ein koptischer Christ aus Ägypten, um 285 Centurio, also Offizier in der römischen Armee. Er weigert sich mit seinen Gefährten, an der Verfolgung von Christen teilzunehmen und dem römischen Kaiser zu opfern. Dafür wird zuerst jeder zehnte seiner Soldaten hingerichtet. Nach wiederholter Weigerung wird die gesamte Abteilung niede­r­gemetzelt. So ist er im Bekenntnis zu Christus treu geblieben ist, auch unter Androhung des Todes, den er und seine Gefährten erlitten haben.

Das ist der äußerste Punkt des Glaubens. Immer wieder sind Christen an ihn gestellt und gedrängt worden und haben sich als Zeugen des Glaubens bewährt, genauso wie Mauritius und seine Gefährten.

Nicht um des Martyriums selbst willen; vielmehr: um für das Leben einzutreten, und koste es das eigene Leben. Zeugen sein des lebensfreundlichen Gottes. Wir haben im Zeugnis des Mauritius gehört: es geht um die Bindung an Gott und seine Gebote. Sie soll Vorrang haben vor allen anderen Bindungen. Geraten die verschiedenen Bindungen miteinander in Konflikt, dann müssen wir die Geister unterscheiden und den Weg wählen, mit dem wir beim Bekenntnis zum Dreieinigen Gott bleiben.

Das stellt uns Christen die Frage, wie wir uns überall da konstruktiv einbringen, wo politische und gesellschaftliche Gestaltungsaufgaben anstehen. Spannungen, Konflikte und Verwerfungen gibt es genügend. Umgangs- und Verständigungsformen werden rauer, unverschämtes Verhalten greift immer mehr um sich. Vor allem tragen rechtsextreme und populistische Gruppierungen zu dieser Verrohung bei. Dadurch hat sich auch der Ton politischer Debatten verändert. Bei Demonstrationen, in manchen Schreiben und vor allem im Internet sind Lügen und Hetze auf erschreckende Weise verbreitet. Gerade in den sogenannten sozialen Medien werden zunehmend irrationale Empörungswellen und Hasslawinen ausgelöst. Durch Vorfälle wie den tragischen Tod des jungen Mannes in Köthen werden solche Emotionen noch weiter geschürt, so dass es auch immer mehr zu Gewalttätigkeiten kommt. Damit aber steht der Geist der Menschlichkeit auf dem Spiel.

Seit Jahrhunderten ist das Gesicht eines Afrikaners hier im Magdeburger Dom ein Signal: geweiht auf einen Ausländer. Längst bevor das sog. Abendland christlich wurde, war das Evangelium in sein Land nach Ägypten gekommen. Heute leben auch in Sachsen-Anhalt koptische Christen und bereichern die Ökumene unseres Landes. Sie berichten von der dramatischen Situation der Kopten in Ägypten, aber auch von einer Kirche, die in Liebe zu ihrem Herrn Jesus Christus steht. Mauritius, aus Ägypten kommend, wurde in Europa zum Zeugen der Wahrheit und Mahner für Gerechtigkeit. Als einzelne Christen und als Kirchen sind wir gefragt in unserem Bekennen und Widerstehen, in unserem Zeugnis für Christus und sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens und für die unbedingte Achtung des menschlichen Lebens.

Durch ein solches Zeugnis können wir auch zu Brücken der Verständigung zwischen unseren europäischen Völkern werden – in einer Zeit, in der Vorurteile und Abgrenzungen wieder zunehmen, Eigeninteressen wichtiger werden als der Sinn für Solidarität, neue Nationalismen sich breitmachen und selbst kriegerische Auseinandersetzungen nicht mehr auszuschließen sind. Wir könnten der Einheit Europas auch – wie Kardinal Kasper es einmal formuliert hat – wieder die Seele schenken. Denn „das moderne Europa wird auf die Dauer … nur Bestand haben, wenn es seine religiöse und insbesondere seine christliche Seele wiederentdeckt“.

Ja, unsere Würzkraft ist auch heute gefragt: Wir gehören zu diesem leidenschaftlichen Gott. Das sollen die Menschen merken. Wir sind sein Salz und sein Licht für sie! Jesus spricht uns in diesen Worten immer als Gemeinschaft an, als die, die zusammen kommen und ihre Kräfte und ihren Mut zusammenlegen. Als die, die einander bestärken, in Gottes und Jesu Namen Grundlebensmittel in dieser Welt zu sein.

Ja, die Menschen schauen auf uns. Wir sind die Bibel, in der sie lesen. Sie achten darauf, ob wir glaubwürdig sind. Das dürfen und sollen sie auch, sagt Jesus. An uns sollen die Menschen sehen, ob wir es ernst meinen mit unserem Glauben: ob wir denen die Suppe versalzen, die die Menschenwürde mit Füßen treten wollen, oder ob wir an unseren leuchtenden Häusern die Rollläden und die Türen schließen, wenn Menschen vor Hunger und Armut flüchten und wenn Verfolgte und Fremde eine neue Heimat bei uns suchen.

Oder ob wir Fenster und Türen öffnen, ob wir aufstehen und widersprechen, wenn Menschen verleumdet werden, wenn Erinnerung unterdrückt wird, wenn Geschichte gefälscht werden soll. Der Zuspruch Jesu, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein, heißt: dass wir uns von Gottes Leidenschaft und Liebe für die Welt und die Erde, für seine Menschen und seine ganze Schöpfung anstecken und berühren lassen und dass wir diese Würze und Klarheit weitergeben.

Amen. So soll es sein.

 

 


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