Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 11. Oktober 2015

im Festgottesdienst zum 485. Jahrestag der Predigt Martin Luthers in der Kirche St. Marien in Weida

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigttext Mk 2, 1-12
1 Nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.
2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.
3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen.
4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.
5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen:
7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?
8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen?
9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?
10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten:
11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!
12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

Liebe Festgemeinde!
Kirche muss sich immer wieder neu ausrichten an Gottes Wort. Sonst droht sie zu erstarren. Sonst ist sie wie gelähmt. Kirche muss sich immer wieder neu ausrichten an Gottes Wort und sich auf den Weg machen. Sie muss sich zurück oder wieder neu – re – formen lassen von ihrem Herrn Jesus Christus.
Das war das Grundanliegen von Martin Luther. Die Kirche aus ihrer „babylonischen Gefangenschaft“ befreien. Sie befreien von all dem, was an menschlichen Traditionen und Dogmen und Satzungen und Gewohnheiten gewachsen ist und wächst und das Evangelium verstellt, so dass es nicht mehr leuchtet. Vor bald 500 Jahren war das für Martin Luther der Ablass. Er stellte sich gegen die Auffassung, dass man Sündenerlass und damit weniger Zeit im Fegefeuer nur bekommt, wenn man sich jetzt schon von seinen Sünden lossagt und freikauft. Nur die Kirche könne dieses Heil vermitteln, auch gegen bares Geld. So haben de Auswüchse des Ablasswesens die damalige Kirche geradezu zu einer Verkäuferin von Heil gemacht.
Von diesem Weg umkehren und Buße tun, dazu hat Martin Luther mit seinen 95 Thesen aufgefordert. Das Heil ist schon in Jesus geschenkt, das ist die frohe Botschaft. Kein Mensch kann, kein Mensch muss etwas dafür tun. Wer sich auf Jesus verlässt und sich an ihn hält, der braucht um sein Leben im Jenseits nicht fürchten; der ist ganz frei für das Leben im Diesseits – und für den Dienst am Nächsten hier. Das einzige, was es dazu braucht, ist: Buße tun, umzukehren vom falschen Weg, den Weg zu Jesus Christus neu zu gehen; sich von ihm befreien lassen von allem Leistungsdruck und Versagen, von allem Auf-Sich-selbst-fixiert-Sein und nur auf die eigenen Möglichkeiten.

Kirche muss sich immer wieder neu ausrichten an Gottes Wort und sich auf den Weg machen, sich zurück bzw. wieder neu formen lassen von ihrem Herrn Jesus Christus.
Re-Formation: Sie haben das deutlich gemacht mit dem Pilgerweg, den Sie gegangen sind. Seit heute morgen waren Sie auf den Beinen, haben immer wieder den Ort und die Perspektiven gewechselt. Und Sie haben sich an verschieden Stationen der Reformation erinnert.

Ja, für eine solche Reformation, für eine Erneuerung (nicht für eine Spaltung) der Kirche aus dem Wort ist Martin Luther eingetreten.
Hier in Weida ist sein Anliegen schon früh auf offene Ohren gestoßen. Schon 1524 wurde die Reformation eingeführt – so mutig und so schnell waren nur wenige Städte! Bereits drei Jahre später hat Melanchthon hier eine Visitation durchgeführt. Und noch einmal drei Jahre später hat Martin Luther in dieser Kirche gepredigt.

Wenn Sie daran erinnern, dann können Sie stolz sein und haben wahrlich einen Grund zu feiern!
Zugleich stellt eine solche Erinnerung uns heute vor die Frage: Wo müssen wir uns neu ausrichten an Gottes Wort? In welchen anderen Bindungen sind wir befangen, ja gefangen? Das ist nicht nur eine Frage an uns als Gemeinde und Kirche, das ist auch eine persönliche Frage: Worin bin ich gefangen? Unter welchem Druck stehe ich, ja, vielleicht auch, welche Angst macht mein Leben eng oder lähmt mich? Wie kann ich wieder aufatmen und frei werden?
Bei der Antwort hilft uns – immer wieder! – Gottes Wort. In der Schrift die Antworten suchen und im Gespräch darüber miteinander, das ist, was Martin Luther als Weg neu entdeckt hat. So lasst es uns ihm gleichtun und dem Weg zum freien Aufatmen, zu Heilung und Heil, nachspüren; heute in der Geschichte von der Heilung des Gelähmten.

Wer von den Menschen in der Geschichte fasziniert Sie am meisten? Mich die vier Freunde! Eigentlich können sie ja gar nichts tun. Am Lager ihres gelähmten Freundes ist ihnen bestimmt mehr zum Weglaufen als zum Bleiben.
Sie tun beides nicht. Oder: Sie tun beides! Sie laufen weg – und bleiben bei ihm - indem sie ihn mitnehmen. Wenn er nicht kann, wir wollen es versuchen, so scheinen sie sich gesagt zu haben. Jesus war bereits einige Tage zuvor schon einmal in Kapernaum gewesen und hatte bereits viele Kranken geheilt. Ob sich die Freunde damals noch nicht getraut hatten? Nun jedenfalls machen sie sich auf den Weg, mit ihm zusammen. Doch als sie ankommen, ist der Weg zu Jesus verstellt. Doch so schnell geben sie nicht auf. Sie suchen – und sie finden eine Möglichkeit, ihren Freund zu Jesus zu bringen.
Das ist das erste, was mich an dieser Geschichte fasziniert! Solche Freunde haben. Sich von ihnen tragen lassen. Sie glauben und hoffen stellvertretend!
Wie ist das bei uns heute? Was lähmt uns und hält uns gefangen? Die Zahlen, dass wir immer weniger werden? Dass viele Menschen so gleichgültig sind und ihr Heil nur noch im Diesseits suchen – und von einem Event zum nächsten hetzen, von einer Glücksverheißung zur anderen?
Paralytikos – so heißt das Wort für gelähmt im Griechischen. Was paralysiert uns? Hält unseren Blick so gefangen, dass wir darauf starren wie das Kaninchen auf die Schlange? Und wer sind unsere Freundinnen und Freunde, die uns an der Hand nehmen und davon weg und zu Jesus führen, zur Frohen Botschaft? Es ist nicht nur eine Frage an die Kirche.
Das kennen wir auch aus dem persönlichen Leben: Wenn ich ein festes Bild vor Augen habe, wie es sein soll: mein Kind, mein Partner, mein Leben - dann kann mich das gefangen halten – und den anderen. Ich bin fixiert. Das kann das meinen Blick verstellen. So sehe ich nicht mehr, was er oder sie wirklich gut kann, dann arbeite ich mich an dem ab, was meine Erwartung nicht erfüllt... .
Dann brauche ich gute Freunde, die mich von dieser Fixierung lösen.
Und es stellt sich noch eine andere Frage mit dieser Szene: Verstellen vielleicht auch wir den Weg zu Jesus. Mit unserer Tradition, wie es schon immer war; wer schon immer dazu gehört hat? Wie machen wir Platz und den Weg frei für jemanden, der ganz neu den Weg zu Jesus sucht?

Die vier Freunde lassen sich nicht aufhalten. Sie gehen bis an ihre Grenze, ja, darüber hinaus. Sie steigen der Menge aufs Dach.
Ja, das ist eine gute Botschaft (als zweites): Gib nicht so schnell auf! Meint nicht voreilig, Ihr wäret an Eure Grenzen und Möglichkeiten gekommen. Es gibt immer noch eine Möglichkeit! Ggf. müsst Ihr Euer Dach abdecken, damit ein Weg frei wird!
Was wäre das heute in Weida?
Nicht die Dächer, aber die Türen haben Sie einander geöffnet. Mit Ihrem Projekt „Gemeinden besuchen Gemeinden“ überwinden Sie alte Grenzen und suchen neue Gemeinschaft.
Ich bin neugierig auf unser Gespräch nachher, auf Ihre Erfahrungen mit diesem Projekt und mit anderem, was Sie vielleicht schon ausprobiert haben oder ausprobieren wollen.
Und wir sind als reiche Gesellschaft gefragt, unser Land für Menschen in Not offen zu halten, ihnen Freundin und Freund zu sein – im Vertrauen, dass Gott uns genug für alle gibt.

Doch wie geht das? Einen Makel haben – nicht mehr können, selbst nicht mehr können, das beschämt. Soll, kann ich das zeigen? Ja! Ja, es hilft, es mitten in der Öffentlichkeit zu zeigen! Und: es Jesus direkt vor die Füße zu legen.
Das, so sagt Jesus, ist Glaube: „Da nun Jesus ihren Glauben sah....“.
Was erkennt Jesus als Glauben?
Zunächst das ganz zwischenmenschliche Miteinander von Freundschaft, das sich in beidem zeigt: Eine bleibt bei der anderen, obwohl ihr Fall hoffnungslos ist; und bleibt doch nicht hoffnungslos, macht sich vielmehr auf den Weg und trägt ein Stück Wegs. Solche Freundschaft ist Glaube. Solche Freundschaft versteht sich nicht von selbst. Und in dieser Geschichte braucht es mindestens vier Freunde, damit der Glaube ins Laufen, auf den Weg kommt.

Als 2. möchte ich festhalten: Glaube bringt auf den Weg und bleibt nicht hocken. Glaube braucht Bewegung und bringt in Bewegung, weg vom eigenen Elendsort. Allerdings dabei das „Elend“ ganz und gar mitnehmend – aber sich nicht vom Elend anstecken und lähmen lassend.

Als 3. möchte ich festhalten: Glaube ist findig. Einmal in Bewegung gekommen, lässt er sich nicht so schnell aufhalten. Wenn Türen und Fenster verstopft sind und die Menge die Wege versperrt, sucht der Glaube weiter. Und sei es, dass er jemandem aufs Dach steigt.... .

Und schließlich möchte ich als 4. festhalten: Glaube zeigt Blöße. Sich selbst und eigenes Elend sehen, ist zuzeiten schwierig genug, da ja zu allen Zeiten Stärke und Kraft zählt. Und dann auch noch sich in seinem ganzen Elend in den Mittelpunkt abseilen lassen und so die neugierigen Blicke aller auf sich ziehen, das ist Glaube.

Diese vier Ausdrucksformen von Glaube, liebe Gemeinde, sind ganz und gar diesseitig. Sie heben nicht religiös ab in ferne Sphären oder Welten. Vielmehr: Glaube geschieht mitten im Alltag. Glaube geschieht als Alltag, ganz diesseits, ganz praktisch und manchmal ganz ungewöhnliche Wege wagend.
Wichtig ist, sich neu an Jesus orientieren, den Weg zu ihm finden.
Das ist, so bin ich überzeugt, die Sünde, die er dem Gelähmten vergibt: Die Sünde, sich allein helfen zu wollen – oder: sich mit der Not abfinden. Das heilt Jesus, die abgebrochene Beziehung zu Gott, das verlorene Vertrauen darauf, dass Er hilft aus aller Not.
Und: dass er den Weg zu einem heilen Miteinander zeigt, in seinen Geboten.
Heilwerden an Geist, Leib und Seele, das gehört zusammen. Das bringt Jesus zusammen. Und so kann der Gelähmte aufstehen, sein Bett auf die eigene Schulter nehmen – und selbst gehen.

Liebe Gemeinde in Weida! Da seht Ihr Eure Aufgabe: Den Weg zu Jesus frei halten; von ihm her die Menschen in Not sehen – und sie ihm vor die Füße legen. Das beginnt im Gebet. Und das führt Euch zu denen, die Hilfe brauchen.
Gottes Geist stärke Euch, so die Reformation weiter lebendig zu halten. Dass Ihr Euch immer wieder neu an Gottes Wort ausrichtet und auf den Weg macht; dass Ihr Euch von Gottes her formen und auf den Weg zu Jesus führen lasst – und von ihm alles erwartet: Heilung und Heil. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.