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29.07.2023
Du siehst übel aus

Treffen sich zwei. Fragt er: „Wie geht’s?“ „Gut, und selbst?“, antwortet sie und erwartet schon gar nicht mehr, dass etwas zurückkommt. Die Antwort meinte sie so ernst wie er schon die Frage. Man fragt das halt so, man sagt das halt so, wenn man sich auf der Schwelle begegnet und nach kurzem Kontakt zum nächsten weitereilt. Floskeln halt.  

Schon die großen Redner der Antike dachten über Floskeln nach. Flosculus – das ist Lateinisch und heißt übersetzt: Blümchen. Es bezeichnet in der Redekunst sprachlichen Schmuck ohne Aussagegehalt.  

Das klingt alles nach Oberflächlichkeit. Dabei sind Floskeln viel besser als ihr Ruf. Sie machen das Leben einfach, sie signalisieren Nähe und Vertrautheit auf eine Weise, die man nicht erst entziffern muss. Floskeln zeigen: „Ich nehme dich wahr.“ Und dieser kurze Brückenschlag von mir zu dir ist wahrscheinlich viel wichtiger als der Informationsgehalt der ausgetauschten Worte. Zwischen Tür und Angel wäre ohnehin weder Zeit noch Raum für mehr. Und wehe, einer grüßt nicht – da fahren die Gedanken aber sofort Karussell.  

Neulich sagt mir meine Nachbarin zur Begrüßung mal was anderes: „Du siehst ganz schön übel“, sagt sie. Ich muss kurz schlucken. Dann lacht sie und ich auch. Übel sehe wahrscheinlich noch immer aus, aber mit einem Lächeln im Gesicht. Manchmal ist auch die Wahrheit ein kleiner Blumenstrauß.  

Wenn Sie heute Menschen begegnen und einander grüßen, dann wünsche ich Ihnen wahre Worte oder die rechte Floskel auf den Lippen. Was auch immer sie sagen, sie können es nur richtig machen. 

Conrad Krannich, Halle


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