Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 31. Oktober 2015

am Reformationsfest in der Kirche St. Bonifatius zu Sundhausen (Kkr. Mühlhausen)

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Predigttext Mt 5, 1-10 (bereits als Ev.lesung)
1 Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Liebe Festgemeinde!
Worin liegt Glück? Wie ist das für Sie? Wann sind Sie glücklich? Im Urlaub? In der Familie, wenn alle gut miteinander können? Auf Arbeit, wenn alles gut klappt und Spaß macht?
Worin liegt Glück?
Das große Glück, das verheißt Jesus am Anfang seines Wirkens. Das große Glück, die Seligkeit, nicht weniger spricht er Menschen zu.
Damit ist er nicht allein. Das große Glück, das versprachen und versprechen auch andere. Und damit lässt sich gutes Geld machen. Denn sie lassen sich gut verkaufen, solche Versprechen.
Zur Zeit der Reformation waren die Ablassbriefe so etwas wie Wettscheine auf künftiges Glück. Wie Wetten auf die Zukunft nach dem Tod, wie Vorleistungen auf die glückliche Linderung der Fegefeuerstrafen beherrschten sie die Marktplätze. Martin Luther erkannte: Das ist nicht das Evangelium von der freien, d. h. ja auch kostenlosen Gnade Gottes. Und er wetterte mit aller Kraft gegen diese faulen Geschäfte. Und er forderte eine Rückkehr zum Evangelium von der freien Gnade Gottes, eine Umkehr, eine Buße. Das ist das Thema seiner Thesen vom 31. Oktober 1517.
Und auch wenn diese Zeiten und Bräuche weit weg erscheinen, sie sind uns doch erschreckend nah: solch wagemutige Wetten auf künftige Gewinne oder Verluste, das beherrscht immer noch die internationalen Finanzmärkte. Solch wagemutige Wettscheine auf künftiges sind nichts als Papier. Sie können die ganze Welt in eine schwere Krise bringen, wir haben es vor wenigen Jahren erlebt.
Und wie viel Glück wird uns im Alltag vorgegaukelt mit wunderschönen Werbebildern – damit wir kaufen, was uns glücklich macht. Einen Joghurt, ein Auto, eine Kosmetik? Keine Werbung ohne Glücksversprechen. Und es wirkt, auch wenn wir wissen, es sind faule Versprechen.
Worin liegt Glück?
Jesus wirbt bei uns für ein Glück anderer Art. Er wirbt bei uns, auf das Glück des Himmels zu vertrauen. Denn das braucht die Welt. Und das bringt er in die Welt. Und das können wir in die Welt bringen in seiner Nachfolge.

Worin liegt Glück? Jesu Antwort lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: im Beschenkt-Werden und im Schenken!
Zwei verschiedenen Gruppen von Menschen verheißt Jesus in diesem Evangelium das große Glück.
Da sind zum einen die, die es nicht leicht haben, die darauf angewiesen sind, dass ihnen etwas geschenkt wird.
Und da sind zum anderen die, die es sich nicht leicht machen. Die, die anderen etwas schenken.

Schauen wir auf die erste Gruppe.
Es sind Menschen, die auf andere angewiesen sind, auf Gott und auf andere Menschen.
Es sind Menschen, die sich nicht selbst helfen können: die Armen, die nichts haben als die Kleider auf dem Leib und das nötigste zum Essen. Armut und Unglück ist kein Schicksal auf Dauer. Und wir sehen die große Hoffnung auf solches Glück, die die vielen Menschen aus Kriegsnot und Armut auf die Flucht zu uns treibt. Sie haben die Hoffnung, dass wir vor ihrem Unglück nicht ausweichen, dass wir ihnen nicht aus dem Weg gehen, dass wir sie nicht aussperren, weil wir Angst haben, unser Glück zu verlieren.
Jesus spricht ihnen Glück zu.
Und auch denen spricht er Glück zu, die innere Not haben, die Leid tragen.
Und das kennen Sie, das kenne ich: Wie gut es tut, wenn ich in schweren Zeiten nicht allein bin; wenn andere mich besuchen, nach mir fragen – und nicht auf die andere Straßenseite wechseln
Und er preist die Sanftmütigen glücklich, die, die sich nicht zu wehren wissen oder wollen; die, die de-eskalieren, die die Ruhe bewahren, wenn andere sich aufregen und in ihre Ängste hinein steigern. Die dafür sorgen, dass man über die Ängste spricht -, aber auch dafür, dass die Nächstenliebe dabei nicht unter die Räder gerät. Auch das erfahren wir in diesen Tagen und auch Sie wie der Riss mitten durchs Dorf, ja, auch durch Familien gehen kann.

Das ist die erste Gruppe: Glück für Menschen, die Schweres zu tragen haben. Menschen, die es nicht leicht haben. Es sind Menschen, die in die Tiefe und Schwere des Lebens geführt werden und die nach Hilfe von Oben, vom Himmel suchen.
Das gehört unbedingt zum Glück, wie Jesus es verheißt und verspricht: dass es das Unglück umfasst. Und das heißt: Dass wir uns nichts vormachen über das Leben mit seinen Tiefen und Abgründen und über die Höhen und Weiten; dass wir uns nicht mit kleinem Glück zufrieden geben; dass wir nicht so tun, als sei das Leben immer eine weite Ebene unter strahlendem Himmel ohne Höhen und Tiefen.

Auch als Gemeinden vor Ort erfahren Sie dies hier: Wir werden immer weniger Christen. Unsere Pfarrstelle ist vakant. Da kann man den Mut verlieren. Oder: man kann sich beschenken lassen, so wie heute. So ein großartig vorbereiteter und von vielen gestalteter Gottesdienst für die ganze Region zeigt, welche Kräfte im Miteinander liegen. Darf man eine Seligpreisung ergänzen? „Selig sind, die sich zusammentun in Jesu Namen, die Unterschiede überwinden um der gemeinsamen Sache willen. Sie werden über sich selbst hinauswachsen.“

Jesu sagt uns zu: Genau dann werdet Ihr Glück erfahren: Wenn Ihr Euch beschenken lassen könnt – und wenn Ihr schenken könnt!

Denn das ist die andere Gruppe von Menschen, denen Jesus Glück zuspricht. Es sind die Menschen, die es sich nicht leicht machen. Es sind Menschen, die tief in ihrem Herzen wissen: Das Wichtige in meinem Leben, das bekomme ich von Gott geschenkt: Gesundheit, Kraft zu Arbeiten, Frieden in der Familie und in der Nachbarschaft. So beschenkt, können sie weiter schenken. Es sind Menschen, die sich von Gott auf den Weg zu seiner Welt, zu seinem Reich und Himmel rufen lassen; Menschen, die heute schon von der Zukunft Gottes her handeln und sich auf den Weg machen.
Es sind die, die mehr wollen als ein kleines Glück.
Liebe Gemeinde! Geht es Ihnen nicht auch so? Zu sehen, wie viele Menschen das in unserem Land sind? Die beherzt alles stehen und liegen lassen, die zugreifen und helfen. Ich stauen, wie tief die Werte des christlichen Abendlandes bei so vielen Menschen verankert sind: Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit, von sich absehen können um der anderen willen.

So preist Jesus als erste von denen, die es sich nicht leicht machen, die Barmherzigen selig. Sie lassen sich in dieser kalten Welt (in der jeder v. a. sein eigenes kleines Glück im Auge und dafür genug zu schaffen hat) das Unglück anderer in die Eingeweide, in Herz und Nieren fahren. Sie leisten sich ein Herz in herzlosen Lebens- und Überlebenskämpfen. Sie lassen sich von der Not des Nächsten berühren.
Es sind Menschen, die etwas riskieren, die sich engagieren, die sich in die Bresche werfen.
Menschen, die Schweres wie Glücksverheißung in die Weite der Welt tragen. Sie demonstrieren öffentlich, dass noch anderes zählt als das, was dem eigenen Nutzen dient und bzw. oder Geld bringt.
Es sind die, die mit offenen Armen verteilen – die Güter von Gottes Reich.
Sie wollen mehr als ein kleines Glück.

Als nächste spricht Jesus die selig, die ihr Herz rein halten. Das sind die, die offen für Gott sind; die seinen Willen bejahen; die seine Gedanken den eigenen Erwägungen vorziehen und überordnen – und das alles in einer Welt, die mit Gott nicht rechnet, die ihn für nutzlos, für sinnlos, für überflüssig erklärt hat.
Die eigene Sache und Gottes Sache miteinander vermischen, das kann leicht passieren. Deshalb ist es ein besonderes Glück, wenn das eigene Herz von eigenen Wünschen absehen kann und sich ganz von Gottes Geboten bewegen lässt.
Und als nächste von denen, die es sich nicht leicht machen, spricht er die selig, die Frieden stiften. Stiften sagt er ausdrücklich, nicht bloß behaupten. Denn die Taten zählen hier, nicht die Beteuerungen des eigenen Friedenwillens.
Und schließlich, das gehört ganz eng mit dem Frieden zusammen, schließlich spricht er die selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Es sind die, die Unglück auf sich nehmen, weil sie auf Gottes Gerechtigkeit vertrauen.
Liebe Gemeinde, in dem allem, was Jesus hier aufzählt, geht es um dieses eine: um die Gerechtigkeit Gottes. Sie ist die innere Quelle der Seligkeit. Es geht nicht um die eigene Gerechtigkeit, nicht um den eigenen Standpunkt. Es geht vielmehr um Gottes Gerechtigkeit, die Recht schafft. Denn das ist die Eigenart der Gerechtigkeit Gottes, dass sie zurecht bringt und gerecht macht. Das ist das Recht, das in seinem Reich gilt. Dieses Reich offenbart Jesus den Menschen auf dem Berg – wie Moses einst Gottes Recht und Gerechtigkeit offenbart hat. Zu diesem Himmelreich gehören, das ist Seligkeit. Vor diesem Gott recht bekommen: das erleichtert Herz und Gemüt.

Das große Glück, das verspricht Jesus vom Himmel.
Und das ist ein Stück Himmel auf Erden:
- wenn Menschen Trost finden
- wenn Menschen ohne Machtgelüste das Erdreich besitzen
- wenn Menschen Barmherzigkeit erfahren
- wenn Menschen Gott schauen
- wenn Menschen Gottes Kinder heißen.

Das sind gewiss andere Werte, als sie uns im Alltag begegnen. Das ist gewiss eine andere Art von Gemeinschaft.
Deshalb werden die, die diesen Glücksverheißungen trauen, auch Gegnerschaft und Widerstand erfahren, üble Nachrede und Häme, ja, auch Verfolgung.
Deshalb: Wir brauchen guten Mut und gute Gemeinschaft, um diesem großen Glück zu vertrauen.
Das große Glück – das schenkt uns Gott. Unter den großen Glücksbogen von Gottes Recht und Gerechtigkeit zurückkehren, das ist das, was unser Leben in der Tiefe wie in der Höhe umfangen kann.

Davon sollen Christen zu jeder Zeit Zeugnis ablegen und von dort her ihr Glück empfangen – als solche, die es nicht leicht haben und als solche, die es sich nicht leicht machen.

Möge Gott seinen Glücksbogen über allem ausspannen, was diese Gemeinden hier in der Region tun und lassen als Zeuginnen für sein Reich und seine Gerechtigkeit!
Möge Gott seinen Glücksbogen über Ihrem Herz und Gemüt weiter ausspannen, dass Sie es sich nicht leicht machen – um derer willen, die es nicht leicht haben.
Amen.