Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 26. Dezember 2015

im ökumenischen Gottesdienst (mdr-Rundfunkgottesdienst) unter dem Thema „Gott sucht Wohnung“ am 2. Christfesttag in der Stadtkirche Sankt Michael zu Jena

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, von dem der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde!
Es ist ein Bild wie aus einem Fiebertraum. Geträumt in finsterster Nacht. Schwer bedrängt ist der Seher Johannes, verfolgt und auf eine Insel verbannt. Und verzweifelt. Da schaut er dieses Bild. Mystisch. Geheimnisvoll. Er lässt es uns mitschauen. Wir hören, was er aufgeschrieben hat. Das Bild entsteht vor unseren Augen. So betreten wir also den großen Saal mit diesem einen Monumentalgemälde:

9 Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,
10 und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!
11 Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an
12 und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
13 Und einer der Ältesten fing an und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen?
14 Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes.
15 Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen.
16 Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze;
17 denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Was für eine große Vision! Menschen aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen haben sich versammelt. Sie alle haben gleiche Kleider an: weiße Kleider. Das vereint sie. Das zeigt, sie gehören zusammen. Sie sind eine einzige, große Gemeinschaft. Alles, was sie je getrennt hat, ist geklärt. Denn weiß ist die Farbe für Klarheit.
Und sie sind friedlich beieinander, das sagen die Palmenzweige in ihren Händen. Friede ist, weil alle dem Einen huldigen: Gott, dem einen Herrscher, der auf dem Thron sitzt und dem Lamm neben ihm.
Gott und das Lamm. Von diesen beiden erwarten sie alles, was sie brauchen: Heil und Rettung!

Um den Thron stehen alle Engel, und Älteste und vier Lebewesen. Nicht nur alle Völker und Menschen der Erde, auch alle Himmelswesen und die vier Wesen, die für alle Himmelsrichtungen stehen, huldigen dem Einen und dem Lamm. Sie huldigen ihm, dem, der auf dem Thron sitzt.
Was für eine Vision! So ruhig und würdig, so hell und klar und vollkommen. Geheilt. Geordnet. So wird es sein: Eine große Gemeinschaft, Erde und Himmel umfassend, Frieden für alle. Sie findet vor dem Einen Gott und dem Lamm zueinander und so zum Frieden.

„Gott sucht Wohnung“ lautet das Motto unseres Gottesdienstes. Hier ist seine Wohnung. Ein geordneter Raum. Ein Heilraum. Alle seine Geschöpfe sind ihm zugetan. Und Er ihnen: Keines hungert oder dürstet. Alle Tränen sind abgewischt. Keine Hitze bedrängt sie. Es gibt frisches Quellwasser und gute Weide. Gott und das Lamm regieren. Gott wohnt über allen seinen Geschöpfen. Er hat Acht auf sie. Und sie haben ein Zuhause bei ihm.

Fern erscheint dieses Bild. Und: erklärungsbedürftig. Auch der Seher selbst, Johannes, braucht eine Erklärung. Einer der Ältesten erläutert ihm, was er sieht.
Er erklärt: In diesem einen Bild ist ein anderes Bild. Das andere Bild zeigt die Gegenwart, wie Johannes sie erlebt hat und wie wir sie erleben: dunkel und qualvoll.
In seiner Vision sieht Johannes die Zukunft bereits als Gegenwart. Und im Zukunftsbild ist unsere Gegenwart noch da. Allerdings ist sie dort bereits vergangen. Die weißen Kleider, einst waren sie dunkel, blutbefleckt, zerrissen. Jetzt sind sie hell und heil.
So sieht Johannes, so sehen wir: Was dich krank gemacht hat, was dich verletzt hat, was dich vertrieben hat, was dich ins Gefängnis gesetzt hat – hier ist es aufgehoben, gesehen, ausgeheilt.
Wo du ausgelacht wurdest, vor die Tür gestellt, wo sich jemand über dich her gemacht hat, wo du um dein Leben gerannt bist – das ist hier aufgehoben, gesehen, ausgeheilt.
Wo Menschen Menschen mit Füßen getreten haben, Bomben auf sie warfen, sie gequält, verjagt oder getötet, oder wo sie sie vor dem Stacheldrahtzaun haben stehen lassen – das war der Versuch, Gott vom Thron zu werfen. Aber hier ist der Heilraum. Die Sphäre Gottes. Hier sitzt Gott auf dem Thron, und neben ihm das Lamm, das Opferlamm, das alle Qualen und Schmerzen trägt.

Ja, alle sind da: Die, die umgekommen sind, bevor ihnen Gerechtigkeit widerfahren ist.
Ja, alle sind da, sind ihrer Not entkommen. Unzählige sind es, Opfer aus allen Herren Länder.

Dies sieht der Seher. Er sieht in den Himmel hinein.
Er sieht dies jetzt. Es ist kein Zukunftsbild. Er sieht: Der Himmel ist schon da als Heilraum. Das gute Ende ist schon Gegenwart. Das lässt er die Gemeinde jetzt auf Erden mit schauen. So sehen die, die in Not sind, die bedrängt und verfolgt sind: Alles wird gut. Weiß werden ihre Gewänder. Hell und klar wird ihr Leben. Voller Glanz und Ruhe.
Ihr Leid ist nicht vergessen, aber es ist überwunden.

Es ist ein Weihnachtsbild der besonderen Art.
Mitten in unserer Wirklichkeit ist die göttliche verborgen. Mit Johannes dürfen wir bereits hineinschauen, in diesen Heilraum, wie Kinder, die vor der Tür des Weihnachtszimmers stehen und durch einen Spalt schon einmal einen kurzen Blick erhaschen können.

Das ist ein Bild für bedrängte Gemeinden, für Menschen in Not und großer Trübsal aller Zeiten.
Was aus dem Lot ist, kommt wieder in Ordnung. Gott bekommt den ihm zustehenden Platz. Und seine Geschöpfe, die menschlichen und die himmlischen, sie bekommen ihren Platz in seinem Heilraum.
Wenn Sie an diesem Christfest zu denjenigen gehören, die aus einer großen Trübsal kommen, die eine Sorge drückt, die eine schlimme Nachricht erreicht hat – dann spricht dieses Bild unmittelbar zu Ihnen. Es sagt: das wird nicht vergessen. Keiner ist vergessen.
Und wenn Sie ein Mensch sind, wie Husein Saleh, der Schweres durchgemacht hat auf der Flucht, der um seine Frau und Kinder in Syrien bangt, er, Sie, verstehen das Bild unmittelbar. Nichts wird vergessen. Am Ende wird es gut. Das gute Ende ist schon von Gott bereitet.
Das setzt uns, Sie und mich, das setzt uns ins Bild, worin wir Heil finden und was unser Weg ist.
So haben wir Platz genommen und schauen dieses Gemälde in Ruhe an.
Da wird die verkehrte Welt wieder zurecht gerückt. In eine gute Ordnung gebracht.
Da lässt Gott die Menschen zu ihrem Recht kommen.
Er sieht ihre Bedürfnisse.
Ihr Hunger ist gestillt.
Alle, wir alle sind auf grüner Weide und dürfen uns satt essen.
Die Weltgemeinschaft ist versöhnt.
Alles Fürchterliche hat ein Ende.
Das ist Gottes Wirklichkeit.

Es ist ein Bild für unsere Herzen.
Und es wirkt in unseren Herzen.
Und es wirkt in unserem Miteinander.
Heute schon feiern Christenmenschen unterschiedlicher Konfessionen miteinander Gottesdienst, wie wir heute. In versöhnter Verschiedenheit, auch wenn uns noch manches trennt.
Heute schon beten Menschen unterschiedlicher Religionen gemeinsam um Frieden und um Gerechtigkeit.
Heute schon glänzt das himmlische Bild der klaren und friedlichen Gemeinschaft in unsere Städte und Dörfer hinein. Ja, heute schon können wir Einheimischen und die, die zu uns gekommen sind, solche Gemeinschaft erleben. Wie sagten Sie, Herr Saleh über Ihre Erfahrung in Thüringen: „Schließlich wurden wir hier nach Jena gebracht. In eine Turnhalle. Ohne jede Privatsphäre. Aber dafür wurden wir sehr herzlich aufgenommen. Das bedeutet mir viel. Vor allem, als die Jenaer für uns ein syrisches Essen gekocht haben. Das war nicht nur ein gutes Essen, sondern Nahrung für meine Seele. Wir saßen zusammen, aßen, scherzten. Das war Frieden. Ich werde es in meinem Leben nicht vergessen.’
Gott sucht Wohnung. Gott findet Wohnung.
Ja, Gottes Wirklichkeit, Friede und Versöhnung im Himmel und auf Erden, sie glänzt in unserem Herzen – schon jetzt.
Und sie macht unsere Hände frei für die tägliche Arbeit.
Und frei zum Händeschütteln: „Willkommen Husein Saleh! Gottes Schutz und Segen für Ihre Frau und Ihre Kinder. Mögen sie unbeschadet hier ankommen können.“
Möge das große Gemälde von friedlicher Gemeinschaft seinen Glanz auf uns werfen – auf Aktendeckel wie auf Menschen, in Kirchen wie in Moscheen, in Turnhallen wie in Eigenheimen.
Gott sucht Wohnung. Gott findet Wohnung. Mitten in unserer Welt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.