Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 28. März 2016

im Gottesdienst mit Osteragape am Ostermontag im Domremter zu Magdeburg

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Predigttext: 1. Korinther 15, 12-20
12 Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? 13 Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. 14 Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. 15 Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. 16 Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. 17 Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden;
18 so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren. 19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.

Herr, tue meine Lippen auf...

Liebe österliche Gemeinde!
„Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“
Was für ein Satz!
Wie erreicht er uns heute? Hoffen Sie auf Christus auch in jenem Leben – im Leben, wann und wie auch immer, nach Ihrem Tod? Hoffen Sie auf die Auferstehung der Toten?

Für manche in der Gemeinde in Korinth war klar: Ja, wir sind mit Christus auferstanden! In unserer Taufe hat er uns Anteil gegeben an seiner Auferstehung. Entsprechend leben wir jetzt schon – ebenfalls als Auferstandene.
Aber dass die Toten, alle Toten, auferstehen – und auch wir nach unserem Tod – das glauben wir nicht.

Dagegen schreibt Paulus diesen Satz: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“
Dieser Satz steht am Ende einer Argumentationskette, die manche Ausleger auch als „Todeskette“ bezeichnen: Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist unsere Predigt leer, die Toten sind verloren, der Glaube sinnlos, wir dann falsche Zeugen und alle bleiben noch in ihren Sünden gefangen. Wenn wir nicht an die Auferstehung der Toten glauben, was soll dann überhaupt Christi Auferstehung?
Was glauben Sie?
Was glaube ich?
Warum ist der Glaube an die Auferstehung Christi und die Auferstehung der Toten der Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens?
Daran, so Paulus, hängt alles!

Was glaube ich?
Mir hat ganz spontan diese Karte gefallen, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Sie drückt für mich ganz einfach und ganz wunderbar aus, was Paulus im heutigen Predigttext sagt. Und sie drückt für mich ganz einfach und wunderbar aus, warum die Auferstehung mir persönlich wichtig ist: Christus zieht mich und Sie, er zieht uns ins Leben!
Und wie er das macht! Mit großer Kraft!!

Bildbetrachtung
Außenseite vorne:
In der Mitte: Christus. Er greift einen Menschen fest am Handgelenk, man kann sehen, wie er ihn zieht. Der Mensch links unten: in blauem Gewand, mit Bart, umgeben: von einer braunen Fläche.

Das ganze Bild: Innenseite
Wenn wir die Karte aufklappen, sehen wir das ganze Gemälde: Das Bild von der „Höllenfahrt Christ“ ist 700 Jahre alt. Auf das Jahr 1315 datieren Forscher dieses Fresko in der Seitenkapelle der Chora-Kirche in Konstantinopel im heutigen Istanbul. In ihr standen Gräber, Sarkophage, solche, wie wir sie auf dem Bild sehen. Menschen, die in diese Kirche kamen, haben hier ihre Toten begraben, um sie getrauert, geweint, gebetet. Angesichts des Todes haben sie sich gewiss gefragt (wie wir heute?): „Was wird aus ihnen, den Verstorbenen? Was wird aus mir nach meinem Tod?“
Das Bild gibt eine Antwort:
Christus zieht sie ins Leben, zu sich. Christus zieht dereinst auch mich ins Leben.
Da steht er: ganz in der Mitte, der auferstandene Christus. Er ist ganz in Licht getaucht. Sein Heiligenschein und der Strahlenkranz zeigen: Er ist göttlich. Die Sterne zeigen an: Das ganze Weltall, alles dient ihm.
Er hat das Totenreich verlassen. Breitbeinig steht er über dem Schlund der Hölle, kraftvoll und unerschütterlich auf unsicherem Terrain: Standfest. Er hält eine große Spannung. Wir sehen es in seiner Körperhaltung und an den straffen Falten, ja, es braucht große Kraft über dem Abgrund des Todes zu stehen. Da sind zwei hölzerne Türflügel. Sie sind aus ihren Angeln gerissen. Alle eisernen Beschläge und Schlösser sind weggesprengt und liegen durcheinander, in ihre Einzelteile zerlegt. Das sind die Türen des Totenreichs. Sie haben den Toten den Zugang zum Leben versperrt. Jetzt sind sie weggesprengt, mit großer Macht. Zwischen den beiden Türflügeln kann man – etwas schwer – eine Figur gefesselt liegen sehen: der Fürst der Finsternis. Der Teufel ist besiegt. Er kann niemanden mehr im Reich des Todes festhalten.
Große Bewegung ist ins Bild der Totenstarre gekommen: Der Weg zum Leben ist frei.
Wir können es geradezu sehen: mit welcher Kraft Christus hier die Verstorbenen aus ihren Gräbern zieht. Mit der rechten Hand: Adam; mit der linken: Eva. Er muss sie fest um ihr Handgelenk halten und ins Leben ziehen. Sie können seine Hand noch nicht ergreifen. Sie sind noch Tote. Sie können nichts tun. Ihm noch nicht einmal ihre Hand entgegen strecken.
So rettet man einen Ertrinkenden aus dem Wasser.
So hält man einen am Berghang, wenn er abzustürzen droht.
So reißt man ein Kind von der Straße weg.
Dieser Griff sagt alles. Dieser Griff sagt: So geschieht Ostern. Jesus hat die Pforten der Hölle und des Todes überwunden. Er zieht die Toten ins Leben.
Schauen wir das Detail noch einmal genau an – auf der Vorderseite: An der Schwelle zwischen Finsternis und Licht geschieht es: Christus zieht die Toten ins Leben in sein Licht hinein.

Wieder Innenseite:
Rechts und links von Adam und Eva – sie stehen ja für die ganze Menschheit, für alle Verstorbenen – da sehen wir die Frommen der Bibel, die Wolke der Zeugen, sie alle weisen auf Christus, als wollten sie sagen: „Haben wir es nicht genau so angekündigt?“
Auf der linken Seite haben alle Figuren einen Nimbus. Wir können erkennen, von links nach rechts: König David, König Salomo, Johannes der Täufer. Es sieht so aus, als ob Salomo sich an David wendet. Hat er das nicht im Psalm angekündigt: „Öffnet ihr Herrscher eure Tore, geht auf, ewige Pforten! Einziehen wird er, König der Herrlichkeit!“
Wir beten diesen Psalm im Advent.

Auf der rechten Seite sehen wir zunächst Abel (wie ein Messdiener gekleidet, er hält den Hirtenstab in der Hand). Er ist das erste Opfer der Ungerechtigkeit. Er ist das Urabbild von Christus. Neben ihm steht im Vordergrund der Apostel Paulus. Er steht für die universale, die weltweite Bedeutung der Auferstehung: für die ganze Menschheit.
Sie alle sind Zeugen des Glaubens. Sie stehen für die Menschen, die uns den Glauben weiter gegeben haben. An sie können wir uns halten, wenn wir erfahren wollen,
wer Gott ist: der Schöpfer unseres Lebens! Und:
Und wer er in Christus ist: der Retter unseres Lebens!

Außenseite Rückseite
Auf der Rückseite sehen wir noch einmal im Detail die drei König Salomo, Johannes der Täufer und Adam. Sie schauen uns im Profil an. Als sagten sie: „Du bist wie wir. Ihr seid wie wir. Sterbliche Menschen. Ein Mensch wie ich bist Du. Auch Dich wird die Lebenskraft erfassen, die vom Auferstandenen ausgeht. Sieh auf ihn! Ja, wir sehen an ihren Gewändern: Sie flattern wie in einem Windzug. Sie werden von einer unsichtbaren Macht bewegt, der Lebenskraft, die vom Auferstandenen Christus ausgeht.

Hier sehen wir, worum es Paulus geht: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“

Darum geht es Paulus: Dass wir, schon in diesem Leben – von seiner Lebenskraft angezogen sind!

„Verzweifeln Sie manchmal nicht auch, wenn Sie sehen, wie die Gewalt immer weiter geht?“ So fragte mich die Moderatorin von mdr Info am Donnerstag im Interview für Karfreitag.
„Ja“, sagte ich, „das bringt auch mich manchmal an den Rand der Verzweiflung. Auch die Not der Flüchtlinge und das harte Herz Europas. Aber dann stelle ich mir vor Augen: Gott teilt dieses Elend an Karfreitag. Er steht an der Seite der Opfer. Er ist ihr Anwalt. Und er erweckt Jesus aus den Toten. An Ostern hat das Leben gesiegt! Das gibt mir Kraft. Es hilft mir, mich an ihn zu halten, daran, dass das Leben stärker ist als aller Terror und die anderen Mächte des Todes. Das stärkt mich – schon jetzt – dass mich Christus immer wieder aus dem Bereich der tödlichen Mächte hin zu sich, zum Leben zieht.“

Das finde ich wunderbar auf diesem Bild ausgedrückt: Die drei auf der Rückseite schauen uns an: Sie und mich und jeden Betrachter. Als wollten sie mich im Vorbeigehen mitnehmen. Mitnehmen in diesen Zug hin zu Christus, diesen Lebenszug. Als wollten sie sagen: „Lass los deine Resignation. Lass los deine Angst vor der Übermacht des Todes. Christus ist von den Toten auferweckt als der Erste der Entschlafenen. Du kannst Dich mit hineinstellen in diese Reihe. Du musst nichts tun – Christus hat alles für dich getan. Der Weg ins Leben ist frei. Es ist Ostern. Halleluja“
Amen. Ja so sei es. Amen.