21.07.2019
Predigt von Propst Christoph Hackbeil zu Lukas 8, 1-3 am 21. Juli 2019

Gedenktag der apostelgleichen Maria Magdalena

Liebe Gemeinde, in meiner Biografie gibt es Menschen, mit denen ich nur kurz zu tun hatte, die aber einen starken Eindruck hinterlassen haben. Einmal war es ein langes nächtliches Gespräch, bei dem mir vieles klar wurde. Oder wir hatten zu jemand aus der Nachbarschaft einen tollen Kontakt. Dann zog die Familie weg und die Beziehung verlor sich. Aber in unserem Herzen behielten sie einen Platz. Jederzeit könnten wir wieder vertrauensvoll miteinander reden.
Maria Magdalena scheint in der Bibel solch ein Mensch zu sein. Nur hier im Lukasevangelium Kapitel 8, 1-3 wird sie kurz vorgestellt. Sie war eine Frau, die von Jesus geheilt wurde und ihm offensichtlich von da an nachfolgte. Ihr Heimatort heißt Magdala, gelegen am See von Genezareth. Ihre große Bedeutung aber liegt in den Tagen von Karfreitag bis Ostersonntag. Als die Jünger flohen, harrte sie mit anderen Frauen unter dem Kreuz aus. Als dann der Ostermorgen kam, wurde sie die erste Zeugin der Auferstehung Jesu.

Maria Magdalena hat den auferstandenen Herrn gesehen. Sie sagt es den Männern, wird Apostelin der Apostel. Eine Frau mit einzigartiger Stellung unter allen Christen. Zur entscheidenden Zeit ist sie am rechten Ort, mitfühlend im Leiden, bewegt von der Hoffnung des Glaubens an Jesus. Dann verschwindet sie wieder. Legenden erzählen von ihrem weiteren Leben. Nur an wenigen Bibelstellen ist sie präsent. Doch unser Glaube beruht auch auf ihrer Erfahrung mit Jesus.
Maria Magdalena trägt dabei ihr Erleben von Lebenswenden bei. Nach Lukas befreite Jesus sie von sieben Dämonen. Das war ihre erste Lebenswende. Seither zog sie mit Jesus umher. Frauen und Männer fanden in einer neuen Gemeinschaft zusammen. Maria muss dabei als Repräsentantin der Frauengruppe angesehen werden. Die Männer heißen „die Apostel“. Ihre Position wird durch ihren  Titel gesichert. Sie gehören zu einer festen Gruppe, den „Zwölf“. So stehen sie für ganz Israel. Es umgibt sie ein Korridor des Respektes.

Die Frauen bilden keine „Institution“, keine offizielle Gemeindeleitung. An ihnen aber wird eine andere, eine Beziehungsautorität offenbar. Von ihnen heißt es: dass Jesus sie gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten und sie ihm nun dienen, auch mit ihrem Vermögen. Drei Frauen werden hier namentlich genannt. Wir kennen insgesamt sieben Jüngerinnen mit Namen. Und immer steht Maria Magdalena an ihrer Spitze. Was für alle gilt, wird aber an Maria besonders deutlich.

Ohne Netz und doppelten Boden hat sie sich in die Beziehung zu Jesus fallen lassen. Sie hat alles Bisherige losgelassen und ist neu beschenkt worden. Sie ist durch seine Liebe selbst eine starke Persönlichkeit geworden. Einen Titel braucht sie nicht. Dafür wissen alle von der Geschichte ihrer Heilung durch Jesus. Und sie sollen es wissen. Das war die Wende ihres Lebens. Dazu bekennt sie sich.

Von sieben negativen Kräften, krankmachenden Faktoren hat Jesus sie geheilt. Durch ihn wurde ihr Leben vollständig umgekrempelt. Mir kommt sie dabei auch schutzlos vor. In heutigen Zeiten des Datenschutzes hätte sie das Recht, dass Lukas die 7 Dämonen aus seinem Text löscht. Es kann bloßstellend sein, immer auf diese Vorgeschichte festgelegt zu werden. Denn schnell sagt man: „Ach die! Man weiß doch, was für ein Leben sie vorher geführt hat.“
Wir wissen nicht, von welcher Krankheit, von welchen psychischen oder auch sozialen Abhängigkeiten sie frei geworden ist. Dämonen sahen Menschen damals in sehr vielen Symptomen am Werk. Aber die Siebenzahl der Dämonen spricht auch von einer ganzheitlichen Heilung. Wie der siebente Schöpfungstag den Schalom, den Frieden in der Schöpfung  verankert, so hat Jesus ihr Frieden gebracht und sie zu einem neuen Geschöpf gemacht.

Darum hat sie den Blick für die Wendungen hin zum Heil. Darum wird die Ostergeschichte ihre Geschichte. Im Johannesevangelium Kapitel 20 hören wir kunstvoll erzählt von Wendungen zum Leben. Maria Magdalena wendet sich zuerst dem Grab zu - voller Trauer. Dann dem vermeintlichen Gärtner, der fragt, warum sie weint, dann dem von ihr erkannten Jesus. Schließlich in seinem Auftrag den Jüngern. Ihnen sagt sie den Satz, auf dem die Kirche gründet: Ich habe den Herrn gesehen.

Wendung folgt hier auf Wendung. Das nehme für mich mit. Mitunter kann ein Christ, eine Christin sagen: das war damals für mich eine Bekehrung. Auch ich kam einmal aus einer Situation, in der ich unter Druck gesetzt wurde, mit dieser Klarheit heraus. Aber das soll nicht heißen: „Damit habe ich fertig im Glauben. Von nun an gibt’s keine Wendungen mehr.“ Wie an Maria zu sehen ist,  kann Klärung auf Klärung folgen. Das gehört zum Weg der Nachfolge. Das hört nie auf. Es bleibt voller Leben.

Die Überlieferung über Maria Magdalena seither war wechselhaft. Allerdings waren es dann keine Wendungen mehr sondern eher Manipulationen. Eine solche ‚hohe Frau‘ war in einer von Männern geprägten Kirche mehr und mehr anstößig. Die einmalige zur Liebe befreite Gemeinschaft von Frauen und Männern in Jesu Jüngerschaft wurde bald verdrängt von der Regel der Unterordnung der Frauen. So störte auch eine kluge und selbstbewusste Maria Magdalena so direkt neben Jesus.
Ihr Bild wurde verschoben hin zu dem der großen Sünderin. Das zeigt die Frau, die Jesus um Vergebung bittet wegen ihrer vielen Sünden, ihre Reuetränen auf seine Füße rinnen lässt und diese dann mit ihren Haaren trocknet. Sie wurde mit Maria gleichgesetzt. Denn das steht bei Lukas direkt im Abschnitt zuvor in Kapitel 7. Immer mehr kam der anzügliche Gedanke auf, sie sei eine Ehebrecherin. Als Osterzeugin war sie dann wegen der skandalumwitterten Vorgeschichte weniger tauglich.

Zuletzt – aber übrigens erst in den letzten 100 Jahren – beschäftigte Schriftsteller und Filmemacher das Verhältnis von Jesus und Maria Magdalena. Sie wurde aufgrund angeblicher Geheimdokumente zur Frau von Jesus und zur Mutter seiner Kinder gemacht. Damit erlebte sie eine erneute Manipulation. Wir sollten ihr heute zu ihrem Recht zurück verhelfen und sagen: die entscheidende Wandlung ihres Lebens war das Ostergeschehen. Sie hat den auferstandenen Herrn gesehen. Mehr geht nicht.

So kommt Maria aus der Geschichte auf uns zu als Vorbild in der Hoffnung. Ich habe ihnen ein Foto von einer Skulptur aus dem Halberstädter Dom mitgebracht. Nicht als Sünderin mit offenen langen Haaren sehen wir sie hier, sondern als die, die sich mit dem Salbgefäß wohl schon vom Grab abgewandt hat, also mitten in der Wendung zum Leben. Sehen Sie dieses wundervolle Lächeln? Es ist kein lautes Lachen, es ist verhalten, verinnerlicht, aber voll Ahnung von dem neuen Leben.
Tiefe Wendungen gibt es in unserem Leben vielfach, Krankheiten, Trennungen, Tod. Wie lernen wir damit zu leben? Ich sprach mit einer Frau, die ihren Mann bei einem traumatisierenden Ereignis verloren hatte. Das war die tiefgreifende Wendung für sie. Jetzt nach 10 Jahren spricht sie, dass sie in der Kirchengemeinde Trost und eine neue Aufgabe gefunden hat. Sie kann ein neues Leben führen trotz aller inneren Last. Als ich mit ihr sprach, hatte sie dieses freundliche, von innen her kommende Lächeln der Maria Magdalena. Frauen, die in dramatischen Wendungen ihres Lebens den Glauben nicht aufgegeben, sondern tiefer verstanden haben, geben mir Mut.


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