Predigt von Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt am 25.12.2017

Predigt am 1. Weihnachtstag, 25.12.2017, zum 1. Teil des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach

Ja,
jauchzet, frohlocket!
Mit Pauken und Trompeten.
Mit vollen Tönen und allen Stimmen.
Ja, jauchzen, frohlocken -
und alles Jammern, alles Klagen beiseite schieben.
Wenigstens heute.
Nicht, weil es so einfach ist,
alles Leid der Welt auszusperren
und sich die Welt schön bunt und hell zu malen.
Wenn man nur das sieht, was man sehen will.

Nicht, weil wir doch gut geübt sind darin,
das Schwere des eigenen Lebens beiseite zu schieben.
Lieber nicht dran denken,
dann wird es schon nicht ...
Nein, nicht deshalb das Klagen und Zagen und Jammern lassen.

Nicht um der eigenen Befindlichkeit Willen.
Sondern einzig und allein um Gottes Willen.
Um auf ihn zu sehen.
Um nicht mit dem täglich neuen Blick auf sich selbst
den Blick auf Gott zu verstellen.
Also: Jauchzen, frohlocken,
von sich absehen,
auf Gott hinsehen.

Und zuhören,
was von ihm an Weihnachten gesungen und gesagt wird.
Wenn musiziert wird.
Wenn Worte und Noten,
wenn Musik und Text eine Botschaft haben.
Frohe Kunde - Evangelium.
Sich davon anrühren lassen.
Sich davon bewegen lassen.

So wie sich Maria und Josef bewegen lassen.
Die sich auf den Weg machen
von Nazareth nach Bethlehem.
Von dem vertrauten Lebensort,
der alltäglichen Umgebung
dorthin, wo die eigenen Wurzeln sind.
Dorthin, wo alles angefangen hat.
Dorthin, woher alles versprochene Heil kommen soll:
Dorthin, wo sich Vergangenheit und Zukunft neu verbinden sollen.
Dorthin, wo die Hoffnung des jüdischen Glaubens auf den Messias,
das Heil der Welt, wurzelt.
Dorthin, wo er selbst zur Welt kommen soll,
der Held aus Davids Stamm,
der Stern aus Jakob.
Dorthin: nach Bethlehem.
Dorthin zieht uns die Musik.
Dorthin zieht uns die Sehnsucht.
Dorthin zieht uns die Hoffnung.

Die Hoffnung, dass diese Welt nicht verloren ist.
Dass wir sie nicht verloren geben.
Dass Gott sie nicht verloren gibt.
Sondern zu seinen Verheißungen und Versprechen steht.
Von Frieden und Gerechtigkeit.
Von Barmherzigkeit und Liebe.
Das alles soll Wirklichkeit werden.
Jetzt. Heute. Hier.
Für mich. Für dich.
Und für alle Welt.

So schön die Musik,
so berührend die Texte auch sein mögen -
die Bilder aus Zeitungen und Nachrichtensendungen stehen dagegen.
Waffenlieferungen für die Ukraine.
Hunger im Jemen.
Leid und Schmerz in Krankenhäusern.
Die Augen von Zahra,
dem fünfjährigen Flüchtlingskind aus Syrien,
das nun in einem Lager in Jordanien lebt,
sehen mich an.
Ihr Bild ist das Unicef-Foto des Jahres.
Dieses Bild von Zahra aus Syrien fragt:
Gibst du die Welt und ihre Menschen wirklich nicht verloren?
Du, Frau, Mann, im sicheren und reichen Westeuropa,
die du das Christuskind in diesen Tagen willkommen heißt
und andere Kinder draußen vor der Tür lässt?
Sehnst du dich wirklich so sehr nach dem,
der Frieden für alle, wirklich alle Welt will?
Willst du ihn wirklich in dein Herz und dein Leben lassen,
ihn, der Barmherzigkeit und Liebe in Person ist?
Denn wenn du das willst, wird das dein Leben ändern.
Von Grund auf.
Du wirst verloren sein -
für alles Gerede vom Streben nach Macht und Einfluß.
Für alle Wünsche nach eigener Bedeutsamkeit.
Für alles immer mehr, immer besser, immer größer als alle anderen.
Bist du sicher, dass du das willst?
Dass Gott selbst,
der sich ganz klein macht,
zu dir kommt, und du nicht mehr groß und wichtig sein musst
und alles festhalten musst, was du hast?
Sondern loslassen und wegschenken kannst?

Soll dieser Gott, das Christuskind,
wirklich bei dir, in dir, in deinem Leben geboren werden?
So, dass es dich und das was du tust,
prägt und bestimmt?
Bist du wirklich bereit, das Christuskind,
die menschgewordene Liebe,
und deshalb den Schönsten, den Liebsten,
bald bei dir zu sehn?

Und wenn ja, wie sollte das denn gehen?
Wie sollte das vor sich gehen?
Was könnte, was sollte, was müsste ich tun,
um ihn, um Gott selbst,
ins eigene Leben zu lassen?
In ein Leben, in dem das persönliche Wohlergehen
und das der nahen Liebsten
am Ende doch wichtiger ist als das der anderen?
Der anderen in der weiten Welt.
Der anderen ganz in der Nähe.
Wenn Gott wirklich zur Welt kommt,
zu uns Menschen kommt,
zu jedem von uns,
wie soll man ihn empfangen?
Wie ihm begegnen?

Musik und die Text des Weihnachtsoratoriums
kennen auf diese Frage nur eine Antwort:
Wer so in sich gefangen ist,
wer so sehr auf sich und das eigene sieht,
kann nur Gott darum bitten,
ihm, ihr die Augen und das Herz zu öffnen:
Damit, was dich ergötze,
Mir kund und wissend sei.
Damit von Liebe nicht nur geredet und gesungen wird.
Sondern damit diese Liebe gelebt wird.

Ja, dann kann Gott zur Welt kommen.
Dann kann er empfangen werden.
Dann kann man Gott begegnen.
Dem Wickelkind in der Krippe,
für das es keinen anderen Raum gibt
als draußen vor der Tür.
Oder mitten im eigenen Leben.
Mitten im Herz.

Ganz nebenbei wird dabei auch deutlich,
was Glauben bedeutet.
Es geht nicht darum,
Sätze, Einsichten, Geschehnisse, Geschichten für wahr zu erachten.
Sie für möglich zu halten.
Es geht nicht um rationale Akzeptanz.
Es geht nicht um abgesicherte Erkenntnis.
Sondern es geht um Gewißheit.
Um das tiefe Wissen,
das es im Glauben um etwas geht,
was mich im Innersten angeht.
Was mich berührt und trägt.
Was mich sicher sein lässt,
dass darin wirklich Bedeutendes, Entscheidendes für mein,
für unser Leben gesagt und gelebt wird.
Etwas, worin Hoffnung und Zukunft und Zuversicht liegt.
Auch gegen allen Augenschein.

Die biblische Botschaft setzt darauf:
Genau diese Hoffnung liegt nicht bei einem,
der gern von uns über den Menschen thront.
Scheinbar unberührt.
Mächtig und kalt.
Genau diese Zuversicht kommt nicht von einem,
der ganz nichts von menschlichem Leben weiß.
Von seinen Abgründen.
Seinem Glück.
Genau diese Hoffnung und Zuversicht und Zukunft
kann nur von einem kommen,
der uns selbst, unser Leben,
unser Glück und unser Leid,
selbst unseren Tod, kennt.
Der das alles am eigenen Leib erfährt.
Der deshalb uns kennt und um uns weiß.
Ein Mensch eben.
Wie wir.
Ein wirklicher Mensch.

Des höchsten Sohn kommt in die Welt -
so will er selbst als Mensch geboren werden werden.
Aus Liebe.
Aus Liebe leben wie wir.
Aus Liebe zu uns unser Leben teilen.
Aus Liebe zu uns in allen verzweifelten Fragen sagen:
Hier bin ja noch ich.
An deiner Seite.
Hier bin ja noch ich.
Und ich lasse dich nicht.

Ja, wer vermag es einzusehen,
wie ihn der Menschen Leid bewegt?
Wie wenig er der Erden Pracht achtet?
Und in einer harten Krippe schläft?

Ach mein herzliebes Jesulein,
Mach dir ein rein sanft Bettelein,
Zu ruhn in meines Herzens Schrein,
Daß ich nimmer vergesse dein!

Wer das Kind in der Krippe sieht
und seine Botschaft versteht,
wird einen Blick bekommen für die,
die so sind wie dieses Kind.
Denn wer das schutzlose Kind in der Krippe gesehen hat -
wie kann der
noch setzten auf Waffen und Krieg?
Wer das arme Kind in der Krippe gesehen hat -
wie kann der noch meinen,
dass Menschen unter furchtbaren Bedingungen
zu Hungerlöhnen arbeiten müssen,
damit andere günstig einkaufen können?
Wer das heimatlos geborene Kind in der Krippe gesehen hat -
wie kann der noch meinen,
Flucht und Vertreibung gingen ihn nichts an
und Flüchtlinge sollten überall hin,
aber nicht in unser Land kommen?
Wer das wehrlose Kind in der Krippe sieht -
wie kann der noch aushalten,
dass Kinder überall in der Welt
benutzt und gebracht werden wie billige Waren -
als Arbeitskräfte, als Spielzeug, als Objekt sexueller Gewalt?

Wer das Kind in der Krippe sieht
und seine Botschaft versteht,
dessen Blick wird sich fortan zuerst auf die richten,
die der Liebe und des Mitgefühls bedürfen.
Wer das Kind in der Krippe ansieht,
wird wissen,
dass der christliche Glaube
seine Kraft nicht aus Ausgrenzung und Hass und Vorurteilen zieht,
sondern aus Annahme und Offenheit und Liebe.

Ja, jauchzet, frohlocket,
an diesem Weihnachtsmorgen.
Lasst das Herz zu einer Krippe werden.
Seht und spürt,
was dann geschieht.
Was geschieht,
wenn der Mensch gewordene Gott nicht draußen vor der Tür bleiben muss,
sondern mitten unter uns wohnt.
Seht und spürt, wie es uns verwandelt.
Und mit uns und durch uns die ganze Welt.
Davon lasst uns singen und sagen.
Amen.