02.07.2020
Predigt von Regionalbischöfin Dr. Friederike F. Spengler zu Gen 28: Steingeschichten. Am Lutherstein zu Stotternheim am 2. Juli 2020

Dr. Friederike F. Spengler, Regionalbischöfin der Propstei Gera-Weimar

Biblische Lesung aus der Genesis im 28. Kapitel (10-19):
Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel, Haus des Herrn.

Drei Steingeschichten will ich erzählen. Geschichten quer durch die Zeit. Und jede bildet eine Zeitenwende im doppelten Sinne ab: Zeitenwende für das eigene Leben, Stunde der Entscheidung, an der alles Weitere hängt und Zeitenwende für das Große und Ganze – sozusagen von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Ein Stein für Jakob
Jakob ist keineswegs freiwillig unterwegs. Er steckt in einer Lebenskrise. Alles, was sich bisher in seiner Kindheit und Jugend so ereignet hatte, war gut gegangen. Als Liebling seiner Mutter hatte er nichts ausstehen müssen zu Hause. Bis an den Tag, als es ums Erbe ging - um den Segen des Vaters. Der war ihm schon was wert! So viel, dass er sogar bereit war, dafür zu lügen, was das Zeug hält. Er erschlich sich also den Segen, der eigentlich Esau, dem Erstgeborenen zugestanden hatte. Er ging mit List vor. Und nach dem Segen, der nun dem wahren Erben von Haus und Hof nicht mehr zur Verfügung stand, wurde es ungemütlich im elterlichen Anwesen: Der große Bruder tobte! Er schwor Rache zu nehmen und Rebekka, die kluge, diplomatische, aber nicht sehr gerechte Mutter, riet Jakob sich erst einmal auf die Wanderung zum Onkel zu machen. Ein wenig Abstand von zu Hause, bis sich die Wut des Bruders gelegt hat, flüstert sie Jakob ins Ohr. Und als Vater Isaak das hörte, verband er die bevorstehende Reise seines Jüngsten gleich noch mit dem Auftrag, sich auf Brautschau zu machen. Nun also war Jakob unterwegs. Unterwegs in ein neues Leben: So läuft er Tag um Tag und sieht des Nachts den klaren Sternenhimmel der Steppe, hört den wilden Tieren zu und hofft, am anderen Morgen lebendig und gesund aufzuwachen.

Jakob ist unterwegs auf einem neuen Weg und sucht Orientierung. Die bisher gewohnte von Großfamilie und deren Aufgaben und Möglichkeiten, ist plötzlich weit weg und alles, was da mal kommen wird, steht in den Sternen. Was soll werden? Wem kann ich trauen? Gibt es etwas, was mich hält? Steht ein Sinn hinter dem allem? Jakob ist auf dem Weg von einem alten in ein neues Leben. Die Verbindung zwischen den beiden fehlt. Er tappt im Dunkeln.

An diesem Abend ist es spät. Lange ist er gegangen. Die Sonne hat erbarmungslos gebrannt und endlich wird es kühler. Jakob sucht einen Stein, um ihn als Kopfkissen zu nutzen. Beim Einschlafen gehen ihm viele Gedanken durch den Kopf. Ach, könnte er doch diese Verbindung in die Zukunft sehen. Könnte er doch einen Blick erhaschen auf das, was vor ihm liegt. Der Segen seines Vaters fällt ihm ein. „Der Herr segne dich und behüte dich…“ so schläft er ein. Und dann der Traum: Eine Leiter! Bis zum Himmel! Eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, Erde und Himmel. Die Engel halten ihm den Himmel offen. Er hört Gott selbst sprechen. Er hört, wie Gutes zu ihm gesagt wird. Es tut ihm gut. Jakob saugt es auf, wie ein Schwamm. Erneut ist vom Segen die Rede. Von einem Segen, der nicht erschlichen ist und keinen Betrug braucht. Ja, komme, was wolle, er wird Zukunft haben! Welch ein Ausblick auf die vielen Unwägbarkeiten, die noch vor ihm liegen. Ach, was für ein Geschenk!

Ein Stein für Maria
Die junge Frau stützt sich müde auf einen großen Stein. Der Aufstieg hierauf ins Gebirge war  schwer. Jetzt sitzt sie gegenüber dem Haus, in dem sie die nächsten Monate verbringen wird. Die Wärme des Steins tut ihr gut, ihr Rücken entspannt sich. Sie will sich sammeln, bevor sie den Schritt über die Schwelle setzt. Alles wird anders sein ab heute. Das Kind unter ihrem Herzen ist zwar noch winzig klein, aber es erinnert sie doch schon mit jedem Herzschlag daran, dass sie eingewilligt hat in einen Plan, dessen Sinn und Ziel sie noch nicht fassen kann. „Gott hat dich gesehen und hat Großes mit dir vor“, hat der Engel zu ihr gesagt. So viele Eindrücke wirbeln in ihr durcheinander. Sie ist doch noch so jung. Und gerade veränderte sich ihr Leben in atemberaubender Geschwindigkeit. Bis vor wenigen Monaten war sie ein namenloses Mädchen, erzogen im Haus ihrer Eltern. Dann war sie diesem Zimmermann versprochen worden. Maria wusste nicht, wie man einig geworden war. Das wusste keines der Mädchen. Man handelte über die Brautwerberin und handelseinig wurden sich Eltern und Bräutigam. Als sie das erste Mal auf den Hof ihres zukünftigen Mannes treten durfte, umringten sie kleine Kinder bis hin zu erwachsenen Söhnen. Josef war Witwer. Die junge Frau, die er sich mit Maria jetzt gesucht hatte, sollte die Garantie dafür sein, dass seine jüngsten Kinder nicht elternlos großwerden mussten. Man wusste nie.

Der erste kurze Besuch war auch gleich der letzte gewesen vor der Verlobung. Maria wurde verlobt und Josef stellte ihr die Heirat in Aussicht. Doch nun war sie auf dem Weg zu ihrer Verwandten Elisabeth. Auch die war schwanger und konnte es kaum fassen. So wie Maria. Nur, Elisabeth war doppelt so alt wie das junge Mädchen, das hier am Stein lehnte. Ein Leben lang hatte sie umsonst auf ein Kind gewartet. In wenigen Wochen sollte es zur Welt kommen. Man hatte Maria dringend geraten, die Kleinstadt für ein paar Monate zu verlassen und erst kurz vor der Entbindung wiederzukommen. Bis dahin war gewiss ein wenig Ruhe eingekehrt in Nazareth und die Familie nicht mehr rund und die Uhr den neugierigen Blicken ausgesetzt. Fast hat sie ihr Ziel erreicht. Sie atmet tief ein, drückt ihren Rücken dankbar gegen den Stein. Spürt den Halt, der ihr gegeben ist und schließt ihre Augen. Jetzt fühlt sie den Himmel offen. „Maria, bei Gott ist kein Ding unmöglich!“  Ihr Herz formt ein Gebet: „Ja, Gott, mein Ja hast du. Ich bin bereit für deinen Weg mit mir. Mir geschehe nach deinem Willen.“ Als sie aufblickt, sieht sie Elisabeth, die gerade vor die Tür ihres Hauses tritt. Sie winkt ihr zu und Maria richtet sich auf. Eine Hand noch auf dem Stein liegend, steht es ihr deutlich vor Augen: Komme, was wolle. Sie wird Zukunft haben, dessen ist sie gewiss! Welch ein Ausblick auf die vielen Unwägbarkeiten, die noch vor ihr liegen. Ach, was für ein Geschenk!

Ein Stein für Martin
Die Eltern hatte er wohlauf zurückgelassen. Gott sei Dank, sie waren gesund und für ihr Alter in einigermaßen guter Verfassung. Dem strengen Vater war er nicht entgangen, der ausweichende Blick bei der Frage „Und, wirst du nun ein fleißiger Jurist werden? Du weißt, ich habe mir dein Studium etwas kosten lassen. Also, verwirk es nicht.“ Martin spürte den Blick noch immer auf sich ruhen, diese Augen des Vaters, die ihn zu durchschauen schienen! Und dabei hatte er nie ausgesprochen, was ihn bewegt! Was ging es denn um das Rechtgehabe auf Erden, wenn es in Wahrheit nur um das Recht am Himmelreich gehen sollte? War es nicht das, wonach er sich sehnte? Mit Gott zurecht zu kommen? Von ihm gerecht gesehen zu werden? Sollten sich doch die Gelehrten die Rechtssätze um die Ohren hauen! Was war das ihm wichtig? Natürlich, die Stadt Erfurt hatte ihn mit einem Studentenleben empfangen, dem man nur schwerlich widerstehen konnte. Herrlich war die Freiheit, die er vorher so nicht genossen hatte. Aber, das war nicht alles, das spürte er mit jedem Tag mehr. Manch einer seiner Kommilitonen hatte schon geunkt, wenn er wieder einmal am Schanktisch ganz versunken in sich selbst nach Stunden noch beim ersten Bier saß: „Na, Martinus, wohl doch eher ein Klosterbruder?“ hatten sie schallend gelacht. War das nicht der wahre Weg? In klösterlicher Abgeschiedenheit, ora et labora und keine weltliche Ablenkung. Die Stadt hatte an jeder Ecke ein Kloster zu bieten, alle Kutten waren hier vertreten… Aber, war das sein Weg? Warum antwortete Gott nicht endlich auf die Fragen? Verschlossen war ER ihm. Kein Lebenswort für Martin.  So lief er seit dem Morgen. Jetzt zog es dunkel auf und bedrohlich donnerte ein Wetter heran. Der junge Mann lief schneller und erreichte ein Waldstück. Erst sah er dem Toben von einem Baumstumpf aus zu. Doch als Blitz um Blitz zuckte und die Donner ineinander übergingen und heranrollten wie tosende Wellen, zog es ihn auf die Erde. Neben einem Findling kam er zu sich und schmiegte sich eng an den großen Stein. Es schüttete wie aus Wannen und hätte er nicht besser gewusst, eine Sintflut wäre ihm nicht bedrohlicher vorgekommen! Angst stieg in ihm hoch. Todesangst. Ein Blitz schlug direkt neben ihm in einen Baum und das Holz glühte kurz auf. Es zog ihn hinein in seine eigenen Abgründe und Fragen und nur Gedanken später schlug ihm das Herz bis zum Halse. Der Stein vor ihm barg ihn nur wenig und dennoch war er sein Fels in der Brandung des weltumstoßenden Aufruhrs. „Wenn ich jetzt sterbe, dann fahre ich zur Hölle! Wie kann ein Leben wie das meine in Gottes Augen gerecht werden? Der du das Erdreich gegründet hast und den Bergen und Felsen befehlen, dass sie sich versetzen mögen, was bin ich Wurm vor Dir?“ Wieder schlug ein Blitz ein und ließ nur totes Holz zurück. „Mein Leben ist verwirkt!“ so schrie es aus ihm heraus. „Ich muss mich Gott stellen!“ und mit den Fäusten hart auf den großen Stein eintrommelnd, der Schwur: „Gib mir Leben und ich weihe es dir.“

Und wie das Gewitter sich legt und der Regen abzieht, geht Martin der Himmel auf. Und Friede füllte sein Herz aus und seine Beine können ihn wieder tragen. Und Martin geht weiter und als die Sonne den Horizont vergoldet, war ihm der Himmel vor Augen. Komme, was wolle, er wird Zukunft haben, ist er jetzt gewiss! Welch ein Ausblick auf die vielen Unwägbarkeiten, die noch vor ihm liegen. Ach, was für ein Geschenk!

Liebe Gemeinde, Steine als Orte der Gottesbegegnung. Jakob, Maria und Martin haben das erfahren. Und wir können das auch erfahren. Gott ist nicht gebunden an einen Ort, aber er lässt sich finden, wenn wir ihn suchen. Die Steine selbst sind dafür Hilfsmittel, Denkmittel. Erinnerungszeichen an einen Gott, der Leben für dich will und dir den Himmel öffnet. Auch, wenn die Erde dir gerade alle Antworten versagt.

Steine am Weg zum Leben. So wie dieser hier: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht!“ Von diesem HERRN bist du angesprochen: Komme, was wolle, du wird Zukunft haben! Welch ein Ausblick auf die vielen Unwägbarkeiten, die noch vor dir liegen. Ach, was für ein Geschenk! Amen


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