Predigt von Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt am 05.06.2017

Predigt im ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag 2017 zu Gen 11, 1-9 in der katholischen Kirche Heilig Geist in Meiningen

1 Alle Menschen hatten die gleiche Sprache
und gebrauchten die gleichen Worte.
2 Als sie von Osten aufbrachen,
anden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an.
3 Sie sagten zueinander:
Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen.
So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.
4 Dann sagten sie:
Auf, bauen wir uns eine Stadt
und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel
und machen wir uns damit einen Namen,
dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
5 Da stieg der Herr herab,
um sich Stadt und Turm anzusehen,
die die Menschenkinder bauten.
6 Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle.
Und das ist erst der Anfang ihres Tuns.
Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein,
was sie sich auch vornehmen.
7 Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache,
sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.
8 Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde
und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.
9 Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal),
denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt,
und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.


Liebe Schwestern und Brüder,

das waren noch Zeiten.
Als das Wünschen noch geholfen hat.
Als die Wünsche noch bis zum Himmel wuchsen.
Als aus diesen Wünschen noch Tatsachen wurden.
Als die Menschheit noch in den Kinderschuhen steckte -
Alle hatten die gleiche Sprache.
Alle gebrauchten die gleichen Worte.
Und kein falscher Zungenschlag dabei.
Das waren noch Zeiten.
Als alle sich einig waren.
Als alle eins waren.

II

Das waren noch Zeiten.
Selige Harmonie, innige Einheit, ungetrennt.
Aber die innige Einheit scheint doch nicht alles zu sein.
Vielleicht ist sie auch nicht zum Aushalten.
Selbst als alle Welt noch eine Sprache spricht,
ahnt sie schon:
Es muss doch mehr geben als einerlei.
Mehr als ewige Harmonie.
Mehr als ständige, fraglos Übereinstimmung.
Dann sagten sie:
Auf, bauen wir uns eine Stadt
und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel
und machen wir uns damit einen Namen,
dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.

Die selige Einheit in Worten und Sprache,
sie scheint auch eine bedrohte Einheit zu sein.
Es gibt eine dunkle Ahnung,
dass etwas kommen könnte.
Dass dieEinheit zerstört werden könnte,
von wem oder was auch immer.
Dagegen muss man sich behaupten. Rechtzeitig.
Groß werden.
Weltweit bekannt.
Es gilt, eine Identität zu finden.
Sich einen Namen zu machen.
Und so muss her, was seitdem immer helfen soll,
um Identität zu stiften und Verbundenheit zu erzeugen:
Ein Projekt.
Ein großes Projekt.
Ein Projekt,
dass das, was bisher selbstverständlich war,
wieder neu herstellen soll:
Eine Sprache, dieselben Worte.
Ein Projekt, das helfen soll,
eine dunkle Ahnung zu beruhigen:
Die Angst davor,
bald nicht mehr völlig eins zu sein.
Und über die ganze Erde zerstreut zu werden.
Auf, bauen wir uns eine Stadt
und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel
und machen wir uns damit einen Namen,
dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.


III

Da stieg der Herr herab,
um sich Stadt und Turm anzusehen,
die die Menschenkinder bauten.
Er sprach:
Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle.
Und das ist erst der Anfang ihres Tuns.
Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein,
was sie sich auch vornehmen.
Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache,
sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.
Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde
und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.

Das wunderbare Projekt,
der einzigartige, identitätsstiftende Turm,
der die Einigkeit und Einheit so eindrücklich darstellen soll -
daraus wird nichts.
Gott macht einen Strich durch die Rechnung.
Aber warum?

Weil der Turm zu hoch werden könnte?
Weil er kratzen könnte an den Wolken
oder gar an Gottes Thron?
Weil Gott Sorge hat,
die Menschen könnten ihm zu nahe kommen?
Seine Macht infrage stellen,
es mit ihm aufnehmen wollen?

Ach, was wäre Gott für ein kleinlauter und ängstlicher,
was für ein menschlich-allzumenschlicher Gott,
wenn die Sicherung seiner eigenen Macht und Größe
der Grund wäre für die Verwirrung der Sprachen.
Ausgerechnet der,
der sich in Jesus Christus ohnmächtig
in die Hände der Menschen ausliefern wird,
ausgerechnet der sollte seine Macht ängstlich sichern wollen?
Dennoch -
Gott macht den Turmbauern zu Babel
einen Strich durch die Rechnung.
Aber warum?


IV

Und Gott sprach:
Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle.
Und das ist erst der Anfang ihres Tuns.
Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein,
was sie sich auch vornehmen.

Gott kennt seine Menschen nur zu gut.
Gott kennt uns nur zu gut.
Wenn der große Rausch einer allumfassenden Einheit,
wenn der Traum totaler Harmonie erst einmal um sich greifen,
wenn die große Illusion,
dass alle das gleiche in der gleichen Weise sagen,
vielleicht sogar denken,
dann gehen auch bald alle im gleichen Schritt.
Wenn der alte Menschheitstraum von Verständigung und Miteinander
zur grandiosen Illusion wird,
eine alle umfassende Einheit sei machbar, herstellbar,
dann wird aus Sehnsucht Zwang.
Dann wird Harmonie mit Macht hergestellt und erzwungen.
Nichts darf dann im Wege stehen.
Keine anderen Worte als die der Einheitssprache.
Keine Widerworte.
Und wer dennoch eine andere Sprache spricht,
andere Worte wählt,
andere Lieder singt, wird aus dem Weg geräumt.
Wenn dieser große Rausch totaler Einheit um sich greift,
dann gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Dann gilt es, Grenzen zu setzen.
Dann gilt es,  die Menschen vor sich selbst zu schützen.
Dann gilt es, die Realität ins Spiel zu bringen.
Und die Realität, die Wirklichkeit -
das ist Verschiedenheit.
Die Realität -
das sind die Unterschiede, die Vielfalt.
Die ungeheure Buntheit und Schönheit des Lebens.
Die Vielfarbigkeit.

Gott kennt seine Menschen.
Gott behält einen kühlen Kopf.
Er schützt die Menschen vor sich selbst.
Er bringt die Realität ins Spiel.
Er führt die Unterschiede ein, die Verschiedenheiten.
Nicht alle sprechen die gleiche Sprache.
Nicht alle träumen den gleichen Traum.
Wir Menschen sind verschieden -
Gott sei Dank!


V

Wir hören diese Geschichte an Pfingsten.
Wir hören sie in einem ökumenischen Gottesdienst.
Aber wir sehnen uns doch gerade nach dem Gegenteil.
Nach der Aufhebung der Trennung unter Glaubensgeschwistern.
Nach einem Ende von Abgrenzung.
Wir wünschen uns, dass Schluß ist
mit einer Ökumene der Differenzen.
Und dass es das geben möge:
Eine Ökumene der Gemeinsamkeiten.
Eine Versöhnung der Konfessionen.

Ist Pfingsten nicht gerade die große Gegengeschichte zu Babel?
Wird in den Pfingstgeschichten nicht davon erzählt,
dass alle, die mit dem Heiligen Geist beschenkt werden,
nicht mehr in verschiedenen Zungen miteinander sprechen?
Dass der Heilige Geist alle eins sein lässt,
egal, welche Sprache wir sprechen?
Ist Pfingsten nicht gerade die große Gegengeschichte zu Babel?

Nein und ja.
Pfingsten ist nicht die große Gegengeschichte zu Babel.
Denn auch in den Pfingsterzählungen
werden die Verschiedenheiten und Differenzen nicht völlig aufgehoben.
Es sprechen nicht alle die gleiche Sprache.
Die Unterschiede der Sprachen, der Kulturen,
sie bleiben auch dort erhalten.

Und doch: Ja.
Pfingsten ist eine Gegengeschichte zu Babel.
Die Unterschiede, die Verschiedenheiten, sie bleiben.
Aber die Grenzen der Sprache,
die Abgrenzungen, die Unterschiede bewirken können,
sie werden überwunden.
Nicht durch eine Welteinheitssprache,
die alle Unterschiede einebnet.
Es ist sogar genau umgekehrt:
Alle hören das Evangelium in ihrer Sprache.

Aber:
Gottes Geist schenkt Verstehen untereinander.
Die Unterschiede bleiben bestehen -
und dennoch ist Verständigung möglich.
Weil Gott dazu die Kraft schenkt.
Eine ganz besondere Energie:
Wir nennen sie:
den Heiligen Geist.
Mit dem Heiligen Geist schenkt Gott die Energie,
das eigene Leben im Glauben an Christus zu gestalten.
Jeweils dort, wo ich lebe.
Jeweils in der Sprache, die ich spreche.
In der Tradition, aus der ich komme und in der ich verwurzelt bin.
Der Heilige Geist schenkt die Kraft,
an Jesus Christus orientiert zu leben.
Ausgerichtet auf seine Barmherzigkeit.
Auf seine Freundlichkeit.
Auf seine unbedingte Liebe zu allen Menschen.
Der Heilige Geist hilft uns,
dass wir dabei nicht aufgeben.
Auch dann nicht, wenn es anstrengend wird
und wir müde und erschöpft werden.
Die Kraft des Heiligen Geistes hilft,
auch in einer immer unbarmherziger werdenden Welt
barmherzig zu bleiben.
Mitmenschlich und mit einem liebevollen Blick
auf unsere Nächsten und ihre Sorgen.
Weil all das Christenmenschen in der ganzen Welt miteinander verbindet,
deshalb wird Pfingsten auch das Fest der Kirche genannt.
Das Fest aller, die sich vom Heiligen Geist
Lebensenergie schenken lassen für ein an Christus orientiertes Leben.


Denn das ist das Entscheidende:
Dass wir unseren Glauben an Christus orientieren.
Dass wir unser ganzes Leben an Christus orientieren.
Bezogen auf ihn, auf Christus,
müssen Unterschiede nicht aufgehoben
oder gar bekämpft werden.
Bezogen auf ihn, auf Christus,
können wir Unterschiede nicht nur aushalten,
ertragen oder tolerieren.
Sondern wir können sie Lie gewinnen und wertschätzen.

Die Fülle und die verschiedenen Weisen,
der ganze Reichtum der verschiedenen Glaubenstraditionen,
in der Menschen an Christus glauben,
die kann einen staunen machen.
Und glücklich:
Was für eine Fülle!
Was für ein Reichtum!
Was für ein Schatz!
Wie viele Weisen, Christus zum Lebensmittelpunkt zu machen!
Einheit ist dann nicht von Menschen gemachte,
hergestellte, vielleicht sogar erzwungene Einheit.
Sondern Einheit ist dann geschenkte Einheit.
Im Glauben an ihn, an Christus,
geschenkte Einheit.
Eine Einheit, die von Christus ausgeht.
Und uns deshalb untereinander verbunden und eins sein lässt.

Eine Einheit, die sich in Vielfalt zeigt und lebt.
Eine Einheit in versöhnter Verschiedenheit.
Heute und hier als katholische und evangelische Christenmenschen,
die wir zusammen Gottesdienst feiern
und uns so auf unsere gemeinsame Mitte,
auf Christus, beziehen.
Das bringt uns zusammen.
Das macht uns eins.
Das lässt Unterschiede klein und unwichtig werden.
Und Christus groß und wichtig.

So, nur so, gelingt Versöhnung.
Hier und heute in Meiningen.
In der Ökumene in unserem Land und weltweit.
Jeden Tag einen Schritt weiter.
Immer im Blick auf den Auftrag, den wir gemeinsam haben,
und den die heutige Lesung aus dem Korintherbrief so formuliert:
Wir sind also Gesandte an Christi Statt,
und Gott ist es, der durch uns mahnt:
Wir bitten an Christi Statt:
Lasst euch mit Gott versöhnen!

Amen.