26.09.2018
Predigt von Regionalbischof Christoph Hackbeil am 26.9.2018 in Neudietendorf

Anlässlich des 25jährigen Ordinationsjubiläum.

Liebe Schwestern und Brüder,
in den vergangenen Stunden haben Sie sich Zeit genommen, auf den Weg der vergangenen 25 Jahre zu sehen. Erinnerungen wurden aufgefrischt. Sie nahmen aneinander Anteil. Innerlich geht Ihnen vieles noch nach. Leichtes und Schweres ist präsent. Und sicher ist bei den meisten die Dankbarkeit groß. All das nehmen Sie hinein in den Gottesdienst.

Ich habe aus unserer Plenumsrunde diese Karte mitgenommen: „Wundert euch, dass wir noch so motiviert sind.“ Das schrieb jemand. Mit Wundern, mit dem Staunen beginnen der Glaube und die Theologie auch. Ja, wir dürfen zusammen staunen über Gottes Weg mit Ihnen. Erstaunliches haben wir voneinander gehört.
In dieser Formulierung fallen mir zwei Worte auf: das „Noch“ und das „So“. Hinter dem „Noch“ steht vieles, was vielleicht gar nicht ausgesprochen wurde, was Sie enttäuscht, auch frustriert, was an der Motivation genagt hat. Und hinter dem „So“ steht die Dankbarkeit, dass die allermeisten Ihren Dienst weiter mit Begeisterung tun.

Wie wurden Sie diesen Weg geführt? Das ist eine geistliche Frage. Wie wird Gott sie weiter begleiten? Das Evangelium des Johannes macht in den Abschiedsreden der Kapitel 14-17 ein Angebot: Gott schickt seinen Jüngern den Parakleten, den Geist der Wahrheit, Gottes Geist, Jesu Geist. Wie hat dieser Geist Sie geleitet? Die Wege sind unterschiedlich. So auch die Antworten.

Einer denkt: Es ist gut gelaufen für mich. Es könnte einfach immer so weiter gehen. Und still sagt er sich: Aber möchte ich das?
Ein anderer denkt: Es gab Brüche und Umbrüche. Chaotische Zeiten. Ich musste mich neu erfinden, einen neuen Weg suchen.
Eine weitere sagt sich: Ich habe mir immer Ziele gesetzt, habe sie mit Energie verfolgt. Einige konnte ich erreichen. Immerhin.
Und dann denkt die andere: Ich hab’s auf mich zukommen lassen. Und das Gute war, dann hat mich ein Thema oder eine Aufgabe gesucht.

So unterschiedlich die Wege waren, so unterschiedlich wirkte wohl auch der Geist Gottes als Begleiter auf dem Weg. Er hatte zu trösten. Er gab reiche Impulse. Er ließ neue Einsichten wachsen. Er stärkte den Glauben. Er erneuerte die Liebe. Er wirkte im begeisterten Engagement.

Doch er verknüpfte Ihre Lebenswege immer fester mit dem Weg Jesu. Auf seinen Weg haben Sie sich bei der Ordination verbindlich eingelassen. Sie stellt ja die Basis für den Auftrag der Verkündigung für eine Pfarrerin oder einen Pfarrer dar. Jesus Christus nennt sich selbst den Weg, die Wahrheit und das Leben. Das haben die Jünger gehört. Das ist uns Christenmenschen vertraut.

Doch schon sieht Jesus, wie die Wege auseinander gehen, sich zu verlieren drohen. Sein Weg ans Kreuz führt. Er geht von ihnen. Wohin sollen Sie gehen? Sie sollen in ihrer Traurigkeit und Angst einen Tröster zur Seite haben. Den heiligen Geist.

Wenn uns heute vieles fest Geglaubte an der Kirche aus den Händen gleitet, fragt er wieder nach unserem Vertrauen. Traurigkeit um die instabil gewordene Organisation breitet sich aus. Sehen wir auf Gottes Möglichkeiten, durch seinen Geist Bewegung zu schaffen?
Schon dieses Wort – Pneuma – Ruach – Windhauch – Atem lässt mich erspüren, was für ein kaum spürbares Wirken Gott mir in meinem Leben anbietet. Wenn ich nach Gottes Geist als Begleiter auf dem Weg frage, muss ich auf die leisen Töne, das scheinbar Fragile achten. Denn er sieht den glimmenden Docht und das geknickte Rohr bei mir.

Und: Ich darf getrost zugeben, dass ich selbst Suchender bin. Ich bin bereit, meine Unfertigkeit und damit meine Offenheit für Gottes Geist zu zeigen. Er trifft mich auf meiner Suche nach Trost im Erkennen von schwierigen Abschieden. Er trifft mich auf der Suche nach Entlastung und Erquickung im Erfassen meiner Erschöpfung.
Mir wird viel zu oft über die Frage philosophiert, ob alle Menschen Suchende sind oder nicht. Das ist total müßig, solange ich mir nicht darüber Rechenschaft gebe, wie sehr ich selbst auf der Suche nach der Wahrheit, d.h. auch im Ringen um das Verstehen meines Lebensweges bin. Dann bin ich ein guter Partner für Gottes Geist.

Er möchte, dass wir offenbleiben für die Wahrheit in unserem Leben. Manchmal ist sie unbequem, schmerzlich, doch oft umwerfend klar und großartig. Jesus ist der Weg. Er geht mit uns als der Gekreuzigte. Er geht mit uns als der Auferstandene. Er schenkt uns den Geist, der uns lehrt ihn zu erkennen, als Geheimnis unseres Lebens.  

Durch ihn kommen wir neuen, spannenden Prozessen auf die Spur. Er schenkt ein neues Fragen, ein einfaches Beten, ein berührtes Lesen der Schrift. Er lässt uns Gemeinschaft finden – in der wir uns offen und respektvoll miteinander begegnen und tief aneinander Anteil nehmen.

Da bekommt die Wahrheit Jesu ihr Gesicht. Das Antlitz meiner Schwester und meines Bruders. Wenn ich versuche Menschen wahrhaftig zu begegnen, bin ich bei Jesus und seiner wahrhaftigen Liebe. Er gibt den Anstoß, andere Menschen selbst zu begleiten aus der Haltung der Wahrhaftigkeit und Liebe heraus.
Aus Stockholm kam der Anruf. Ob ich sie noch kenne. Ja vor 13 Jahren hätte ich sie konfirmiert. Das war eine schöne Zeit. Sie hatte inzwischen Erfolg im Studium und Beruf. Hat einen liebevollen Mann. Der macht nun an der Reichsbank Karriere. Sie bekommt ein Kind, hat Sorgen es zu verlieren. Sie kennt dort kaum jemand. Sie sucht Rat und Hilfe und erinnert sich an ihren einstigen Pfarrer.

Eine Zeit lang telefonieren wir immer mal. Dann nach glücklicher Geburt des Kindes reißt irgendwann der Faden wieder ab. Ich denke immer mal in die Familie und bete für die junge Frau.

Vielleicht kennen Sie ähnliches: Da hatten Sie sich doch gedacht: Welche Spuren habe ich bei den vielen Konfirmandenjahrgängen hinterlassen? Und eine von denen konnten Sie seelsorgerlich, geistlich später begleiten. Hat Gottes Geist sich Ihrer bisher bedient? Gewiss mehr als Sie wissen. Und gewiss braucht er Sie weiter.


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