Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 21. August 2016

über 1. Joh 4, 7-12 im Gottesdienst zum Gedenken an Pfarrer Oskar Brüsewitz (1929 – 1976) in Rippicha, Region Zeitz

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
In diesem Gottesdienst gedenken wir unseres Bruders in Christus, des Pfarrers Oskar Brüsewitz. Vor 40 Jahren hat er sich selbst angezündet und ist vier Tage später seinen schweren Verletzungen erlegen.
Seit 40 Jahren versuchen Menschen, diese Tat zu verstehen. Wir gedenken heute seiner in ‚seiner Kirche’; in seiner Kirche, in die er zunächst mit seinen ungewöhnlichen Ideen viele Menschen versammeln konnte, so einzigartig war seine Verkündigung.
Und wir gedenken seiner in ‚seiner Kirche’, in die später immer weniger kamen, zu eigenartig war seine Art vielen geworden. Und zu anstößig für ihr Leben, insbesondere für ihr Leben in der Diktatur.
Wir stellen unser Gedenken unter die Worte des Predigttextes für diesen Sonntag, Worte aus dem 1. Johannesbrief:
(Predigttext: 1 Joh 4, 7-12)
7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
10 Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.
12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund Deinen Ruhm verkündige. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!
Der Predigttext beschäftigt sich mit der Frage: Wie zeigt sich Gott und wie zeigt er sich in unserem Leben?
Die Antwort ist so einfach wie schwierig zugleich: (Er zeigt sich) in der Liebe, denn: „er ist die Liebe“ (V 8).
An der Liebe und in der Liebe erkennen wir Gott. Sie ist eine Gottesgabe.
An der Liebe und in der Liebe erkennen wir: Durch sie sind wir mit Gott verbunden, so eng verbunden wie ein Kind mit seiner Mutter (V 7: „... wer liebt, der ist von Gott geboren“). Durch sie sind wir Gottes Kinder.

Und, das ist die zweite große Aussage dieses Predigttextes: Diese Liebe ist praktisch und konkret. Sie ist kein Gedankenkonstrukt oder eine philosophische oder theologische Idee, ein kaum erreichbares Ideal. Vielmehr praktisch und konkret hat Gott seine Liebe gezeigt: Er ist Fleisch und Blut geworden, hat unser menschliches Leben in allen Höhen und Tiefen geteilt, ja, besonders die Tiefen von Verzweiflung, Ohnmacht, Gottverlassenheit und Tod geteilt.
Vers 9: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“
Gott, der die Liebe ist, gibt sich zu erkennen in der Liebe. Was Liebe ist, das können wir in einem Satz sagen:
Liebe, das ist, wenn einer aus sich herausgeht und auf einen anderen zu geht. Ganz praktisch. Ganz konkret.
Gott geht aus sich heraus und teilt unser Leben, unser ganzes Leben. Deshalb gibt es keine Situation in unserem Leben, in der er uns nicht nahe, nicht an unserer Seite ist. Insbesondere ist er an unserer Seite, wenn wir mit unserem Tun am Ende sind. Und wenn wir mit unserem Tun falsch liegen, versagen, schuldig werden.

Und so praktisch und konkret wie Gottes Liebe zeigt sich auch unsere Liebe: in der Liebe untereinander, verbunden durch die Liebe in Christus.

So bestimmt dies heute unser Gedenken an unseren Bruder Oskar Brüsewitz: die Liebe. Und das ist einfach – und schwierig zugleich.
Es ist einfach, denn: Er war ganz ergriffen von dieser Liebe Gottes. So ergriffen, dass sie als große Kraft in ihm wirkte und ihn zu den Menschen trieb. Er wollte sie weitergeben. An alle Menschen. Besonders an Kinder und Jugendliche. Unermüdlich. Mit ausgefallenen Ideen. Immer für eine Überraschung gut. Jedenfalls: ganz praktisch und konkret.

Und er war offenbar so stark von dieser Liebe Gottes ergriffen, dass sie ihm die Angst nahm. Lange Zeit seines Lebens und Wirkens war das so. In der vor Angst und ideologischem Starrsinn weithin gelähmten Gesellschaft wurden seine Aktionen weiter erzählt weit über Rippicha und Zeitz hinaus, wie mutig er war und unangepasst und unkonventionell. Ich denke an den evangelischen Kinderspielplatz; an das weit leuchtende Kreuz aus Neonröhren; an die einfallsreichen Widerworte gegen die Parolen von Partei und Staat. Ganz praktisch und konkret. Ohne Angst. Lange Zeit ohne Angst. Bis es eng um ihn wurde. Er sich bedroht fühlte. Und er bedroht wurde, mit sog. Zersetzungsmaßnahmen. Er gehen sollte.
Er im Bemühen der Kirchenleitung zur innerkirchlichen Klärung in einer Visitation – keine Liebe mehr erkennen konnte und keinen Schutzwillen. So sah er keinen Weg mehr für sich, außer den, selbst zu bestimmen, wie er geht, von seiner Pfarrstelle, als Fanal, so dass auch sein Gehen noch ein Zeichen des Widerstands wird gegen einen Staat, der Anspruch auf den ganzen Menschen erhebt, ihn nach seinem Bild formen will.
So ist er auch bei diesem Gehen ganz eigener und furchtbarer Art, immer noch, bis zum Schluss gewiss: Gott hält mich, Gott umfängt mich mit seiner Liebe. Das Lied, das er noch einmal hören wollte, bevor er den Tod suchte, stärkt ihn in seiner Gewißheit: „So nimm denn meine Hände...“, Gott führt mich, Gott hält mich.
So gedenken wir seiner und staunen bis heute, in welchem Maß er sich von Gottes Liebe getragen sah. Es ist einfach, seiner im Licht dieser guten Botschaft, des Evangeliums von der Liebe Gottes zu gedenken, wie er im Raum dieser Liebe gelebt hat – bis in seinen Tod hinein.

Und es ist schwierig, wenn wir unser Gedenken an unseren Bruder Oskar Brüsewitz von der Liebe bestimmen lassen. Denn: Es bedeutet, dass wir auf alle Schubladen verzichten, in die er seit 40 Jahren, ja auch schon zu seinen Lebzeiten, gesteckt wurde: War er ein Psychopath? Ein psychisch gestörter Mensch? Oder ein Apokalyptiker mit einem stark dualistischen Weltbild? Oder ein Fanatiker, der sich nicht anpassen wollte? Oder ein Rattenfänger von Kindern und Jugendlichen, der mit Spielplatz und Kaninchen lockte? Oder ein einsamer Stürmender für Gottes Reich? Oder ein Prophet? Oder ein Märtyrer?

Die Liebe, gerade sie verzichtet auf Schubladen und Bilder. Sie schaut auf den anderen mit Respekt, Respekt davor, wie einzigartig er ist, weil von Gott geschaffen und geliebt ist. Wie Max Frisch in seinem Roman Stiller so wunderbar formuliert:
„Jedes Bildnis ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe [...] Wenn man einen Menschen liebt, so läßt man ihm doch jede Möglichkeit offen und ist trotz allen Erinnerungen einfach bereit, zu staunen, immer wieder zu staunen, wie anders er ist, wie verschiedenartig und nicht einfach so, nicht ein fertiges Bildnis [...].“

Oder wie Erich Fried in seinem Gedicht „Was es ist“ jegliche Deutung und Interpretation ausschließt und für Respekt für das – und den – was und wer jemand ist, eintritt: „Es ist, was es ist sagt die Liebe.“
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Ja, Liebe, das ist Respekt und Nüchternheit für das und den, was und wer jemand ist.
Dieser Respekt gebührt auch unserem Bruder Oskar Brüsewitz, wenn wir heute seiner gedenken.
Und das ist schwierig. Denn wir suchen Erklärungen. So einzigartig er war, so eigenartig, zunehmend eigenartig und fremd fanden viele seine Art, seine Ideen, seine Aktionen, bis hin zu seinem Tod und wie er sein Sterben vorbereitet hat. Ganz zu schweigen von der zunehmenden Isolierung im Dorf und von der Bedrückung und Verfolgung durch den Staat. So einen mutigen Liebesboten – den kann eine Diktatur nicht ertragen, denn sie setzt ja auf Angst, auf Misstrauen, auf Vorsicht, auf Nicht-Öffentlichkeit. Und auch die Kirchenleitung tat sich schwer mit diesem Unkonventionellen, der Unruhe brachte in die Gemeinde und Kirche, Unruhe brachte auch für das empfindliche Verhältnis zwischen Kirche und Staat. So laut und öffentlich Widerstand zeigen? Gefährdet das nicht alles, was mühsam genug für kirchliche Arbeit erreicht wurde und zu erreichen ist? So ist seine große Liebe nicht nur auf Gegenliebe gestoßen.

Ja, es ist schwierig, im Raum von Gottes Liebe zu leben. Denn andere, mächtige Räume sind in Konkurrenz zu ihr. Die übergeordneten Staatsinteressen. Die sog. Vernunft. Die übergeordneten kirchlichen Interessen. Aber auch: die Resignation; die Anpassung; die Ohnmacht und Hilflosigkeit.
Und doch: Sein selbst gewählter Tod hat Protest in der Gesellschaft gestärkt, insbesondere gegen die abfällige und hetzerische Berichterstattung im „Neuen Deutschland“ und in der „Neuen Zeit“. Es gab es viele mutige Leserbriefe. Und auch in der Kirche begannen ein neues Nachdenken und eine, auch sehr kontroverse!, Diskussion, was es heißt für die christliche Existenz, „Kirche im Sozialismus“ zu sein. Wie viel Anpassung muss sein und wie viel Widerstand ist geboten?

So hat er mit seinem Tod eine Zäsur gesetzt! Die Kirche hat die Frage, die ihr Pfarrer und Bruder Oskar Brüsewitz mit seiner Selbsttötung gestellt hat, neu ernst genommen, seine Frage aufgenommen, wie Bischof Werner Krusche formuliert hat, was er verstanden hat als Frage von Oskar Brüsewitz: „Brennt Ihr eigentlich noch für die Liebe Gottes? Seid Ihr noch Kirche des Herrn oder habt Ihr Frieden mit Gesellschaft und Staat gemacht?“
Viele Menschen in Kirche und Gesellschaft wurden mutiger seitdem, haben Liebe und Respekt, Klarheit und Eindeutigkeit mehr gewichtet als ihre Angst und den Anpassungsdruck. Die Kirche hat sich mehr geöffnet für die erstarkende Oppositionsbewegung. Die begrenzten Freiräume stärker genutzt – als Kirche mit anderen, für andere. Und sich in der Kunst geübt, in Gottes Liebe zu brennen, ohne daran zu verbrennen.

So danken wir Gott, wenn wir heute unseres Bruders Oskar Brüsewitz gedenken. Wir danken Gott dafür, wie er seine Einzigartigkeit und seine Eigenartigkeit gelebt hat, für seinen Mut und sein großes Vertrauen in Gottes Liebe.
Allein Gott kann mit seiner Liebe den ganzen Menschen umfangen, auch das, worin er versagt hat und schuldig geworden ist. Das gilt für unseren Bruder Oskar Brüsewitz und für uns.

Und ein letzter Gedanke:
Gedenken heißt, nach Heute zu fragen. Die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Auch wir heute stehen vor der Frage, wie wir der Macht von Gottes Liebe vertrauen, ihr Raum geben in unserer Gesellschaft und Welt. Auch sie ist, gewiss von anderer, aber doch auch von Gewalt und Menschenverachtung geprägt. Die anderen Gewalten, die der Liebe Konkurrenz machen, haben heute andere Namen: Fremdenfeindlichkeit, Gleichgültigkeit gegenüber anderen, Egoismus, Abschottung vor Menschen in Not, Abstumpfung auch gegenüber schlimmsten Nachrichten und Bildern, aus Aleppo, dem Südsudan, Nigeria? Ich denke an die vielen Männer, die auf gefährlichsten Wegen in unserem Land Zuflucht gesucht haben, um ihre Frau und Kinder auf sicherem Weg nachzuholen; das ist ihnen jetzt verwehrt für zwei Jahre, v. a., damit bei uns die politische Stimmung nicht kippt – was für ein Preis dafür: Die Kinder sind im Krieg solange eingeschlossen! Wie mutig sind wir, unsere Stimmen für sie zu erheben, für die verzweifelten in Aleppo, um nur einen Ort zu nennen.
Und ich denke an die große Zahl von Kindern in Armut in unseren Städten und Dörfern und die vielen Jugendlichen ohne Schulabschluss.
Wie wird unsere Liebe ganz praktisch und konkret? Auch Widerstand und Widerstehen riskierend, und Kopfschütteln und Häme?
Ja, lasst uns dieses Fragen aus diesem Gedenken heute neu gestärkt mitnehmen. Auch wenn die Vernunft sagt, es sei Unsinn und die Einsicht, es sei aussichtslos und die Erfahrung, es sei unmöglich . „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“.
Ja, Gottes Liebe umfängt auch uns. Sie ist praktisch und konkret. Sie stärkt uns den Mut, ihr nüchtern und klar und praktisch und konkret Raum zu geben unter uns, in unserer Gesellschaft und Welt.

Dabei bewahre der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn, durch den wir Gottes Liebe immer wieder neu erfahren. Amen.