Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 4. Oktober 2015

im Abendmahlsgottesdienst zum Erntedankfest im Dom zu Magdeburg

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigttext:
4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird;
5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige. Amen.

Liebe Festgemeinde!
„Alles ist gut!“ – was für ein wunderbarer Satz!
„Alles ist gut!“ Das sind schlichte Worte, drei schlichte Worte. Sie legen uns einen großem Reichtum vor Augen. So, wie der Reichtum, der heute in unserem Dom leuchtet: So viele unterschiedliche Früchte – so reiche Gaben. Wie gut das tut!
Es gibt ja so vieles, was das Leben schwer macht; was einen ärgert; was einem als Last auferlegt wird.
Ein Fest wie heute mit unserem Gottesdienst, das lenkt unseren Blick auf das Gute.
Dabei geht es nicht darum, das Schwierige schönzufärben. Vielmehr geht es darum, unsere Augen vom Schweren auf das Gute in meinem Leben zu lenken.
Erntedankfest heißt: Sieh – heute - auf das Gute in Deinem Leben! Schau es genau an, wofür Du dankbar sein kannst in deinem Leben – und wofür Ihr dankbar sein könnt in Eurem Leben in dieser Region der Welt!
Deshalb schmücken die Menschen ihre Kirchen am Erntedankfest mit den Früchten und der Ernte des Jahres. Deshalb hängen wir eine Erntekrone auf, um dies vor Augen zu haben: Wie gut haben wir es! Wie reich gekrönt ist unser Leben!
Alles ist gut! „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.“

Die Verse des Predigttextes sind an Christen gerichtet, die das Gute aus dem Blick verloren haben. Sie setzen ganz auf Askese. Lebensfreude, so denken sie, das passt nicht zu einem Christenleben. Sie leben sexuell enthaltsam und sie sortieren ihr Essen. Ja kein Genuss! Das ist ihr Glaubens- und Lebensmotto.
An sie sind die Worte aus dem Predigttext zuerst gerichtet. Timotheus schreibt ihnen: Ihr liegt falsch. Denn: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut! ER hat Euch mit Eurer Lebenslust geschaffen! Er hat die Fülle von Früchten und Pflanzen und Essen geschaffen. Das ist gut! Alles ist gut!
Dieser schlichte Satz erinnert an die Schöpfungsgeschichte: erinnert, wie es am Abend eines jeden Schöpfungstages über dem Geschaffenen heißt: Und siehe, es war sehr gut. Deshalb: Verwerft nicht manche Schöpfungsgaben und macht sie nicht schlecht damit! Macht Gottes Gaben nicht schlecht!
Auch jenseits von Eden sorgt er für uns mit viel Gutem.

Allerdings, dass es gut ist und gut bleibt, das hängt offenbar am Danken. „...und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird“. Danke dafür! Danken, d. h.: als Mensch mit Gott in Verbindung bleiben. Empfangen, was er gibt. Und genießen.

Liebe Gemeinde, das ist ja nicht unser Problem, oder?
Wir verwerfen Essen doch nicht! Oder doch?
Ja, leider. Leider verwerfen auch wir Essen. Da ist die Möhre, die etwas schief und verzweigt ist. Sie ist nicht verkäuflich. Wegwerfware.
Da ist der Apfel mit Schorffleck. Nicht makellos. Nicht verkäuflich.
Essen soll wie Industrieware sein: perfekt und makellos.
Auch wir heute verwerfen Essen. Nicht, weil es mit unserem Glauben nicht vereinbar ist. Vielmehr, weil es nicht mit der Religion unserer Zeit vereinbar ist.
Es ist die Religion, die das Perfekte anbetet. Sie hängt Idealen nach, die nicht mit dem Lebendigen, wie es wächst und gedeiht und gut ist, zufrieden ist. Sie will in einer Weise optimieren und perfektionieren, dass es die Menschen und die Erde kaputt macht.
Ja, auch die Menschen macht diese Religion der Perfektion kaputt: Ich denke, so viele Essstörungen v. a. junger Mädchen und von Frauen haben mit dieser Religion der Perfektion viel zu tun. Sie verwerfen sich, sich selbst. Sie können sich nicht annehmen, wie Gott sie geschaffen hat, so eigen und einzigartig. Sie messen sich an einem Ideal – und beten es an und bringen dafür unglaubliche Opfer – bis hin, ja, fast zu ihrem eigenen Leben.
Nichts ist verwerflich – das, so müssen wir heute betonen, gilt auch für den eigenen Körper. Und d. h. auch, dass wir ihn auch nicht in die andere Richtung „verwerfen“, ihn nicht missachten, indem wir zu viel oder das Falsche essen... .

Und auch die Erde droht kaputt zu gehen unter dieser neuen Religion, in deren Namen so viel weggeworfen wird, weil es nicht perfekt erscheint; oder weil sich mit Überproduktion und im Zweifelsfall Vernichten der Lebensmittel mehr Geld machen lässt.
Es gibt noch wenige Untersuchungen über das, was weltweit an Essen weggeworfen und vernichtet wird. Aber, ich zitiere aus einer Untersuchung: „Unter dem Strich verdichtet sich die Erkenntnis, dass wir etwa genauso viel wegwerfen, wie wir essen. (...)
Europa wirf jedes Jahr drei Millionen Tonnen Brot auf den Müll. Ganz Spanien könnte damit versorgt werden. Das System der Verschwendung beginnt aber bereits auf dem Feld und dem Acker.“ Was nicht perfekt und makellos aussieht, kommt erst gar nicht in den Handel, ja, oft bleibt es direkt auf dem Feld liegen. Dabei geht es v. a. um die Optik – nicht um guten Geschmack oder Qualität.
Und es geht um die Industrienormen, an denen die Schöpfung gemessen wird. Ein Beispiel: Möhren, die in diesem Jahr groß gewachsen sind, eigentlich eine gute Ernte, die pflügt der Bauer wieder unter – weil sie zu groß für die Verarbeitungsmaschinen sind.

Und ich denke an die Lebensmittel, die weggeworfen werden, weil sie sich nicht verkaufen lassen – oder weil es zu teuer ist, die schlecht gewordenen auszusortieren, um die guten noch zu verkaufen. Nein, das ist zu teuer (an menschlicher Arbeitskraft): deshalb: ganz weg damit.
„Nichts ist verwerflich“ – für uns heute heißt das: wirf die guten Dinge doch nicht weg, weil sie nicht perfekt aussehen wie eine Industrieware.

Dabei geht es nicht um Verzicht. Es geht vielmehr darum, dass wir sehen und einsehen, wie katastrophal sich das auch volkswirtschaftlich auswirkt, wenn wir wegwerfen. Es mag für einzelne Unternehmen und Händler wohl rentabel sein, ist aber volkswirtschaftlich verheerend. „Die Verschwendung von Essen ist auch eine Verschwendung von kostbaren menschlichen und natürlichen Ressourcen. Lebensmittel werden mit einem enormen Energieaufwand erzeugt. ... Ein Viertel des weltweiten Wasserverbrauchs wird für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet, die später auf dem Müll landen. ...
Ein Drittel aller Klimagase stammt aus der Lebensmittelerzeugung. Der Lebensmittelmüll
trägt damit mehr zur Klimaerwärmung bei als
der gesamte Transportverkehr weltweit.

Das wurde bislang viel zu wenig berücksichtigt. Sicher, wir werden die Abfälle nicht auf null herunterfahren können. Aber eine Halbierung des Lebensmittelmülls ist durchaus realistisch. Ohne große Einbußen (nämlich wenn wir den Lebensmittelmüll um die Hälfte halbieren würden), also: ohne große Einbußen beim Lebensstandard könnten wir damit beispielsweise ebenso viele Klimagase einsparen, wie wenn wir jedes zweite Auto stilllegen würden.
So steht zu recht der Abendmahlskelch, stehen Brot und Wein regelmäßig auf unserem Altar: Sie sind Gottes Angebot an uns, umzukehren von falschen Wegen – und darauf vertrauen, dass er es gut mit uns meint und mit unseren Nächsten; dass er uns deshalb seine Gebote gegeben hat; dass wir seine Gaben mit Dank empfangen und nicht verwerfen.

Liebe Geschwister, ich erschrecke und ich staune, wie aktuell dieser Predigttext ist:
4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird;
5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
„Geheiligt“ – das meint nichts anderes als in Beziehung mit Gott gestellt und angesehen.
Möge uns dieses Erntedankfest helfen, aus Freude und aus Dank an seinen Gaben heraus umzukehren von unseren falschen Wegen. Es sind falsche Wege, weil sie so vielen Menschen das Leben kosten; und weil sie dorthin führen, unsere Welt zu zerstören. Möge uns dieses Fest Herz und Gedanken stärken, das Leben zu feiern, wie es ist – von Gott geschaffen und von Gott angenommen, wie es ist: nicht perfekt, dafür sehr lebendig und sehr vielfältig. Gott sei Dank! Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.