20.05.2018
Pfingstpredigt von Regionalbischof Christoph Hackbeil am 20.5.2018

Predigttext: 1. Korinther 2, 11-16

Liebe Gemeinde und liebe Gäste, was ich Ihnen unbedingt mitteilen muss: in dieser Gemeinde wird Theater gespielt. Regelmäßig trifft sich eine Theatergruppe, die historische und volkstümliche Stücke vorträgt. Da steckt ganz viel Liebe und Einsatz dahinter und die Gemeinde ist immer wieder begeistert.

Also möchte ich auch heute einladen: zum „Theater zu Pfingsten“. Niemand von Ihnen muss mitspielen, aber sie sind zu einer Theaterfahrt eingeladen in ein antikes Theater. Die komplizierten Sätze, die Paulus nach Korinth schreibt, passen gut in die Welt antiker Mysterienspiele, also religiösen Theaters.

Also packen wir uns einen Picknickkorb und begeben uns ins Theater. In dem halbrunden Zuschauerraum sitzen wir unter freiem Himmel auf Steinstufen. Vorn auf der Bühne vor den antiken Säulen werden wir etwas zu sehen bekommen über den „geistlichen Menschen“.

Zuerst tritt der Chor auf. Er beginnt mit einer gesungenen Frage: Wer weiß, was im Menschen ist? Es folgt eine weitere Frage: Wer weiß was in Gott ist? Nach einer Stille beginnt erst leise, dann immer lauter: Niemand, niemand, niemand. Mit schleppendem Schritt geht der Chor am Publikum vorbei und dann ab.

Ein erster Schauspieler tritt auf: niemand weiß es, außer Gottes Geist. Ein Narr mit klingender Kappe hüpft auf die Bühne: Welcher Geist von welchem Gott? Ich kenne viele. Geist von Zeus, Geist von Marx, Geist von Jesus? Weiß nur in meinem Kopf ist nicht viel Geist. Ich bin ein Narr. Geist verwirrt mich.

Der ernste Schauspieler ruft: Dann sieh selbst. Nur in Menschen wirst Du heute noch den Geist erkennen. Er zeigt zur Rechten. Er zeigt zur Linken. Da treten zwei überlebensgroße Gestalten auf. Sie gehen wohl auf Stelzen und tragen eine Maske.

Die eine Person trägt ein einfaches dunkles Gewand. Ihr Kopf ist hinter einen Maske aus Holz versteckt. Kantige Gesichtszüge geben ihr ein markantes Aussehen. Ihr Mund zeigt ein Lachen. Mit einer langsamen Handbewegung führt sie auf sich zu.

Von der anderen Seite kommt eine andere Gestalt. Sie trägt ein weißes, golddurchwirktes Gewand. Ihre Maske ist aus weißem Alabaster. Doch ihr Mund ist ein Strich. Verkniffen. Mit einer großen Handbewegung zeigt sie sieghaft in die Welt.

Der Schauspieler ruft: einer ist der natürliche Mensch, einer ist der geistliche Mensch. Wer errät es? Narr jetzt bist du dran, zeig es uns. Der Narr schleicht um beide herum. Schaut zu beiden auf. Wiegt den Kopf. Zuckt mit der Schulter.

Einer ist arm und elend – das ist sehr natürlich. Den meisten ergeht es so. Aber wieso ist er dann fröhlich? Der andere lebt im Glück – und kann sich Nachdenken leisten. Aber wieso blickt er so angstvoll? Und was bedeuten die Bewegungen der Hände.

Der Narr vermag es nicht zu lösen. Da tritt der Schauspieler nach vorn. So frage ich euch: wer ist weise zu unterscheiden, was ein natürlicher und was ein geistlicher Mensch ist. Ihr müsst es selbst lösen. (An dieser Stelle meldet sich Michel 9.J. und ruft: Ich weiß es!)

Schon kommt der Chor auf die Bühne und umringt die beiden Gestalten. Im immer wilder werdenden Reigen drehen sich die Sänger. Eine Trommel wird geschlagen. In einem ekstatischen Tanz werden nun viele Masken hochgehalten.

Vor unseren Augen wird alles ein verwirrendes Spiel. Erst gaben die beiden Gestalten Ordnung auf der Bühne und für das Nachdenken. Nun verfließt alles chaotisch und wild ineinander. Dann ist plötzlich das Spiel zu Ende.

Zögernd beginnt der Applaus. Eine ältere Dame ruft: Immer dieses experimentelle Theater. Mir dreht sich alles im Kopf. Woher kommt Ordnung in mein Denken? Mit einem Freund bleibe ich sitzen.

Wir haben ein Fladenbrot und eine Flasche Wein dabei. So fallen wir in tiefe Gedanken. Da setzt sich ein Dritter zu uns. Er fragt: Gebt ihr mir etwas vom Brot ab und vom Wein? Ich bin Paulus. Das Skript zum Spiel war von mir.

Ich sage: also ehrlich. Ich fand das schwierig zu verstehen. Mit dem natürlichen und geistlichen Menschen. Mein Freund fand den Tanz beeindruckend: dieses Durcheinander von Gesichtern, Gestalten, ja auch Ideen und Weltanschauungen.

So erleben wir unser 21. Jahrhundert. Wir finden keinen festen Bezugspunkt mehr. Denkst du: das ist die Idee, an der will ich mich festmachen, löst sich schon kurz darauf wieder alles auf. Das Leben ist ein permanenter Trainerwechsel.

Darauf schaut uns Paulus an und fragt: ist es darum nicht umso nötiger, die Geister unterscheiden zu können. Denkt an den natürlichen und den geistlichen Menschen. Zugegeben, es ist etwas schematisch dargestellt– eben für die Bühne.

Nun der eine – ich nenne ihn auch den psychischen Menschen – lebt aus sich heraus. Er geht seinen Antrieben nach, lässt sich ungehemmt von seinen Bedürfnissen leiten, nimmt auf niemand Rücksicht und bringt es zu etwas. Das findet viel Beachtung. Er selbst nennt es Authentizität. Daher seine Bewegung: erfolgreich nach außen.

Der andere lebt von Gott in sich herein. Er nimmt zuerst auf. Er lässt sich innerlich berühren, hört zu. In ihm erkennt sich Jesus Christus wieder. Sein Geist ist in ihm wie ein leiser Wind der über das Wasser streicht. Jener ist innerlich bewegt. Mitfühlend. Er lässt das Leben an sich heran. Seine Bewegung zeigt auf sich zu. Er hat Jesu Sinn.

Doch ich muss gleich weiter. Mein Wunsch ist: Übt die Unterscheidung der Geister. Je verwirrender die Zeit ist, umso wichtiger ist dies. Findet heraus, wem es um sein Ego geht und wer anderen sein Ohr und Herz schenkt. Welcher Geist oder Ungeist bewegt einen Menschen? Fördert er das Leben? Fördert er Gemeinschaft?

Unterscheidet, aber urteilt nicht. Denn eine schematische Unterscheidung des natürlichen und geistlichen Menschen ist eher etwas für die Bühne. Bei allen geht vieles durcheinander. Aber Gottes Geist lässt sich spüren. Er hilft euch freier zu werden. Er führt weiter. Er nimmt die Angst. Er gibt Frieden. Er schenkt Sinn.

So ist Pfingsten der Weg, der vor euch liegt, auf dem ihr gewisser, froher und freier werdet. Ein frohes Pfingstfest wünscht Paulus und seine Theaterkompaney.


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