Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 29. November 2015

im Predigtgottesdienst zum 1. Advent 2015 im Domremter zu Magdeburg

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Predigttext Römer 13, 8-14
8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. 11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. 13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige. Amen.

Liebe Gemeinde am Beginn des neuen Kirchenjahres!
Christen sind Menschen der Morgendämmerung.
So kann man diesen Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom zusammenfassen:
Christen sind Menschen der Morgendämmerung.
Morgendämmerung, das ist die Zeit zwischen Nacht und Tag. In diesem Zeitraum leben sie: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“ (V 12)

Was für eine besondere Stimmung, wenn der Tag dämmert! Das Morgenlicht schickt schon etwas Helligkeit voraus, ganz unmerklich weicht das völlig Finstere. Schon regen sich einzelne Vögel. Dann erscheint der erste Lichtstreif des Tages am Horizont. Der Mond verblasst. Einzelne Wolken hoch oben am Himmel sind von ferne erleuchtet. Und dann ist entweder wie heute morgen der Himmel tiefdunkelblau, oder, an einem sonnigen Morgen, zunächst noch in sanftes Rot getaucht: Morgenröte.

Morgendämmerung: Da ist das Dunkel noch da - doch die Nacht kann sich nicht mehr halten. Da beginnt sich der Tag bereits zu regen und die Nacht geht ihrem Ende entgegen.
Noch ist das Dunkel da – doch es ist keine finstere Nacht mehr. Doch auch ist noch nicht Tag.
Morgendämmerung: Vieles ist noch grau, nur schemenhaft zu erkennen. Ganz klar und deutlich sieht man noch nicht. Doch der Morgenstern steht schon hoch oben am Himmel. Und der helle Tag steht an der Tür.
Noch ist Zwischenzeit zwischen Nacht und Tag.
Noch ist Zwischenraum zwischen Dunkel und Licht.
Am Ende der Nacht ist noch nicht Tag. Doch der neue Tag ist schon ganz nah. Zeit, aufzustehen.
‚Endlich, endlich ist die Nacht vorbei’, so seufzt, wer sich schlaflos hin- und hergewälzt hat. Mit Gedanken, mit Sorgen, die ihn keine Ruhe haben finden lassen.
‚Endlich ist die Nacht vorbei.’ So atmet auch die erleichtert auf, die von bösen Träumen heimgesucht wurde.
Doch steht auch mancher schwer auf, so schwer und müde, und sehnt sich danach, dass die Nacht doch noch dauere und noch etwas Schlaf schenken möge. Auf wen Schweres wartet, der erhebt sich nur schwer vom Nachtlager.

Elementar ist die Erfahrung von Nacht und Tag, von Dunkel und Licht.
So stehen sie für mehr als bloß zwei Abschnitte im Verlauf von 24 Stunden; so sind sie noch anderes als bloß die zwei Hälften eines Tages.

Dunkel, das ist alles, was undurchdringlich ist; was erschreckt; was Angst macht. Es gibt finstere Gedanken und nächtliche Anschläge. Unheilvoll ist die Nacht. Und undurchdringlich ist sie. Ein anderer Mensch schwer zu erkennen. Wie Terror aus dem Hinterhalt. Oder wie unbekannte Erfahrungen mit Fremden.
Sind sie nicht auch bedrohlich, die vielen Fremden, die in einem unaufhaltsamen Zug in unser Land zu kommen scheinen. Und ist sie nicht finster, die Religion, in deren Namen so erbarmungslos getötet und terrorisiert wird?
Wie furchtbar sind Krieg und Unglücke. Da legen sich Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit über die Menschen wie der dunkle Schleier der Nacht. Und der Tod? Undurchlässig wie die Nacht bricht er in ein Leben ein. Trauer verschließt den Mund. Wer bringt Licht? Erlösung? Trost? Menschen suchen ein Leben in Frieden; Ruhe; Zuversicht.

Ja, der Tag! Das ist alles Helle und Frohe! Was Lust am Leben macht und Sinn gibt; was ehrlich ist und klar; worauf man sich verlassen kann, weil man es gut einschätzen kann; was vertraut ist.
Paulus schreibt: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“ (V 12).
Christen sind Menschen der Morgendämmerung. Zwischen Nacht und Tag leben sie. Sie leben im Raum zwischen der Nacht, die vergeht und dem Tag, der im Kommen ist.
Sie sind gewiss: Der Tod, die finsterste Nacht, sie ist durch Christus überwunden.
Und der neue Tag, das ist sein Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens. Dieses Reich ist bereits angebrochen. Sein Licht leuchtet bereits in das Dunkel der Welt, das vergeht. Leben in Fülle, das ist der neue Tag, die neue Schöpfung, mit Heil und Segen, mit Lebensmöglichkeit für alle. Mit Frieden. Und Glück. Das ist, der neue Tag, gewisse Zukunft.
Christen sind Menschen der Morgendämmerung.
Noch im Dazwischen. Noch nicht auf der Seite des Tages, noch nicht. Aber auch nicht mehr ganz im Dunklen gefangen.

Liebe Geschwister,
wie wichtig sind diese Worte!
Sie öffnen das undurchdringliche Dunkel, das schwer fassbare Leid, hin zum Tag und geben Hoffnung.
Und zum andern sind sie wichtig, weil sie uns warnen. Sie
warnen uns, dass wir uns nicht übernehmen.
Helfen sie uns doch, nicht übermenschliches von uns zu erwarten.
Wie oft meinen wir – und auch viele Nichtchristen: ‚Ja, bei Christen, da muss alles hell sein. Da muss doch alles gut laufen. Da darf es keinen Streit geben oder Unfrieden.’
Und auch im persönlichen Leben, da stellt sich die Frage: Warum widerfährt mir so schweres, so dunkles? Eine schlimme Krankheit; der plötzliche Tod eines nahen Menschen, lange vor der Zeit. Wenn ich Christ bin, warum erfahre ich so viel Dunkles?’
Paulus antwortet: Weil noch Nacht ist. Sie ist schon vorgerückt. Aber es ist noch Nacht. Oder, wie Jochen Klepper dichtet: „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld.“
Ja, machen wir uns keine Illusionen über dunkle Wirklichkeit. Geben wir uns v. a. nicht der Illusion hin, wir könnten die Nacht zum Tag machen. Und behaupten wir bloß nicht, es sei schon Tag, alles nicht so schlimm, man müsse nur recht glauben!

Was aber dann? Was ist das besondere eines Lebens in der Morgendämmerung?
In einem Liedruf heißt es:
„Christus, dein Licht verklärt unsere Schatten. Lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht.“ Das ist die Gefahr: dass das Dunkle uns bestimmt; dass wir hören auf die Stimme der Angst: ‚Das schaffen wir doch nie! Jedenfalls nicht mit so vielen Fremden.’
Oder dass wir hören auf die Stimme der Gewalt: auf so viel Terror kann man doch nur mit Krieg antworten, oder?
Oder dass wir den flüsternden Worten der Hoffnungslosigkeit Gehör schenken, die sagen: ‚Es hat doch alles keinen Zweck, mit diesem Schüler; mit diesem Kind; mit diesem Mann oder dieser Frau...’.
O ja, auch wenn die Nacht vorgerückt ist, das Dunkel kann vielfältig zu uns sprechen.

Oder, auch das eine Stimme der Nacht. Sie ist sehr übermächtig in unserer Gesellschaft. Paulus benennt sie mit den Worten „Werke der Finsternis“. Es sind die Stimmen, die sagen: „Was kümmert mich morgen? Hauptsache, ich genieße heute in vollen Zügen!“ „Was kümmern mich die anderen? Hauptsache ich komme durch! Jeder ist sich selbst der Nächste!“ „Wieso sollte ich verzichten auf ein gutes Leben? Ich will mir alles leisten können! Klimakatastrophe? Ungerechtigkeit? Ja, Pech gehabt, die in Afrika oder Asien geboren sind!“ Begierden nach einem Leben mit Hauptsache ‚Vergnügen’. Drastische Worte wählt Paulus: Fressen und Saufen, Unzucht und Ausschweifung, Hader und Eifersucht.
‚Das lasst hinter euch’. Sehr konkret schreibt Paulus. Lasst es hinter euch so, wie ihr ein Nachtgewand ablegt. Das soll euch nicht kleiden. Das soll Euer Aussehen nicht bestimmen.
Vielmehr: Schon jetzt, in der Morgendämmerung, zieht die Kleider des Tages an, auch wenn es noch nicht Tag ist. Aber er kommt, unaufhaltsam. „Die Nacht ist schon im Schwinden“, wie Jochen Klepper dichtet . Deshalb richtet Euch nach dem Tag aus und „zieht an den Herrn Jesus Christus“ (V. 14). Das erinnert an das Taufkleid, an Christi Liebe, die mich neu einkleidet und aus dem Dunkel rettet. „So lasst uns .... anlegen die Waffen des Lichts“ (V 12). Ja, gegen Dunkles und Finsteres anzugehen, das braucht Kraft, Kampfeskraft. Es braucht die Kraft der Liebe. Darin zeigt sich ganz konkret dieses Leben in der Morgendämmerung, angetan mit Christi Kleidern. Ganz konkret zeigt es sich im Handeln und Verhalten: ‚Mach alles so, dass es das aufdeckende Licht des Tages vertragen kann.’ Paulus schreibt:
8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
Das ist der Stoff, aus dem die Kleider des neuen Tages, die Kleider Christi gemacht sind: die Liebe. Die Liebe, die den Nächsten respektiert; die Liebe, die im Nächsten einen einzigartigen Menschen sieht – und nicht Teil einer dunklen Masse, so einzigartig wie ich, und die ihn wichtig nimmt wie sich selbst. Den nahen und den fernen Nächsten.
Das genügt in der Morgendämmerung.
„Christus, dein Licht“, so geht der Liedruf weiter, „erstrahlt auf der Erde und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht.“

Christen sind Menschen der Morgendämmerung. Sind wir das? Sind Sie das? Bin ich das?
Liebe Gemeinde, Adventszeit ist Bußzeit. Auch wenn sie im allgemeinen gesellschaftlichen Leben zur Vorweihnachtszeit geworden ist: Adventszeit ist Bußzeit.
Zeit, dass ich mich besinne:
Wo lasse ich mich auf die Stimme der Nacht ein?
Wo kann ich Licht sein für meinen Mitmenschen?
Wovon muss ich umkehren? O ja, die Nacht ist stark! Umkehren, sich dem Licht des neuen Tages zuwenden, braucht Kraft. So sind wir alle miteinander dringlich gefragt, in unserem Lebensstil umzukehren, damit auch die nächste Generation noch leben kann und nicht eine verwüstete Erde antrifft. Ob die Länder der Erde beim 21. Weltklimagipfel, der morgen beginnt, einen kräftigen Beschluss der Umkehr fassen? Ob sie auf die dunkle Perspektive der reinen Gewinnmaximierung endlich das Licht des Lebensrechts aller Menschen fallen lassen werden?
Und ob wir uns besinnen und verstehen lernen: Die Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten kommen aus einem Krieg und Bürgerkrieg zu uns, der auch mit deutschen Waffen geführt wird – und von denen auch wir in der Kirche über unsere Kirchensteuern profitieren.
Und wie ist es mit den Rosen oder den Erdbeeren im Winter – die auf Land angebaut werden, das den Kleinbauern den Boden ihrer täglichen Existenz nimmt?

Wir können es nicht Tag werden lassen, das Dunkel ist mächtig. Wir können uns aber wohl ganz auf den anbrechenden Tag hin ausrichten, in der Morgendämmerung leben; Zeichen setzen; Licht des Tages, Licht einer anderen Welt aufleuchten lassen: Genug haben können und nicht besinnungslos konsumieren müssen; in jedem Menschen den Nächsten erkennen, der leben will wie ich; aus Trauer und Zweifel aufsehen, auf den, der kommt; einander zusprechen und singen: „Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein“ .

Christen sind Menschen der Morgendämmerung. Sie leben im Zwischen-, im Warteraum des anbrechenden Tages. Möge uns das Adventslicht neu ausrichten auf den kommenden Tag, auf den, der kommt: das Licht der Welt. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.