20.02.2020
Achtsam

„Bitte seien Sie achtsam, andere brauchen ihren Sitzplatz vielleicht nötiger.“ Den Satz habe ich im Dezember als immer wiederkehrende Ansage in den Wiener Straßenbahnen gehört. Erst mal musste ich schmunzeln. Gehöre ich doch so allmählich zu der Altersgruppe, der auch schon mal ein Platz angeboten wird, auch wenn ich mich selbst noch gar nicht so schwächlich sehe.

Klasse finde ich den Wechsel der Perspektive. Mal nicht zuerst Ich, Ich, Ich. Sondern den Blick wenden. Ist da vielleicht jemand, der etwas nötiger braucht als ich?

Nicht mit einem moralischen Zeigefinger gemahnt, sondern mit einem Augenzwickern.

Ich habe mich jedenfalls gleich mal umgesehen, auf die geschaut, die da einstiegen. Eine Mutter mit zwei Kleinkindern, der alte Herr mit dem Gehstock, die Frau voll bepackt mit Einkaufstaschen.

Ich glaube an einen Gott, der uns zutraut, achtsam miteinander umzugehen. Und das ohne moralisches: Ich sag dir jetzt mal, wie du sein müsstest. Ich denke, sein Satz ist eher: Die können das doch eigentlich. Ich habe doch alles in sie hineingelegt, damit das funktionieren kann. Aber offensichtlich kommen sie so selten dazu.

Wenn ich morgen wieder unterwegs bin, werde ich mich erinnern: Bitte sei achtsam und schau, was andere vielleicht gerade dringender brauchen als du selbst. Ich bin gespannt, was mir auffallen wird.

Nun schlafen Sie gut. Das wünscht Pfarrerin Dorothee Land evangelisch und aus Erfurt.

 


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