Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 1. Januar 2016

zur Jahreslosung „Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“ (Jes. 66,13) im Gottesdienst im Domremter zu Magdeburg

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde am Beginn des neuen Jahres!
„Drei rote Äpfel“, so hat die Fotografin ihr Bild genannt. Drei rote Äpfel auf einem Küchentisch. Ein stabiler Tisch. Aus Bohlen zusammengezimmert. Ein Tisch für den Alltag und für Alltägliches. Es muss nicht schön aussehen. Es braucht auch keine schöne Tischdecke. Ein Geschirrhandtuch genügt. Der Tisch steht vor einem Fenster. Licht fällt herein. Es streift den Apfel ganz links vorne. Ein Morgenlicht? Oder eher nachmittäglich? Der Stuhl ist an den Tisch gerückt. Noch sitzt niemand darauf. Ob es noch einen Stuhl gibt? Ja, einer hätte noch Platz. Wenn, dann steht er dort, wo der Betrachter steht – oder schon sitzt? An die anderen zwei Seiten passt kein Stuhl hin. Auf der einen ist das Fenster, an der anderen eine Wand. Eine kleine Essecke am Morgen oder Nachmittag. Bereit, dass sich jemand setzt. Zur nächsten Mahlzeit? Oder einfach so Platz nimmt.
Was ist daran Trost? Passt das Bild für die Jahreslosung? „Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“ So steht’s am Fenster, ein Ausblick.

Brauchen wir Trost? Brauchen Sie Trost? Trost, das ist doch wohl eher etwas für Kinder! Zumindest lassen Kinder sich leicht trösten. Sie lassen sich leicht in den Arm nehmen, schaukeln, beruhigen. „Bald ist alles wieder gut“, die Worte trösten. Und ein Kind, ein Kind glaubt dem Vater oder der Mutter, der vertrauten Person. Und beruhigt sich langsam.
Oder, es wird abgelenkt. Das soll den Schmerz vergessen machen: das lustige Pflaster, das Bonbon, das Eis ... .
Bei Erwachsenen funktioniert das nicht mehr so gut. Als Erwachsene weiß ich: Meine Schwester wird mir fehlen. Ihr Tod hat eine Lücke gerissen, die sich nicht einfach schließen lässt. Darüber kann mich nichts hinweg trösten. Getröstet bin ich, wenn ich ab und zu darüber sprechen kann. Mich vergewissern kann, dass das Leben weiter geht. Wenn der
Schmerz, ja, zu meinem Leben dazu gehört, ohne dass er mich überwältigt und lähmt.
Brauchen wir Trost? Brauchen Sie Trost? Ganz gewiss. Es gibt kein Leben ohne Erschütterung. Wenn etwas zusammenbricht, was so sicher schien. Eben durch Krankheit. Oder durch Tod. Oder durch Arbeitslosigkeit. Oder durch Streit.
Trösten kann dann nur wirklich, wenn in der Krise wieder innere Gewissheit wächst: Das stehe ich durch. Ich gehe nicht ganz darin unter, auch wenn mir das Wasser der Verzweiflung bis zum Hals steht.

„Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“
Ja, wir werden Trost brauchen im neuen Jahr, viel Trost. Persönlich. Und auch im gesellschaftlichen Bereich. Unrecht und Unterdrückung, Terror und Krieg werden uns auch im neuen Jahr erschüttern. Wir stehen vor ganz neuen Aufgaben. Die vielen Menschen, die besonders im letzten Jahr aus Krieg und größter Not zu uns gekommen sind - in ihnen ist uns das viele Leid in der Welt näher gerückt. Und auch die Gewalt, die dieses Leid verursacht. Wir erfahren aus 1. Hand davon.
Ja, wir brauchen Trost, auch als Gemeinschaft, als Gesellschaft. Unser bisheriges Leben wird erschüttert. ‚Wie gehen wir mit den Gütern dieser Erde gerecht um?’, diese Frage kommt uns näher mit den Menschen, die zu uns fliehen. Da hilft es auch nicht wirklich, die einen als „echte“ und die anderen als „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu bezeichnen. Alle kommen aus Not.
Ob wir uns erschüttern lassen? Oder abwehren, weil uns so viel Leid zu nahe kommt und hilflos macht? Ob wir es abschieben wollen, nach draußen, weg von uns, weil es uns bedrängt und wir nicht wissen, wie wir das schaffen können? Ob wir ahnen: Das hat auch etwas mit unserem Lebensstil zu tun! Wir sind verwoben in das Netz von weltweiter Ungerechtigkeit. Wir können uns in Europa nicht auf Dauer abschotten gegen die negativen Folgen unseres Handelns. Der Vertrag beim Weltklimagipfel ist ein erstes Hoffnungszeichen. Die Menschen auch bei uns beginnen zu ahnen: So kann, so wird es nicht weitergehen. Wir müssen umdenken. Und umkehren. Hin zu mehr Gerechtigkeit.

Aber wie kommen wir da hin? Werden wir das schaffen? Und dabei bei Trost bleiben und bei Trost sein in den Veränderungen?

Wie geht Trost?
„Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“
Gott sagt: ‚Ich lasse es mir nahegehen, was Dich bedrückt. Ich lasse mir die Not der Millionen auf der Flucht zu Herzen gehen. Ich blende es nicht aus und schiebe es nicht zur Seite. Weder damals in Babylon, als sie an den Ufern saßen und weinten. Noch heute. Ich habe ein Herz besonders für die, die Trost brauchen.’
So geht Trost: Ein anderer lässt sich zu Herzen gehen, was mich erschüttert.

Trost, das Wort kommt von ‚treu’. Trost ist, wenn jemand treu zu mir steht und zu mir hält, auch wenn es mir schlecht geht, wenn mich etwas grundlegend erschüttert, wenn mich etwas aus der Bahn bringt. Gut, wenn mir dann jemand beisteht – und sich nicht alle davon machen, weil das Leid anderer einen ja hilflos macht. Ja, darum geht es: Ohnmacht gemeinsam aushalten. Dem anderen, der anderen so beistehen, dass er, dass sie neuen Halt findet.

Getröstet werden und tröste – beides zusammen macht uns menschlich.
Ob uns das zu Herzen geht – und wir ernst nehmen, dass wir selbst trostbedürftig sind? Dass ich nicht alles einfach wegstecken kann. Oder drüber hinweg gehen. Dass ich das aushalte, dass da etwas ins Wanken gerät. Dass ich mir auch die Not anderer zu Herzen gehen lasse. Aushalte, wie sehr das Leben erschüttert werden kann.

Da ist der Küchentisch das richtige Möbelstück. Ich kann aufrecht dran sitzen. Ich kann die Arme aufstellen und den schweren Kopf halten. Ich kann den Kopf in die Arme legen und weinen. Einer kann neben mir sitzen. Bleiben. Sitzen und da bleiben. Mich mit seiner Hand erreichen. Und mit Worten. Ach, noch mehr: Mit seinem Ohr. Wie gut, wenn einer, wenn eine wirklich zuhört.
Am Küchentisch, da kann ins Unfertige geredet werden. Stammeln. Seufzen. Weinen. Lachen, ja, auch lachen. Ein Durcheinander wie verschiedene Zutaten für ein Gericht ..., sie gehören alle zusammen. Sie sind noch nicht so verarbeitet, dass es genießbar und verdaubar ist. Alles kann auf den Tisch kommen. Nichts muss schön geredet werden.
Ein Tisch, um wieder Hoffnung zu schöpfen – ohne sie schon zu haben.
„Gott ist eine Frau und sie wird älter“, so erzählt eine New Yorker Rabbinerin in ihrer Predigt zu Yom Kippur im Jahr 1990.
„Gott ist eine Frau und sie wird älter.“ Sie schildert, wie Gott als alte Frau an ihrem Küchentisch sitzt und im Buch der Geschichte, der Welt- und Menschengeschichte blättert und seufzt und auf ihre Kinder wartet. Ob sie umkehren? Ob sie heimkehren zu ihr?
Lange, lange hat sie gewartet auf ihre Kinder. Längst sind sie aus dem Haus. Haben sich abgenabelt. Haben Wichtiges zu tun. Wichtigeres, als nach Hause zu kommen zur alt gewordenen Mutter. Und als sie kommen, da sind sie etwas befangen und stammeln Erklärungen, warum sie so lange nicht da waren.
Da heißt ihre Mutter sie, erst mal Platz zu nehmen am Küchentisch. Und sie erzählen. Und dann werden sie still. Alles ist raus. Alles ist gut. Ja, bei der Mutter ist alles gut.

Ein schönes Bild: Gott als alt gewordene Mutter, die in ihrer Küche auf ihre Kinder wartet. Dass sie kommen. Und sich aussprechen. Und auch ausweinen können.

Die Jahreslosung ist eine Einladung zum Gebet. Sie lädt uns ein, uns an den Küchentisch zu setzen und zu erzählen. So, wie bei der Mutter, die ich besuche, längst selbst erwachsen. Es tut gut, wenn sie mich empfängt und sagt: ‚Schön, dass Du da bist. Komm her und erzähl mal.’ Und darin sind die Worte, die gar nicht ausgesprochen werden müssen: ‚Ich hör Dir zu. Ich halte mit Dir aus, was Dir schwer auf der Seele liegt. Mit guten Ratschlägen halte ich mich zurück. Du wirst Deinen Weg finden, auch wenn Du jetzt noch nicht siehst, wie es weitergehen kann.’
So tröstet Gott: Er hat ein Ohr für mich. Und für Dich. Und für Sie. Und das richtige Wort.
Und dann kann ich auch wieder anderen mein Ohr leihen. Und mein Herz und meine Anteilnahme.

Das ist ein schönes Willkommen im neuen Jahr: dass jemand für mich da ist, bis ich wieder ganz bei Trost bin, wie der Volksmund so treffend sagt. Dass mir jemand, dass mir Gott wie eine Mutter ihrem Kind innere Festigkeit gibt.
Mit seinem Wort. Denn sein Wort bleibt in Ewigkeit. Es trägt. Es bleibt gültig und wahr. Darauf kann ich mich verlassen. Was er zusagt, das hält er gewiss. Was er sagt, danach kann ich mich richten – gerade wenn Bisheriges erschüttert wird.
Und es stärkt in Europa unsere Orientierung an den christlichen, den biblischen Worten: Gerechtigkeit und Frieden, Frieden durch Gerechtigkeit, Heilung der seufzenden Kreatur.
Das gibt innere Festigkeit, Festigkeit, auch Unsicherheit auszuhalten. Festigkeit auch gegen Parolen und schnelle Lösungen, die so schnell über die Ursachen der Not hinweggehen, ja, die die Not erst gar nicht sehen, die sie aussperren wollen.

Auch die politisch Verantwortlichen bei uns und in Europa sind erschüttert angesichts der Flüchtlingskrise. Auch sie haben keine Patentrezepte oder schnelle Lösungen eines ‚starken Mannes’.. Gestehen wir auch ihnen Küchentisch-Gespräche, Raum für Unfertiges, eine offene, z. T. auch harte Diskussion. Damit die, die Trost brauchen, nicht mit billigem Trost abgespeist oder vertröstet werden.

Auch Gott ist kein starker Mann.
„Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“
So mag es ein Jahr der Küchentische werden.
Ein Jahr der Küchentisch-Gespräche. Mit drei roten Äpfeln. Wohl in einer Ecke stehend. Aber mit Licht, das herein fällt. Und mit jemand, der mit mir Platz nimmt. Mich hört. Mir zuhört.
Ja, so tröstet eine Mutter. Gott sei Dank. Amen.