Predigt von Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt am 17.09.2017

Predigt zur Predigtreihe zur Landesgartenschau Apolda, 17.9.2017, Lutherkirche Apolda

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn am kommenden Sonntag die Landesgartenschau in Apolda zu Ende geht,
beginnt auf bundesdeutscher Ebene etwas Neues:
Ein neuer Bundestag wird gewählt.
Spätestens dreißig Tage später wird
der neue gewählte Bundestag
dann zum ersten Mal zusammentreten.
Auf die Abgeordneten warten viele Aufgaben:
ein Bundeskanzler/ eine Bundeskanzlerin muss gewählt,
Minister vereidigt,
Ausschüsse besetzt werden.
Und bald wird das Parlament das tun,
wovon wir als Bürgerinnen und Bürger direkt betroffen sind:
Es wird Gesetze beraten und verabschieden.
Wenn ich es richtig recherchiert habe,
wurden in der letzten Wahlperiode
785 Gesetze beraten und erlassen.
Nicht gerade wenig.
Ich kann jedenfalls nicht auf Anhieb sagen,
worum es dabei jeweils geht.
In jedem Fall sind es Gesetze,
die das Miteinander in unserem Land regeln.
Gesetze, die ganz persönliche Angelegenheiten betreffen -
etwa, wer mit wem wie
unter der Überschrift „Ehe“ zusammenleben darf.
Wie viel Steuern jede und jeder zu bezahlen hat.
Gesetze, die über diese Ebene hinaus gehen -
wer eine Mautgebühr auf der Autobahn zu zahlen hat und in welcher Höhe.
Mit welchen Staaten unser Staat kooperiert.
Ob und wo es Auslandseinsätze der Bundeswehr gibt.
Und und und…

Mancher wünscht sich,
dass es weniger Gesetze gibt.
Dass weniger vom Staat geregelt wird
und mehr vom freien Spiel der Kräfte.
Andere sehen das ganz anders:
Wer, wenn nicht der Staat, sollte Regelungen treffen,
damit im freien Spiel der Kräfte
nicht das Recht des Stärkeren bestimmt,
sondern Menschen Fairness und Gerechtigkeit erleben?
Und wenn es zwischen beiden Seiten
eine ganz intensive Diskussion gibt,
landet man schnell bei der grundsätzlichen Frage,
wozu und für wen es überhaupt Gesetze und Vorschriften gibt.

Auch Martin Luther wurde diese Frage gestellt.
Damals, im Jahr 1523,
als die reformatorische Bewegung noch jung war.
Und Aufsehen erregte.
Konflikte provozierte.
Luthers Schriften waren damals gerade verboten worden -
sie sollten weder gedruckt noch verkauft werden.
Auch nicht seine Übersetzung des Neuen Testamentes.

Was war zu tun?
Sollte man sich diesem Verbot beugen?
Luthers kritische Schriften in der Versenkung verschwinden lassen?
Oder gegen die Verbote handeln
und sich damit in Konflikt mit der Obrigkeit,
dem Kaiser und dem Papst, begeben?
Darf, das war die Kernfrage,
darf die weltliche Obrigkeit - also der Kaiser -
in Fragen des Glaubens überhaupt Gesetze erlassen?
Und damit über das Seelenheil der Gläubigen entscheiden?

Martin Luther findet eine Antwort,
die eine einfache Unterscheidung trifft.
Sie lautet so:
Das weltliche Regiment hat Gesetze,
die sich nicht weiter erstrecken als über Leib und Gut
und was äußerlich auf Erden ist.
Denn über die Seele
kann und will Gott niemand regieren lassen
als sich selbst allein.
Deshalb: wo weltliche Gewalt sich vermißt,
der Seele Gesetze zu geben,
da greift sie Gott in sein Regiment
und verführt und verdirbt nur die Seelen.

Also: Gesetze ja,
aber nicht zu inhaltlichen Fragen des Glaubens.
Per Gesetz kann nicht bestimmt werden,
wer was und wie glaubt.
Wie betet.
Oder predigt.

Das gehört, so beschreibt es Martin Luther damals,
in den Raum des Glaubens.
In diesen Fragen ist die Heilige Schrift die letzte Autorität.
Was das bedeutet,
sollen Gläubigen, und zwar alle Gläubigen,
Ordinierte und nicht-Ordinierte gleichermaßen,
miteinander diskutieren.
Immer wieder neu.
Immer wieder neu im Blick auf die Heilige Schrift
und das, was darin geschrieben steht.
So soll es in Glaubensfragen zu Einigkeit kommen.
Oder wenigstens zum Ertragen der Unterschiede.
Um dessentwillen,
auf den sich doch alle miteinander berufen:
Um Christi willen,
den einen Herrn der Kirche.

Was damals geschieht,
ist nicht mehr und nicht weniger als eine klare Unterscheidung
der verschiedenen Aufgaben von Staat und Kirche.
So würden wir es heute sagen.
Nicht, dass man sich gegenseitig dazu nichts zu sagen hätte.
Nicht, dass man dazu nicht miteinander zu reden hätte.
Nicht, dass man sich in Diskussionen nicht einzumischen hätte.
Nicht, dass nicht immer wieder auszuloten wäre,
wo denn die Aufgabe des einen beginnt
und die des anderen aufhört.
Aber:
Das weltliche Regiment hat Gesetze,
die sich nicht weiter erstrecken als über Leib und Gut
und was äußerlich auf Erden ist.
Denn über die Seele
kann und will Gott niemand regieren lassen
als sich selbst allein.
Deshalb: wo weltliche Gewalt sich vermißt,
der Seele Gesetze zu geben,
da greift sie Gott in sein Regiment
und verführt und verdirbt nur die Seelen.

Die Claims sind damit sozusagen abgesteckt.
Auch wenn sie Berührungspunkte haben
oder sich an mancher Stelle vielleicht sogar überschneiden.
Unterschiedliche Aufgaben.
Getrennte Bereiche.
Gegenseitiger Respekt.
Sorgfältiges aufeinander Hören.

Weil Luther nun gerade dabei ist,
wird er in seiner damaligen Schrift auch ganz grundsätzlich.
Er schreibt etwas zu der Frage:
Braucht es überhaupt Vorschriften, Gesetze, Gebote?
Und zwar im öffentlichen Leben genau so
wie für den christlichen Glauben?
Seine Antwort steht in dem Abschnitt,
den Sie mir als Text für die heutige Predigt
in die Hand gegeben haben.
Luther schreibt:
„Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben,
sondern dem Ungerechten.“ (1. Tim 1,9)
Warum das?
Deshalb, weil der Gerechte von sich selbst aus alles und mehr tut,
als alle Rechte fordern.
Aber die Ungerechten tun nichts Rechts,
darum bedürfen sie des Rechts,
das sie lehre, zwinge und dringe, recht zu tun.
Ein guter Baum bedarf keiner Lehre noch Rechtsvorschriften,
dass er gute Früchte trage,
sondern seine Natur ergibt’s,
dass er ohne alles Recht und Lehre trägt,
wie seine Art ist.
Denn der sollte mir ein gar närrischer Mensch sein,
welcher einem Apfelbaum
ein Buch voller Gesetze und Rechtsvorschriften mache,
wie er Äpfel und nicht Dornen tragen sollte,
da er das aus eigner Natur besser tut,
als er’s mit allen Büchern beschreiben und gebieten kann.
Ebenso sind alle Christen durch den Geist und Glauben
von Natur aus in allen Dingen so geartet,
dass sie gut und recht tun,
mehr als man sie mit allen Gesetzen lehren kann,
und bedürfen für sich selbst keines Gesetzes noch Rechts.

War Martin Luther Anarchist?
Einer, der meinte, Menschen würden
auch ohne Gesetze und Regelungen
gut miteinander leben können?
Oder war er hochmütig und selbstgerecht,
weil er schreibt, dass alle Christen
„von Natur aus gut und recht tun“?
Zumindest an seiner letzten Formulierung
hätte ich jedenfalls meine Zweifel.
Und zwar im Blick auf mich selbst genau so
wie im Blick auf die berühmten „Anderen“.

Nun, Luther war sicher weder Anarchist noch selbstgerecht.
Eher im Gegenteil.
Eigentlich liefert er eine herbe Kritik an denen,
die an Christus glauben.
Denn wenn sie so glauben und leben würden,
wie Gott es sich von seinen Menschen wünscht,
dann bräuchten sie tatsächlich keine Gesetze.
Dann wäre es nämlich so,
dass sie von ganz allein,
auf freiem Herzen und mit aller Kraft das tun würden,
was Jesus selbst einmal
als die Essenz des Glaubens beschrieben hat.
Das höchste Gebot.
Du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.
und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Diese Sätze formulieren,
was von ganz allein geschieht,
wenn Menschen Gott ganz und gar vertrauen.
Seiner Liebe.
Seiner Barmherzigkeit.
Seiner Gerechtigkeit.
Diese Sätze beschreiben das für Menschen jüdischen Glaubens -
denn sie stehen im Alten Testament.
Und sie beschreiben es für Menschen christlichen Glaubens -
denn sie stehen auch im Neuen Testament.
Jesus, der selbst Jude war,
hat diese Grundsätze des jüdischen Glauben geteilt.
So sind sie auch für Christen,
für die Jesus Christus der Mittelpunkt ihres Glaubens ist,
Grundsätze des Glaubens und Lebens.

Du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.
und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Wenn alle so lebten, das meint Martin Luther,
dann bräuchte es keine Gebote und Gesetze.
Weder im Raum des Glaubens
noch im Raum des täglichen Lebens.

Wir Menschen aber,
da ist Martin Luther Realist genug,
wir Menschen sind nicht so.
Wenige Sätze nach dem heutigen Zitat fährt er fort:
Weil nun aber kein Mensch von Natur Christ oder fromm ist,
sondern sie allzumal Sünder und böse sind,
wehret ihnen Gott allen durchs Gesetz,
daß sie ihre Bosheit nicht äußerlich mit Werken
nach ihrem Mutwillen zu üben wagen. …
Denn die Welt und die Menge sind und bleiben Unchristen,
ob sie gleich alle getauft (sind) und Christen heißen.

Die Gebote, die Gesetze,
die braucht es,
weil wir Menschen nun mal Menschen sind
und nicht Gott.
Weil wir nicht allein aus Liebe zum anderen leben.
Deshalb, zur Erinnerung daran,
wie Gott sich das Leben von Menschen wünscht,
gibt es die Gebote Gottes,
das Doppelgebot der Liebe.
Als Erinnerung, als Hilfe zum Leben.
Als Hilfe, wahrhaft menschlich zu leben.
Als Hilfe für das Leben jedes Einzelnen.
Für unser Leben als Gemeinschaft.
Für unser Leben in der Gemeinschaft mit anderen Völkern
Du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.
und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Lebst du so,
wie es diesem Gebot entspricht?
Leben wir so,
wie es diesem Gebot entspricht?
Und was müssten, was könnten wir tun,
um diesem Gebot zu folgen?
Aus ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt?
Weil wohl niemand dem Anspruch dieses Gebotes
vollkommen genügen kann,
gibt Jesus uns im Neuen Testament
übrigens einen guten Rat.
Einen, der aus zwei Worten besteht:
"Seid barmherzig".
Und zwar immer dann, wenn wir im Begriff sind,
vorschnell zu richten oder zu verurteilen.
Wenn wir z.B. meinen,
wir könnten ganz allgemein und pauschal darüber befinden,
wer in unser Land kommen darf und wer nicht.
Oder wenn wir einzelne Menschen ausgrenzen -
weil sie sich in unseren Augen merkwürdig kleiden oder verhalten.
Oder weil sie andere Überzeugung haben,
wie sich eine Kommune, eine Region, ein Land
oder auch eine Kirchengemeinde
zukünftig gut entwickeln könnten.
Jedes Mal, wenn wir im Begriff sind,
andere zu verurteilen,
sollen wir uns an Jesu Worte
und an Gottes Haltung zu uns Menschen erinnern.

Gott sieht uns nämlich, wie wir wirklich sind.
Aber er sieht uns nicht ausschließlich als die,
die dieses tun und jenes versäumen.
Sondern Gott sieht,
wer wir in seinen Augen sein könnten.
Was wir alles Gutes tun könnten.
Gott sieht unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten
und ist barmherzig mit unseren Fehlern.
Er ignoriert sie nicht.
Aber er lässt sie auch nicht alles sein,
was es über uns zu sagen gibt.

Jesus schlägt deshalb vor:
Seht euch, die Menschen, die Welt,
mit Gottes Augen an.
Mit Liebe, mit Barmherzigkeit.
So, wie ihr selbst angesehen werden wollt.

Du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.
und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
und:
Seid barmherzig
wie auch Gott barmherzig ist.

Gebote und Gesetze können uns daran erinnern.
Sie können uns zurechtbringen.
Oder unseren Blick wieder zurechtrücken.
Aber sie können nicht das,
was allein der Glaube vermag:
Sich ein neues Herz und einen neuen Sinn schenken lassen,
der ganz von allein, aus Liebe zu Gott und den Menschen,
das tut, was dem Leben dient.
Amen.