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21.10.2016
Sichtachsen

Ratsch und schnapp.... immer wieder muss der Gärtner im Wörlitzer Park mit seiner großen Heckenschere die Sträucher und Bäume beschneiden. Sonst wachsen die Sichtachsen zu, die schönen Blicke zu den Gebäuden und Parkanlagen würden rasch verschwinden. Und mit ihnen der Blick hinüber auf das Luisium oder zum Venustempel.
Vor etwa 250 Jahren wurde hier auch der Toleranzblick angelegt. Von der goldenen Urne auf einem Wiesenhügel aus schweift der Blick in die Landschaft. In der Ferne erblickt man durch eine gestutzte Schneise hindurch die jüdische Synagoge. Wenn die Augen weiterwandern, öffnet sich rechts der Blick auf die christliche Sankt Petri-Kirche. Fürst Franz ließ diesen Fächerblick ganz bewusst anlegen. Nicht nur als nette Aussicht auf zwei Gotteshäuser. Das wäre ihm zu wenig gewesen. Er hatte seine Mitmenschen dabei sehr genau im Blick. In einem zeitgenössischen Büchlein kann man lesen:
„Die Toleranz ist hier ganz zu Hause. Und daher kommt es, dass Protestanten, Katholiken und Juden untermischt in Ruhe und Eintracht nebeneinander wohnen, ihre Geschäfte treiben, und keiner den anderen stört.“
Fürst Franz wusste: Ja, jeder hat seinen eigenen Standpunkt. Und das gilt nicht nur für den Glauben sondern für unsere Sicht auf die Politik, die Heimat und die Zukunft. All zu oft schauen wir mit Scheuklappen in die Welt. Der Toleranzblick aber weitet unseren engen Horizont: Schaut, was andere glauben! Seht, was sie denken und fühlen, wie sie leben.
Nicht nur der Toleranzblick im Park, auch unsere eigene Sicht wuchert rasch wieder zu. Toleranz muss gepflegt werden. Damit unsere Sicht weit bleibt für die wunderbare Vielfalt.

Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg


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