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02.01.2017
Eigentlich bin ich anders

Er steht vor dem Spiegel. Ein zerknautschtes Gesicht schaut ihn an. Dicke Wangen. Ja, ich habe zugelegt über die Feiertage. Und: Nein, so will ich nicht sein. So bin ich eigentlich nicht - faul und vollgefressen. Ich bin sportlich und beweglich, kraftvoll.
Missgelaunt geht er ins Bad. Und pöbelt seinen pubertierenden Sohn an, der nicht aus dem Bett kommt. Eigentlich bin so nicht: ein pöbelnder Vater. Eigentlich kann ich das besser.
Dann während er sich ein Brötchen reinschiebt: der schnelle Blick in die Nachrichten. Kältetote in Thüringen. Er scrollt weiter. Reaktionen auf den Anschlag in Istanbul. Die Zahl der Toten interessiert ihn nicht. Er scrollt weiter.
Die Nachricht von SOS Mediterranee: Mehrere hundert Menschen aus dem Mittelmeer gefischt. In der Silvesternacht. Und fünf Leichen. Er scrollt weiter.
Und weiß doch: So will ich nicht sein. Einer, dem solche Meldungen nichts anhaben. Der dicht macht, der abstumpft.
Ich bewundere, was diese Freiwilligen da machen - auf dem Rettungsschiff. Die Bilder gehen mir nach. Sie gehen mich an.
Was unterscheidet mich von den Ehrenamtlichen dort. Was so weit weg klingt, könnte doch ganz schnell ganz nah werden. Soll ich? Mal nicht nur zuschauen?
Ich bin ein Mann der Tat.
Das neue Jahr wird neu, wenn wir uns verändern. Weiß er. Wenn wir werden, was wir eigentlich sind. Mitmenschen.

Findet auch Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche.


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