Augenblick mal, MDR, Radio, Radio-Andacht, Radio-Andachten, Radioandacht, Radioandachten,

10.10.2016
In Liebe gehen lassen

In Liebe gehen lassen

Über 60 Jahre sind die beiden miteinander verheiratet. Ich kenne sie nur zu zweit, oft Hand in Hand. Nun ist sie schwer krank. Das Ende ist abzusehen. Ich werde ins Krankenhaus gerufen. Vor der Zimmertür habe ich ein mulmiges Gefühl. Was wird mich erwarten?

Als ich hereinkomme, sitzt der Ehemann am Bett. Strahlt viel Ruhe und Gelassenheit aus. Sie liegt ruhig da, ansprechbar ist sie nicht mehr. Ihr Atem geht schwer. Und er? Innig blickt er sie an. Zupft zärtlich an ihren Wangen, stupst ihre Nase. Redet mit ihr. Ich schaue und staune. Wahrscheinlich spürt er meinen verwunderten Blick und meine unausgesprochene Frage: Keine Tränen?

„Nein“, sagt er behutsam. „Weinen kann ich später. Ich will meiner Frau doch helfen, dass sie gehen kann. Ich mache das, was sie immer gern hatte.“ Wieder streichelt er ihre Wange.
Die Liebste mit Liebe gehen lassen. Seine fast heitere Ruhe steckt mich an. Wir reden miteinander, ich streichle seine Frau, spüre, wie gut auch mir das tut. So selbstverständlich einen Menschen gehen lassen, wenn die Zeit erreicht ist. Ihn begleiten und stützen. Und dann loslassen. Das ist das Leben und die Liebe.


Bleiben Sie mit unseren Newslettern auf dem Laufenden.

Hier Abonnieren

Die besten News per E-Mail - 1x pro Monat - Jederzeit kündbar