Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 25. März 2016

im Karfreitags-Gottesdienst im Domremter zu Magdeburg

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Predigttext 2. Korinther 5, 19-21
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wo ist Gott?
Da hängt er am Kreuz: Unschuldig. Geopfert im Interesse der Macht. Der eine Mächtige tut dem anderen Mächtigen einen Gefallen und wäscht seine Hände in Unschuld. Und die ihn begleitet hatten, längst haben sie sich aus dem Staub gemacht, vom Acker des Brudermords, der seit Kain und Abel auf der Erde um und umgeht. Und immer sind da welche, die Beute machen, sich am Unschuldigen noch bereichern, die Kriegsknechte, die würfeln um das, was er hinterlässt.

Wo ist Gott?
Nur zwei sind unter seinem Kreuz: die Mutter und einer, einer der vielen Freunde.
Wer mag auch schon bleiben – bei einem der scheitert?
Wer mag auch schon bleiben – bei einem der leidet? Was kann man noch machen? Oder sagen?

Wo ist Gott?
Wo ist Gott angesichts so vieler Opfer von Gewalt? In Brüssel? In Paris? In Istanbul? In Syrien? In Afghanistan? In Nigeria? Unschuldige sterben, sind schwer verletzt, wahllos getroffen von Terror.

Wo ist Gott? Warum fällt er ihnen nicht in den Arm, denen, die mit solch kalter Mordlust sich und viele andere in den Tod reißen, dabei den Namen Gottes für ihren Terror missbrauchen.
Wo ist Gott?

Menschen in größter Not, machen sich auf den Weg. Gefährlich ist der Weg, den sie auf sich nehmen. Nur weg aus Diktatur, aus Krieg, aus Verfolgung. Oder auch: Nur weg aus der aussichtslosen Lage im Flüchtlingslager, in dem die Essensrationen immer kleiner werden und die Kinder keine Schule, keine Zukunft haben. Nur weg, wie die Bremer Stadtmusikanten, die sich sagten: ‚Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.’
Aber dann: Ist der Weiterweg versperrt. Europas Grenzen dicht. Kein Erbarmen, wie laut sie auch rufen, wie verzweifelt sie auch protestieren. Es geht ums Prinzip. „Wir können nicht alle aufnehmen. Das müssen die Armen der Welt lernen.“ Da sitzen sie im Schlamm und hoffen, hoffen gegen allen Augenschein, dass die Grenze sich doch noch öffnet. Da gehen sie durch den reißenden Fluss, riskieren ihr Leben, einmal wieder - und werden am anderen Ufer von Soldaten im Empfang genommen und zurück gebracht. Und dann die Kinder, auch sie frieren. Sie weinen, haltlos, tief verzweifelt. Sie spüren: auch ihre Eltern hilflos sind. Sogar sie wissen nicht mehr weiter.
Wo ist Gott? Wer mag helfen?

Wo ist Gott? Wenn die Diagnose plötzlich in den Alltag einbricht: Krebs. Kaum noch Hoffnung. Und plötzlich das Lebensmaß brutal verkürzt wird. So viele Pläne – aussichtslos, sie noch zu verwirklichen.
Wo ist Gott?

Mit dieser Frage wird Gott auf die Anklagebank gesetzt.
Warum greift er nicht ein? Warum lässt er so viel Unglück zu? Steht er auf der Seite der Täter, weil er ihr Tun zulässt?

Da sitzt er Gott – auf der Anklagebank. Da setzen wir ihn hin mit unserer Frage nach ihm – auf die Anklagebank. Wenn er nur eingreifen würde mit seiner göttlichen Macht – wäre die Welt dann nicht besser, ja, in Ordnung?
Wer nach Gott ruft, ihn anklagt – der ruft zugleich nach Gerechtigkeit. Greif ein! Mach dem Leiden ein Ende! Stell Dich auf die Seite der Opfer!

An Karfreitag gibt Gott die Antwort. Im Kreuz. Mit dem Kreuz sagt er: „Ja, ich bin da. Ich bin da. Allerdings nicht auf der Anklagebank. Ich bin vielmehr bei diesem einen, der unschuldig leidet, verhöhnt und verspottet, gemartert und ermordet wird. Da bin ich. Ich bin da.“ Der alte Gottesname, den Gott dem Mose offenbart hat: Ich bin, der ich bin. Ich bin da. Ich bin für Euch, für Dich da.

Noch können die Menschen ihn am Kreuz nicht erkennen. Sie kennen ihn ja anders, oder meinen, ihn anders zu kennen. Sie erwarten ihn ja nicht – so beim Ohnmächtigen, ja, sogar selbst ohnmächtig. Noch begreifen sie nicht den Weg, den Gott wählt. Er geht den Weg des Menschen. Er ist selbst Mensch geworden. Er sagt: Der, den ihr verwerft, den ihr aus eurer Mitte entfernt, der ist mein Sohn. Dort bin ich.
Lieber leide ich und leide mit, als dass auch ich noch an der Spirale der Gewalt drehe. Denn das passiert, wenn ich eingreife: die Spirale der Gewalt geht weiter.

Dieser Gott ist schwer zu begreifen.
Über Jahrhunderte haben Christen – gut meinend – Gottes Sache, vermeintlich Gottes Sache selbst in die Hand genommen. Auch sie waren mordlustige Gotteskämpfer. Haben Ihn gerächt. Seinen Tod gerächt. Gerade die Karwoche, die Heilige Woche: war voller Blut Unschuldiger. Müssen nicht die Juden büßen, muss Gott nicht gerächt werden? Sie sind doch schuld an Jesu Tod?
Gewalt und Gegengewalt, Hass und Rache – das ist die Spirale der Gewalt. Sie dreht sich immer noch weiter. Und Gottes Name wird immer noch weiter missbraucht für eigene Mordlust.

Doch Gott ist längst ausgestiegen aus dieser Spirale der Gewalt. Er ist längst ganz auf der Seite der Opfer. Er klagt mit. Er weint mit. Er gibt dem recht, dem das Recht auf Leben abgesprochen, der ermordet wird.

Das ist an Karfreitag noch nicht zu sehen, noch nicht zu verstehen.
Das ist erst am Ostermorgen am hellen Tage: Gott gibt dem Recht, der zu Unrecht hingerichtet wird. Er holt ihn aus dem Vergessen. Er holt ihn ins Leben. Er erweckt ihn aus dem Tod.
Er überlässt ihn nicht dem Tod und seinem Machtbereich. Er öffnet ihn – hin zum Leben und für das Leben. Das Opfer von Unrecht wird rehabilitiert.

Das nennt Paulus Versöhnung: Gott geht einen Tausch ein.
„Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“
‚Versöhnen’ – das Wort heißt im griechischen wörtlich: ‚tauschen’, ‚von oben her tauschen’.
So deutet Paulus Jesu Leben und Tod. Gott tauscht nicht einzelne Waren oder Werte, nicht einzelne Opfer von uns gegen Wohlwollen von ihm. Gott geht es ums Grundlegende. Ihm geht es um die Machträume. Gott geht es um die Mächte, die das Miteinander gestalten. Paulus benennt die zwei grundlegenden Machträume, die das Miteinander bestimmen: als „Sünde“ den einen, als „Gerechtigkeit“ den anderen.

Gott hat keine Angst, beim Tausch zu verlieren. Ja, er geht geradewegs darauf zu. Jesus ist als Unschuldiger, aus dem Machtraum der Gerechtigkeit, der vertrauensvollen Gemeinschaft mit Gott, gekommen und hat sich ganz dem Machtraum der Sünde ausgeliefert. Er, der ohne Hass war, zog den Hass der Mächtigen auf sich. Er, der Gewalt verabscheut hat, wurde Opfer eines abscheulichen Gewaltverbrechens. Er, der Hierarchien ablehnte und sich mit den Einfachen solidarisierte, zerbrach am Druck des religiösen und politischen Establishments. Er, der Göttliche, der Glanzvolle, kommt in einem Futtertrog zur Welt, wird verlacht und gemieden, am Ende ausgepeitscht und als Verbrecher hingerichtet. Was für ein Abstieg! Was für ein Tausch auf der Seite Gottes! In Christus erleidet er am Kreuz, dass wir in die Sündenmacht ganz und gar verstrickt sind. Diesen Sündenraum lässt er seinen Sohn erleiden, ja, er erleidet ihn selbst. Und nimmt ihn so auf sich. Und nimmt ihn so weg von uns. In der Folge schreibt er keine Sünde, kein Vergehen auf unserem Konto fest. Er nimmt alles auf seines.
Wie eine bad bank!
Ein schlechter Tausch für Gott. Bei Licht betrachtet: gar kein Tausch. Denn was gewinnt Gott? Nichts, nichts als Sünde und Unrecht, alles das hat er zu tragen. Gott gibt alles. Und er nimmt alles.

Und doch, etwas hat er davon: Er bringt sich in dieser Welt neu ins Spiel. Er will mit seinem Überfluss und Überschuss in der Welt präsent sein. Er macht den Weg frei, den Weg hinein in seinen Machtraum der Liebe und Gerechtigkeit. Wir sind die Gewinner. Wir machen mehr als ein Schnäppchen. Wir gewinnen Leben in Fülle, gerechte Gemeinschaft. Wir können in den Tausch nur einbringen, dass wir aus dem Machtraum der Sünde ausziehen und den neuen Machtraum gelten lassen.

So tut sich mitten in unserer Welt mit ihrer Selbstbezogenheit, mit ihrem Unrecht, ihren Kriegen und Ängsten ein anderer Raum auf:
• So ist in unsere gewalttätige Welt der Weg der Gewaltlosigkeit gekommen. Jesus hat sie gelebt und durchgehalten und gezeigt, wie Konflikte anders gelöst werden können.
• In den Egoismus dieser Welt ist der Blick für den anderen gekommen. Menschen sind froh geworden, sind sich ihres Wertes überhaupt erst bewusst geworden durch seine wertschätzende Haltung. Nicht Konkurrenz, vielmehr ein neues heilsames Miteinander ist als Möglichkeit in unseren Blick gekommen, wie wir in dieser Welt gut miteinander zurechtkommen können.
• In die eingezwängten Verhältnisse unseres Lebens ist eine atemberaubende göttliche Freiheit gekommen: das Recht auf eigenständiges Denken und Fühlen; Werte, die stärker als Sachzwänge sind; Alternativen zu jeder behaupteten Alternativ-losigkeit; Hoffnung über den Horizont hinaus.
So kommt göttlicher Glanz in unser Leben. So wird greifbar, was Jesus „Reich Gottes“ und „Himmelreich“ genannt hat: Sein Machtraum. So werden wir Menschen, wie wir gemeint sind – Paulus sagt: Wir werden mit uns selber versöhnt. Darin haben wir Teil an diesem Tausch. So kommen wir Gott näher – Paulus sagt: Wir werden versöhnt mit Gott. Was für ein Tausch!
Auf diesen Tauschhandel sind wir angewiesen, um aus unserer Verstrickung herauszukommen. Doch Gott zwingt uns nicht. Er bringt sich neu ins Spiel dieser Welt nicht mit Gewalt oder am längeren Hebel sitzend. Er bringt sich neu ins Spiel im Modus der Bitte. Und auch die Botschafter seiner Gerechtigkeit, auch sie, sie bitten nur: lasst Euch versöhnen mit Gott.

Gott steigt aus dem Kreislauf der Gewalt aus. Er verzichtet auf Rache. Er greift nicht ein, schon gar nicht greift er mit Gewalt ein. Er sucht einen anderen Weg. Der Weg zu einer friedlichen Welt, der Weg zu Versöhnung geht nur ohne Gewalt. Er lässt sich nicht erzwingen. Oder gar verordnen. Versöhnung – das lässt sich nur erbitten. In Christus, mit dem unschuldig Geopferten am Kreuz, bittet uns Gott: Lass Dich versöhnen. Nimm die Gewalt nicht einfach hin. Sieh auch nicht einfach darüber weg. Steig mit mir aus aus dem Kreislauf der Gewalt.

Die Passionszeit ist Bußzeit. Auch wenn sie im gesellschaftlichen Brauch übersprungen wird und zur Osterzeit geworden ist, Passionszeit ist Bußzeit. Zeit, umzukehren. Umzukehren aus dem Machtraum von Selbstbezogenheit und Angst um sich selbst und Ungerechtigkeit hin in den Raum der Gemeinschaft mit Gott und seiner Gerechtigkeit hinein, in den Raum des Friedens und der Liebe. Gott fragt uns: ‚Wollen wir tauschen?’
‚Lasst euch versöhnen mit Gott’ und seid selbst Versöhnende, Botschafter an Christi Statt in dieser Welt. Bittet um Frieden! Bittet um Mitmenschlichkeit. Bittet um einen ehrlichen Blick auf Unrecht. Bittet um, ja, um Versöhnung, dort, wo viel Schuld und Versagen Menschen trennt. Bittet um Versöhnung- ohne x Voraussetzungen für ein Gespräch zu formulieren. Denn Gott nimmt sie alle auf sein Konto.
‚Wollen wir tauschen?’ Ja, gerne. Amen.