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09.06.2017
Entwurzelt

Eingesunken sitzt er vor mir. Die Schultern hängen nach unten. Dabei wäre Nick ein stattlicher Mann. Aber er ist gebrochen. Und das hat eine Geschichte. Sie beginnt – da ist er drei Jahre alt und ein normales Kind in Namibia - mitten im afrikanischen Busch. Doch eines Tages wird er mit anderen Kindern auf Trucks geladen. Mit dem Flieger ging es in die damalige DDR. Erst lebte er in einem Kinderheim, später kam Nick nach Staßfurt, in die Schule der Freundschaft. Die Zuckertüte – so erinnert er sich – fand er riesig. Die Freundschaft nicht. Denn Kontakt nach Hause gab es kaum, Begegnung mit deutschen Kindern war nicht vorgesehen.
Sie lernten viel. Russisch und Physik, Mathe und Sport. Sie sollten sozialistische Persönlichkeiten werden und später den Kommunismus in ihrer Heimat Namibia aufbauen.
Berührung mit Glaube und Religion gab es für sie in der DDR nicht. Dabei ist in Namibia ein Leben für die meisten nur mit Gott vorstellbar. Doch das wussten die Jungs nicht. Und wie sollten sie etwas vermissen, was sie nicht kannten? So wurden sie zu Kindern ohne Wurzel, ohne Familie, ohne Gott.
Dann kam die Wende.
Wieder steckte man die Kinder in Flugzeuge - diesmal zurück nach Namibia. Dort leben sie nun und kommen sich vor wie schwarze Deutsche, ohne Familie, ohne Glaube, ohne Zukunft. Sicher, manche haben es geschafft. Aber Nick und seine Freunde aus Staßfurt schlagen sich in der Hauptstadt Windhoek irgendwie durch mit Jobs, mit Alkohol oder anderen Drogen, mit Bettelei.
Zum Abschied sagt Nick noch: „Bete für uns!“ Jetzt sind Nicks Augen sehr schmal geworden. Und ich spüre seine Sehnsucht, nach irgendetwas, das ihm Halt gibt.

Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg


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