Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 12. Februar 2017

über Gen 16, 1-16 im Rundfunkgottesdienst am Kirchentagssonntag (Septuagesimae, 12. Februar) 2017 im Dom St. Petri zu Bremen

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.


Predigttext: Wir hören das 16. Kapitel des 1. Buchs Mose, aus dem die Kirchentagslosung stammt, in der Kirchentagsübersetzung:
1 Sarai, Abrams Frau, hatte ihm noch kein Kind geboren. Sie hatte aber eine ägyptische Sklavin mit Namen Hagar.
2 Da sagte Sarai zu Abram: „Schau doch, die LEBENDIGE hindert mich, Kinder zu gebären. Geh doch zu meiner Sklavin; vielleicht kann ich durch sie Mutter werden.“ Abram hörte auf Sarai.
3 Da nahm Abrams Frau, Sarai, ihre ägyptische Sklavin Hagar und gab sie ihrem Mann Abram zur Frau, nachdem Abram schon zehn Jahre im Land Kanaan gewohnt hatte.
4 Er ging zu Hagar und sie wurde schwanger. Als sie sah, dass sie schwanger war, wurde ihre Herrin gering in ihren Augen. Da sagte Sarai zu Abram: „Das Unrecht, das mir geschieht, treffe dich! Ich selbst habe meine Sklavin in deinen Schoß gelegt. Doch kaum sieht sie, dass sie schwanger ist, werde ich gering in ihren Augen. Die LEBEN- DIGE richte zwischen mir und dir!“
6 Abram antwortete Sarai: „Schau, deine Sklavin ist in deiner Hand. Mach mit ihr, was in deinen Augen richtig ist.“ Da behandelte Sarai Hagar so hart, dass diese die Flucht ergriff, weg von ihr.
7 Der Bote der LEBENDIGEN fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur.
8 Er sagte: „Hagar, Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin gehst du?“ Sie antwortete: „Weg von Sarai, meiner Herrin. Ich bin auf der Flucht.“
9 Der Bote der LEBENDIGEN sagte zu ihr: „Kehr zurück zu deiner Herrin und beuge dich unter ihre harte Hand.“
10 Der Bote der LEBENDIGEN sagte zu ihr: „Ich werde deine Nachkommen so sehr vermehren, dass man sie nicht mehr zählen kann.“
11 Der Bote der LEBENDIGEN sagte zu ihr: „Schau, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären und du sollst ihn Ismaël nennen‚ ‚Gott hört‘, denn die LEBENDIGE hat gehört, wie hart du behandelt wirst.
12 Er wird ein Wildesel von einem Menschen sein, seine Hand gegen alle und die Hand aller gegen ihn, aber allen seinen Geschwistern zum Trotz wird er sich niederlassen.“
13 Da gab sie der LEBENDIGEN, die zu ihr geredet hatte, einen Namen: „Du bist El Ro’i, Gott, der mich sieht“, denn sie sagte sich: „Habe ich hier wirklich hinter dem hergesehen, der mich sieht?“
14 Deshalb heißt der Brunnen: „Brunnen der Lebendigen, die mich sieht“. Schau, er liegt zwischen Kadesch und Bered.
15 Hagar gebar Abram einen Sohn und Abram nannte seinen Sohn, den Hagar geboren hatte, Ismaël, „Gott hört“.
16 Abram war 86 Jahre alt, als Hagar ihm Ismaël gebar.

Liebe Gemeinde!
Sehen und Gesehen werden, darum geht es unter uns Menschen. Darum geht es auch bei Sarai, Abram und Hagar. Sie sind drei Menschen, die sehen und gesehen werden, die wegsehen und übersehen und übersehen werden.
Da ist zunächst Sarai. Sie wartet und wartet, dass sie endlich schwanger wird. Zehn Jahre ist sie nun schon mit Abram im Gelobten Land. Und Monat für Monat wird sie enttäuscht. Ob ihr Ansehen bei ihren Leuten sinkt, weil sie nicht für Nachwuchs sorgen kann?
Und da ist Abram, Sarais Mann. So recht hinsehen will er nicht. Was kann er auch schon tun? Ein großes Volk soll aus ihm werden. Gott hatte ihm einst am Nachthimmel vor Augen gestellt: So viele Nachkommen wird er haben, wie Sterne am Himmel sind, nicht zu zählen. Eine große Verheißung - aber bislang ist nichts davon zu sehen.

Und da ist Hagar. Wer sieht sie schon? Eine Frau in einer Männergesellschaft? Sklavin noch dazu? Und eine Fremde? Sie steht auf der untersten Stufe der Gesellschaft, ohne jegliches Ansehen.
Und nun gerät sie plötzlich in den Blick, in den Blick von Sarai. ‚Ja, sie, ihre Sklavin, ist die Lösung ihres Problems! Ihre ägyptische Magd kann doch für sie ein Kind von Abram bekommen!’ Das war damals nicht unüblich, eine solche Art von Leihmutterschaft.
So spricht Sarai ihren Mann an: „Schau doch! Gott lässt mich unfruchtbar sein!“ ‚Sieh den Tatsachen ins Auge. Mit mir, da wird das nichts mehr mit einer großen Nachkommenschaft. Gott übersieht mich. Aber ich, ich sehe eine Lösung. Geh zu meiner Sklavin, die soll für mich schwanger werden und für mich, ihre Herrin, ein Kind von Dir zur Welt bringen.’
Ja, Sarai will sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden. Sie muss selbst schauen, wo sie bleibt. Und nimmt ihre Sklavin auch dafür in Gebrauch, ja, so direkt muss es gesagt werden.

Und Hagar? Noch nicht einmal mit Namen spricht Sarai von ihr, auch Abram nicht. Und nun soll sie nicht nur ihre Arbeitskraft geben. Nun soll sie auch noch mit ihrer Gebärfähigkeit ihrer Herrin dienen.
Aber wer weiß, vielleicht ist das ihre Chance? Welche Aussicht hat sie sonst schon, ihrem Schicksal zu entkommen?
Wie eine Sache wird sie von Sarai an Abram übergeben, um ein Kind für die beiden auszutragen.
Und sie wird schwanger. Ob sie darin ihre Chance sieht? Dass ihr Ansehen steigt? Immerhin, ein Kind vom Patriarchen der Großfamilie, nicht nur ein Kind, vielmehr: endlich das Kind, das erste, vielleicht das einzige Kind?!
Sarai merkt, wie die schwangere Sklavin nun auf sie, die Herrin, herabsieht. Und reagiert ohne jede Nachsicht:
„Da behandelte Sarai Hagar so hart, dass diese die Flucht ergriff, weg von ihr.“
So strandet Hagar in der Wüste. Als hätte sie schon den Satz der Bremer Stadtmusikanten im Ohr „Etwas besseres als den Tod finde ich überall“ – „Etwa besseres als solche Demütigung finde ich überall.“

Und – das ist das Wunder, das findet sie!
Ein Bote Gottes findet sie in der Wüste. Und, zum allerersten Mal in dieser Geschichte, spricht einer sie mit Namen an: „Hagar, Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin gehst du?“ Woher sie kommt, das kann sie sagen: „Weg von Sarai, meiner Herrin. Ich bin auf der Flucht.“ Aber wohin es gehen soll? Das kann sie nicht sagen. Aussichtslos ist ihre Lage!

Und nun folgt ein Gespräch, an dessen Ende Hagar sagt: „Du siehst mich, Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Endlich, endlich hat jemand sie wahrgenommen, als Mensch mit Namen und eigener Geschichte.
Allerdings schickt Gottes Bote sie zurück in ihre Situation; doch nun mit einer Aussicht. Der Bote Gottes schickt sie zurück mit der Aussicht, dass Gott sie sieht und Besonderes mit ihr vor hat:
Sie ist – nur – eine Frau – und doch wird sie die Ahnfrau eines großen Volkes. Die gleiche Verheißung wie an Abram ergeht an sie!
Sie ist – nur – Sklavin – doch ihr Sohn wird ein freier Mensch werden.
Sie ist eine Fremde – und doch ist ausgerechnet sie, die Fremde, der erste Mensch in der Bibel, der dem Gott Israels einen Namen gibt: „Du bist El Ro’i, Gott, der mich sieht.“
Ja, Gott sieht sie freundlich an. Gott verschafft ihr, der dreifach Benachteiligten, großes Ansehen. Was für eine Aussicht!
„Du siehst mich, so wie ich bin und werden kann.“
Was für eine wunderbare Geschichte!

Lassen Sie uns innehalten und ihr bei etwas Musik nachsinnen.

„Du siehst mich“ – was bedeutet dies für Sie? Für mich? Für unser Miteinander heute, wenn wir diese Geschichte von den Dreien aus sehen?
Wenn ich die Geschichte von Hagar aus sehe, dann spüre ich den Schmerz mit, wie es ist, übersehen zu werden; wie es kränkt, für andere nur Mittel zum Zweck zu sein. Und mein Herz wird weit: Gott sieht auch mich. Gott sieht auch nach mir, auch in der aussichtslosesten Lage. Ja, das habe ich auch schon erfahren, und ich hoffe, eine solche Erfahrung liegt auch in Ihrem Leben. Gottes Angesicht leuchte über Dir – so wird sein Segen uns immer wieder zugesprochen, und ich kann meinen, und Sie können Ihren Weg aufrecht, angesehen weiter gehen.

Und wenn ich die Geschichte von Sarai aus sehe, dann bin ich vor die Frage gestellt: Wo gehe ich selbstverständlich davon aus, dass andere Menschen meinen Interessen dienen? Wenn ich z. B. Rosen im Winter kaufe – sehe ich dabei die Frau in Kenia, die sie erntet, mit ihrer vom Dünger vergifteten Haut?
Oder habe ich die immer staubigen Augen der Kinder vor Augen, die in Indien Steine klopfen – für unsere schönen Straßenpflaster?
Wir sind in ein Unrechtssystem verflochten – ohne dass es uns wirklich und immer vor Augen steht.
Ich kann da wegsehen oder es übersehen. Gott sieht. Gott sieht besonders auf die, besonders nach denen, die übersehen werden.

Gott braucht Boten und Botinnen auf dieser Erde, die gerade nach ihnen sehen; die sich anrühren lassen von Not. Die mit dem Herzen sehen. Die Unrecht und Missbrauch ansprechen, die darauf beharren, dass jeder Mensch Würde hat, Würde und Ansehen aus Gottes freundlichem Blick. Und eine Aussicht auf Leben in Würde.

Wenn ich die Geschichte von Abram aus sehe: Er gilt als Vater des Glaubens, weil er immer Gott vertraut hat. Aber: Auch er lässt sich vom Gottvertrauen abbringen. Zu verführerisch der Gedanke, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
Das tröstet mich: Gott hat mit ihm Nachsicht. Er lässt ihn deshalb nicht fallen. Er wird Vater von Ismael. Und wird viele Jahre später auch noch Vater mit Sarai, Eltern werden sie für ihren Sohn Isaak.
Oh, wie groß ist Gottes Herz! Du, Gott, siehst mich mit allem Versagen!
„Du siehst mich, so wie ich bin und werden kann.“

Gott sieht freundlich auf Dich, auf mich, auf Sie. So wird unser Blick frei füreinander, für meinen Nächsten, für den fernen und für die in der Nähe!

„Du siehst mich!“ Was für eine schöne Losung für den Kirchentag in Berlin und die Kirchentage auf dem Weg in Mitteldeutschland! Herzlich willkommen Sie alle!
Ich freue mich besonders auf die Schiffer von Bremen, die sich im Mai auf den Wasserweg nach Magdeburg machen wollen!
Wunderbar, wenn sich viele Menschen auf den Weg machen, um einander in den Blick zu nehmen; und um die ins Blickfeld zu rücken, die übersehen werden, und die, auf die man herabsieht.
Sehen und Gesehen werden, liebe Gemeinde, das ist elementar für unser friedliches Zusammenleben, für unsere Mitmenschlichkeit. Gott gibt uns ein Beispiel. Und wir sind seine Botinnen und Boten, denn:
„Du siehst mich, so wie ich bin und werden kann.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.