Predigt von Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt am 20.09.2017

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis im Kantatengottesdienst zur Kantate "Schauet doch und sehet" (BWV 46) in der Bachkirche Arnstadt, 20. September 2017

Liebe Schwestern und Brüder,

Schauet doch und sehet,
ob irgend ein Schmerz sei wie mein Schmerz,
der mich getroffen hat.

Eine herzzerreißende Klage.
Leise, behutsam, vorsichtig tastend setzt sie ein.
Scheint den Schmerz gar nicht fassen zu können.
Muss die Worte erst finden.
Für den Kummer.
Für die Trauer.
Die Fassungslosigkeit.
Die Musik geht dabei langsame Schritte,
so kommt es mir vor.
Langsame Schritte durch eine Stadt.
Schritte, die Zeit lassen, sich umzusehen.
Schritte, die uns mitnehmen.

Ja, schauet doch und sehet.
Schauet und sehet,
wenn ihr durch diese Stadt geht.
Schauet doch und sehet,
ob irgend ein Schmerz sei,
wie dieser Schmerz:

Hier, in der Untergasse 4,
wohnte Isidor Guthmann,
geboren im Jahr 1881.
Verhaftet 1938.
Misshandelt.
Im Zuchthaus Erfurt.
Deportiert 1944 nach Auschwitz
Dort ermordet am 26. November 1944.

Schauet doch und sehet
ob irgend ein Schmerz sei
wie dieser Schmerz:

Hier, in der Fleischgasse,
wohnte Siegfried Eugen Rosenbaum,
geboren 1912
verhaftet 1938
verbracht nach Buchenwald
geflohen 1939 nach Belgien
Interniert in Mechelen
deportiert 1942
ermordet in Auschwitz.

Schauet doch und sehet
ob irgend ein Schmerz sei
wie dieser Schmerz:

Hier, in der Erfurter Straße,
wohnte Laura  Appel,
geboren 1874 als Laura Jüngster
gedemütigt und entrechtet
gestorben am 7.9.1940.

Ja - schauet doch und sehet -
lest die Namen der Verfolgten, Entrechteten, Gemordeten
in dieser Stadt.
Schaut auf Ihr Leid.
Und schaut und seht auf das Leid der Gegenwart,
auf die Ermordeten und Verletzten in anderen Städten -
in Barcelona, in Turku, in Charlottesville, in Berlin, in Aleppo, in Paris.

So viele, viel zu viele,
Städtenamen könnten wir aufzählen.
Städte, in denen Menschen Opfer von Terror und Gewalt wurden.
Und der Name der Stadt,
über deren Schicksal schon Jesus Tränen vergießt,
wäre noch immer dabei.

Warum das alles?
Warum die Gewalt, der Terror, der Tod so vieler Menschen?
Menschen mit Träumen und Sorgen,
mit Zukunftsplänen.
Menschen, die ein Kreuz um den Hals trugen
oder einen Davidstern,
die zu Jesus oder Allah beteten
oder sagten, an nichts und niemand zu glauben.
Warum das alles?

Keine neue Frage ist das.
Keine Frage erst unserer Tage.
Als die Stadt Jerusalem Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung
brutal erobert und zerstört,
große Teile ihrer Bevölkerung verschleppt und versklavt wurden,
da war eine Antwort auf diese Frage:
Das geschieht,
weil wir nicht Gott allein vertraut haben.
Weil wir seine Gebote nicht beachtet haben.
Sondern so leben, als stünde alles in unserer
und nichts in Gottes Hand.

Als römische Kriegsherren
im Jahr 70 nach Christus
den Tempel in Jerusalem,
das Zentrum jüdischen Glaubens,
in Schutt und Asche legten,
deuteten die Zeitgenosssen das erneut
als ein Urteil Gottes.
All das, so überliefert es
das Evangelium des heutigen Sonntags,
all das soll Jesus vorausgesehen haben:
Und als er nahe hinzukam und die Stadt sah,
weinte er über sie und sprach:
Wenn doch auch du erkenntest an diesem Tag,
was zum Frieden dient!
Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen.
Denn es wird eine Zeit über dich kommen,
da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen,
dich belagern und von allen Seiten bedrängen
und werden dich dem Erdboden gleichmachen
samt deinen Kindern in dir
und keinen Stein auf dem andern lassen in dir,
weil du die Zeit nicht erkannt hast,
in der du besucht worden bist.

Die Worte Jesu machen deutlich,
worin er die Ursache des Leidens sieht:
Wenn doch auch du erkenntest,
was zum Frieden dient.

Jahrhunderte christlicher Theologie später
sah man die Ursache der Zerstörung Jerusalems
nicht mehr in mangelnder Einsicht in das,
was dem Frieden dient.
Sondern jetzt hielten die Christen den Juden vor,
sie hätten Jesus nicht als den erwarteten Messias erkannt.
Sich nicht zum Glauben an ihn bekannt.
Das allein sei die Ursache ihres Leids.
Das allein sei dieser Grund für die Zerstörung des Tempels.
Gottes Zorn, weil sie Jesus nicht als Messias bekannt hätten.

Ein Gedankenmuster,
das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein
das Verhältnis von Christen
zu Menschen jüdischen Glaubens
geprägt und bestimmt hat.
Auch Martin Luther dachte so.
Auch Johann Sebastian Bach.
Gerade haben wir es gehört:

So klage du, zerstörte Gottesstadt,
...
Weil dich betroffen hat
Ein unersetzlicher Verlust
Der allerhöchsten Huld,
So du entbehren mußt
Durch deine Schuld.
....
O besser! wärest du in Grund verstört,
Als daß man Christi Feind jetzt in dir lästern hört.
Du achtest Jesu Tränen nicht,
So achte nun des Eifers Wasserwogen,
Die du selbst über dich gezogen,
Da Gott, nach viel Geduld,
Den Stab zum Urteil bricht.

Und die anschließende Arie des Basses
stellt mit aller musikalischen Anschaulichkeit
den Anbruch des Schrecklichen vor Augen und Ohren.
Wie ein Gewitter,
mächtig und unaufhaltsam,
nimmt das furchtbare Schicksal seinen Lauf.
Absehbar, aber nicht anzuhalten.
Dein Wetter zog sich auf von weitem.

Die Enttäuschung, der Schmerz, der Zorn darüber,
dass Juden nicht den Glauben an Christus übernahmen,
sondern bei ihrem Glauben blieben,
dem Glauben, den der Jude Jesus geteilt hat,
hat lange das Verhältnis von Christen zu Juden bestimmt.
Augenfällig wurde das besonders am heutigen Sonntag,
dem zehnten nach Trinitatis.
Jahrhunderte hindurch wurde an ihm
der Zerstörung des Jerusalemer Tempels gedacht.
Das brutale Geschehen wurde gedeutet
als Urteil über alle,
die zur jüdischen Glaubens- und Lebensgemeinschaft gehören.
Als Entzug der Liebe Gottes,
die sich nun den Christen zugewandt habe.
Dass Jesus selbst geborener Jude war - vergessen.
Dass Jesus den Glauben seiner jüdischen Geschwister
niemals verlassen hat - verschwiegen.
Dass im Neuen Testament zu lesen ist:
Das Heil kommt von den Juden (Joh 4,22) - vergessen.
Und Kernsätze des Apostels Paulus im Römerbrief,
in denen er über das Volk Israel, über das Judentum schreibt,
wurden nicht mehr zitiert oder umgedeutet.
Sätze wie diese:
So frage ich nun:
Hat denn Gott sein Volk verstoßen?
Das sei ferne!
Denn auch ich bin ein Israelit,
vom Geschlecht Abrahams, aus dem Stamm Benjamin.
Gott hat sein Volk nicht verstoßen,
das er zuvor erwählt hat.
...
Denn Gottes Gaben und Berufung
können ihn nicht gereuen.

Während vieler Jahrhunderte haben auch Christen
den Hass auf Juden unterstützt oder sogar selbst geschürt.
Sie haben unendliches Leid
über so viele Frauen und Männer gebracht.
Schuld auf sich geladen,
die wir heute mit Trauer und Scham bekennen
und für die wir um Vergebung bitten.
In der Hoffnung,
dass ein neues, ein versöhntes Miteinander
von Juden und Christen entsteht, wächst und Bestand hat.

Nur wenige Christen haben Juden in Zeiten der Verfolgung geholfen.
Wenige, wie Gotthelf Kummer.
Auch auf seinen Namen trifft man hier in Arnstadt.
Auch für ihn, verfolgt, entrechtet,
gibt es hier einen Stolperstein.
Er war einer von denen
Wenige, die das Grundgebot jüdischen wie christlichen Glaubens -
geprägt und geleitet hat:
Du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.
und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Einer von denen,
für die die Frage nach Schuld und Sünde
nicht mit Schuldzuweisungen an andere beantwortet werden konnte.
Sondern sie zur Frage nach eigenem Versagen,
nach eigener Schuld führte.
Und die sie beantworteten
mit der Übernahme von Verantwortung,
mit praktizierter Nächstenliebe,
selbst unter Einsatz des eigenen Lebens.

Auch Johann Sebastian Bach erspart
denen, die seine Kantate hören - damals wie heute -
die Frage nach eigener Schuld
und persönlicher Verantwortung nicht.
Doch bildet euch, o Sünder, ja nicht ein,
Es sei Jerusalem allein
Vor andern Sünden voll gewesen!
Man kann bereits von euch dies Urteil lesen:
Weil ihr euch nicht bessert
Und täglich die Sünden vergrößert,
So müsset ihr alle so schrecklich umkommen.

Ich verstehe die Kantate hier so:
Im Unterschied zu manch anderer christlichen Theologie ihrer Zeit
versteht sie die biblische Überlieferung
von der Zerstörung Jerusalems
nicht als einen historischen Bericht,
der zwar Schreckliches schildert,
aber keine Bedeutung mehr für die Gegenwart hat.
Sondern im Gegenteil:
Die Frage nach Sünde,
nach Schuld und Buße gilt allen,
die ihr Leben vor Gott verantworten.
Sie gilt uneingeschränkt.
Sie gilt jederzeit.
Damals wie heute.
Die Kantate von der Zerstörung Jerusalems
wird so zur Bußpredigt in der jeweiligen Gegenwart.
Sie fragt auch heute,
welche Gültigkeit das Gebot,
das Jesus einmal als das höchste Gebot bezeichnet hat,
das Doppelgebot der Liebe,
das Christen wie Juden teilen,
welche Bedeutung dieses Gebot
für unser Leben hat.
Für das Leben jedes Einzelnen.
Für unser Leben als Gemeinschaft.
Für unser Leben in der Gemeinschaft mit anderen Völkern
Du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.
und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Lebst du so,
wie es diesem Gebot entspricht?
Leben wir so,
wie es diesem Gebot entspricht?
Und was müssten, was könnten wir tun,
um diesem Gebot zu folgen?
Aus ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt?
Dass niemand von sich behaupten kann,
dem Doppelgebot der Liebe umfassend zu entsprechen,
gewissermaßen als menschliche Antwort
auf Gottes umfassende Liebe zu uns Menschen,
das bedeutet:
Sich selbst als Mensch, als begrenztes Geschöpf, verstehen.
Als Mensch, der vieles,
aber eben nicht alles vermag.
Als Mensch, der zu so vielem fähig ist,
der Gutes will und tut -
und doch auch scheitert und Unheil anrichtet.
Als Mensch, der deshalb der Vergebung,
der Liebe und des Trostes bedarf.

Diesem Menschen gilt das Mitgefühl
und die Liebe Jesu.
Diesem Menschen gelten seine Tränen.
Diesem Menschen gilt seine Vergebung.
Seine Hingabe.
Als der Mensch,
der allein das Doppelgebot der Liebe erfüllt.
der es geradezu verkörpert.
Der die menschgewordene Liebe Gottes ist.
Um seinetwillen trifft uns Menschen
nicht Zorn, Strafe und ewiger Tod,
Um seinetwillen kommen uns vielmehr zu:
Gnade, Vergebung, ewiges Leben.

Der Schluss der Kantate stellt das vor Augen und Ohren.
Mit Flöte und Alt,
statt des Continuo-Basses begleitet von zwei Oboen.
Ohne das Fundament des Basses
wird musikalisch nun eine andere Welt betreten.
Eine, in der die rational letztlich nicht erklärbare
Hingabe und Liebe Jesu im Mittelpunkt steht.

Doch Jesus will auch bei der Strafe
Der Frommen Schild und Beistand sein,
Er sammelt sie als seine Schafe,
Als seine Küchlein liebreich ein.

Eine Hingabe und Liebe,
auf die die die menschliche Antwort
nur die inständige Bitte sein kann:
O großer Gott von Treu,
Weil vor dir niemand gilt
Als dein Sohn Jesus Christ,
Der deinen Zorn gestillt,
So sieh doch an die Wunden sein,
Sein Marter, Angst und schwere Pein;
Um seinetwillen schone,
Uns nicht nach Sünden lohne.

Da ist es -
das, was Martin Luther
das "solus Christus" genannt hat.
Allein durch Christus.
Weil vor dir niemand gilt
Als dein Sohn Jesus Christ.
Christus allein.

Heute, am Israelsonntag,
sei aber auch daran erinnert,
dass das solus Christus
nicht selten eine Kernaussage
des Alten wie des Neuen Testaments
hat in den Hintergrund treten
und in Vergessenheit geraten lassen:
Das Heil kommt von den Juden.
Sie sind Gottes erwähltes Volk.
Ihnen zuerst und unwiderruflich gilt Gottes Zusage.
Mit ihnen hat Gott einen unzerbrechlichen Bund geschlossen,
der ihn nicht gereut und den er nicht zurücknimmt.
Allein durch Christus
sind auch die, die nicht geborene Juden,
    •    mit einem anderen Wort: Heiden - sind,
in diesen Bund hineingenommen.
Allein durch Christus
gilt auch uns Gottes Treue,
seine Gnade, seine Vergebung, sein Heil,
die vor allen anderen und zuerst seinem Heiligen Volk gelten.
Darauf dürfen wir hoffen und vertrauen -
allein durch Christus.
Amen.