20.03.2022
Predigt Landesbischof Friedrich Kramer im Ökumenischen Rundfunkgottesdienst in St. Andreas zu Magdeburg über Lukas 11, 14-28 und die Kantate "Meine Brüder, seid stark in dem Herrn" von Georg Philipp Telemann (TVWV 1:1094)

  Gnade sei mit euch, und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt – Christus Jesus.   

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein Dämon geht um in Europa.
Der unreine Geist ist in der Welt, so erzählt das Evangelium. Er durchstreift ruhelos die dürren Stätten auf der Suche nach Menschen. Nun hat er erneut Menschen gefunden; er hat sich eingenistet und Wohnung genommen. Offenbar kam er nicht alleine, sondern nahm andere Geister mit sich, böser als er selbst. Gemeinsam haben sie einen viel größeren Dämon entfesselt: den Krieg. Er stellt alle Bosheiten in den Schatten. Wir hatten den Dämon des Krieges aus Europa vertrieben, dachten wir. Unser Haus war schön und licht. Aber schon im Kosovo war er eingefahren und was wir gerade erleben, ist abgrundtief böse. Die in anderen Zeiten so archaisch und fremd anmutende biblische Rede von Geistern, Dämonen und Besessenheit verbindet sich ohne Mühe mit den Erfahrungen und Gedanken in Zeiten des brutalen, russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Dem Bösen eine Gestalt zu geben, dient immer dazu, mit ihm umzugehen. Aber von Dämonen und Besessenheit zu reden, birgt auch Gefahren: Wo etwa Menschen dämonisiert werden, wo das Böse mit einem Menschen identifiziert und nicht mehr von ihm unterschieden wird, da tut sich schon ein neuer Abgrund auf. Wagen wir uns auf den schmalen Grat, um im gelesenen und gehörten, im musizierten Evangelium Gottes gutes Wort für unsere Zeit zu finden.  

Ein Dämon geht um in Europa.
Es herrscht Krieg. Dieser Krieg ist nahe. Viel näher als die anderen Kriege der vergangenen Jahrzehnte, und davon gab es in Europa auch mehr, als wir auf Anhieb erinnern mögen. Der Krieg ist nah. Stündlich erreichen uns neue Bilder davon, wie die russischen Kräfte die einstigen ukrainischen Metropolen in Trümmerhaufen verwandeln. Menschen sind in den Kellern verzweifelt; weinen und schreien. Es wird gestorben. Und den Menschen, die diese Ruinen einst bewohnten, begegnen wir nun in unseren Städten und Gemeinden. Tausende Menschen haben bereits ihr Leben gelassen. Millionen Ukrainerinnen haben ein ganzes Leben zurückgelassen, samt ihren Männern, Großvätern, Vätern, die nicht gehen konnten, nicht mitgehen durften.  

»Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde«, schrieb einst Erich Kästner. »Euer einziger Feind heißt – Krieg.« In Frieden und Wohlstand lässt sich das vergessen; aber diese Einsicht veraltet nie: Der Krieg ist ein Dämon. Niemand beherrscht ihn.  Wer Krieg führt, den führt bald der Krieg nach seiner eigenen Logik. Er frisst sich nimmersatt durch die Familien, hinterlässt Waisen und Witwen und traumatisiert bis in die dritte und vierte Generation. Er frisst Ernten und Rohstoffe. Er sendet den Hunger als Kriegsboten hinaus in alle Welt. – Wehe denen, die den Dämon Krieg entfesseln.    

Der Krieg fällt nicht vom Himmel; er schleicht sich ein, nimmt langsam Besitz von Menschen, bevor er hervorbricht. Auch dieser Krieg. Seit der Revolution auf dem Maidan schneidet der Krieg mit rostiger Klinge in die ukrainischen Familien. Sie wussten, irgendwann würde der große Bruder kommen und sich holen, was er als das Seine erachtet. Lange wurde Unfrieden gesät; nun treibt er giftig aus: Krieg, der sich seiner Kriegsherren längst bemächtigt hat. Und wer den russischen Präsidenten Putin beobachtet, spürt, der Geist ist verfinstert. Keiner kommt mehr heran; die imperiale Nostalgie überlagert alles. Man kann nur ahnen, welche Verführer, welche Dämonen sich in die Seele schleichen, wenn ein Mensch sich seiner Einsamkeit überlässt und keinem mehr traut, außer seines gleichen. Wohl dem, der dem bösen Versucher und seinen Dämonen auch dort etwas entgegenzusetzen weiß, wo Freunde und Wahrhaftigkeit rar sind.   

“Seid stark in dem Herrn, Schwestern und Brüder, und in der Macht seiner Stärke, ziehet an den Harnisch Gottes, dass ihr bestehen könnet gegen die listigen Anläufe des Teufels.” Dieser Vers aus dem Epheserbrief stellt Hermann Ulrich von Lingen, der Dichter des Kantatentextes, seinem Werk voran und benennt um wen es geht in seiner Kantate, die wie geschrieben für unsere Tage scheint: um die Gestalt des Bösen in der Welt, um den Teufel und seine Versuchung, Macht über Menschen zu gewinnen. Wir haben Sie gehört: die listigen Anläufe des Teufels. Ich sehe sie vor mir, die Lakaien des Bösen, wie sie ohne Ruhe und hektisch voller Eifer das Land durchstreifen und suchen, wen sie verschlingen.  Dem Bösen in der Welt in der Figur des Teufels eine Gestalt zu geben, das fiel weder Lingen noch Georg Philipp Telemann schwer. Sie rechneten mit dem Teufel in personaler, realer Gestalt. Übrigens tut dies jeder Vierte in Deutschland, nach einer Umfrage, auch heute. Der Teufel scheint in dem Maße real wie die menschliche Erfahrung, in bestimmten Momenten nicht mehr Herr im eigenen Hause zu sein; das Gute zu wollen, aber das Böse zu tun; ja wie besessen zu sein von dem, was Verstand und Liebe zuwiderläuft. Oder Opfer zu werden von denen, die besessen und getrieben sind.  

Telemann lebte in einer Zeit, als der Tod auch in unseren Breiten noch regelmäßig durch die Fenster kroch und Menschen hinwegraffte. Es wurde gestorben, ständig und unerklärlich. Vater und Mutter Telemann starben früh, von seinen sechs Geschwistern erreichte neben ihm nur Bruder Heinrich die Volljährigkeit.  Und nicht nur Krankheit, Kinder- und Müttersterblichkeit, sondern auch Krieg schnitt immer wieder tief in die Familien der Menschen des 18. Jahrhunderts. Krieg, entfesselt zur Durchsetzung von Herrschaft, entfacht von Kränkungen und Gier nach Land. Im Jahre 1722 – da wird die Kantate uraufgeführt – endet gerade der über Jahrzehnte schwelende und immer wieder überkochende Nordische Krieg. Von einem Kabinettskrieg, einem Krieg auf kleiner Flamme sprechen die Geschichtsbücher verharmlosend und verschweigen, dass auch in diesem Krieg gemordet, vergewaltigt, gebrandschatzt, zerstört wurde. Dämonisch, teuflisch. Und doch: wir haben einen Stärkeren, der alle Dämonen auch den Krieg vertreiben kann und ihn besiegt. Das ist Grund zur Freude! Freut Euch! Wir haben einen Stärkeren.

Das der Kantate zugrundeliegende Evangelium erzählt eine von vielen Geschichten, wie Jesus das tut: nämlich sich dem Bösen entgegenzustellen. „Jesus trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich.“ Einige Sensationslustige wollen mehr sehen, andere sind skeptisch und sagen: „Er treibt die Dämonen aus mit Beelzebub.“ So wie wir heuten hören: “Dem Bösen kannst du nur mit Bösem entgegentreten.”  Aber Jesu Stärke beruht weder auf einem Pakt mit dem Bösen und dem Satan noch auf irgendwelchem Hokuspokus und großartigen Wundern. Was Jesus dem Bösen entgegensetzt, ist ein nüchternes und klares Nein. Wir kennen dieses Nein schon aus jener Einsamkeit der Wüste, in der der Teufel Jesus fand. Damals versprach er ihm Überfluss, Unsterblichkeit, Sicherheit und unendliche Macht. Jesus ließ sich gar nicht erst auf das teuflische Kräftemessen ein. Nein, nur Gott ist Gott. Und des Teufels Versprechungen sind gebrochen bevor sie ausgesprochen sind. Nein. Da weicht der Satan von Jesus. Diese Klarheit lässt den Dämonen keinen Raum. Sie weichen. Auch der stumme Dämon. Jesus wagt sich zu dem Besessenen. Er geht zu ihm; Aug’ in Aug’. Er sieht nicht das Böse, das den Geist verfinstert und ihn verstummen lässt. Er sieht in ihm einen Menschen, zu allem Guten fähig und zu allem Bösen. Ein Mensch, der es wert ist, nicht einfach aufgegeben und preisgegeben zu werden. Jesus lässt sich auf diesen Menschen ein, aber nicht auf die Logik des Bösen. Er erteilt dem Bösen eine Absage. Sie wirkt, denn sie geht mit einer großen Zusage Jesu einher: Ja, ich werde für dich kämpfen und den Feind dämpfen. Ich lasse dich nicht allein. Ich werde für dich kämpfen, aber niemals für dich töten.  Ich werde für dich kämpfen und ich werde für dich sterben. So ernst ist es mir mit dir.   

Ein Dämon geht um in Europa. Es ist der Krieg.  Wehe denen, die diesen Dämon entfesselt haben. Und der Dämon greift auch nach uns und unseren Herzen, er macht uns Angst, lässt uns verstummen, er zerstört unsere Friedenshoffnung, erschüttert und verstört. Und er flüstert uns ein, dass es jetzt Waffen und Aufrüstung, Stärke und Gewaltbereitschaft braucht. Im Evangelium erzählt Jesus ganz nüchtern, die Geschichte von der Bewaffnung. Da ist einer, der hat sich gut gerüstet mit dem Harnisch. Doch dann kommt ein Stärkerer und nimmt ihm alles weg. Wer sich rüstet und stark ist, kann immer von einem Stärkeren überwunden werden. Rüstung führt nicht zur Sicherheit. Was bricht die teuflische Logik des Krieges, der alle am Ende hinwegrafft? Christus ist stärker! Er ist stärker als jede dämonische und teuflische Macht, er besiegt das Böse dadurch, dass er sich hingibt und beim Guten bleibt. Dass er nicht Gewalt mit Gewalt beantwortet, sondern auf dem Weg des Friedens bleibt. Seid stark in dem Herrn, liebe Schwestern und Brüder! Lasst euch nicht auf die Logik des Bösen ein! Gott ist Gott. Und das Versprechen von Überfluss, Macht und Sicherheit wird nicht halten. Seid stark in dem Herrn. Und was wir im zweiten Teil der Kantate von der Sopranistin gehört haben: wo sich das Wort meldet und im Anrufen Jesu immer wieder der Teufel hervorkommt und uns versucht macht; es macht deutlich: Wir müssen, wenn wir Christus anrufen, mit dem Bösen rechnen. Gerade auch bei uns selbst. „Ein feste Burg ist unser Gott“ so klingt es am Ende der Kantate auf. Mit unserer Macht ist nichts getan. Wir können aber auf den uns verlassen, der stärker ist. Sein Ja führt uns zu unserem Nein zu aller Logik des Bösen. Lasst uns dieses Nein im Ja zu Christus sagen. Denn dieses Wörtlein kann den Feind fällen: „Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen, / so fürchten wir uns nicht so sehr, / es soll uns doch gelingen. / Der Fürst dieser Welt, / wie sau’r er sich stellt, / tut er uns doch nicht; / das macht, er ist gericht’: / ein Wörtlein kann ihn fällen.“ Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne: In Christus Jesus. Amen. 
 

https://www.mdr.de/religion/gottesdienste/radio-gottesdienste-maerz-zwanzig-zweiundzwanzig-100.html#sprung2

 


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