Der andere Advent

Das war wieder eine Woche gewesen. Voller Termine. Bloß gut, dass sein Zug heute keine Verspätung gehabt hatte. Er will noch fix, bevor die Geschäfte schließen, Blumen kaufen. Und ein Brot braucht er auch noch? Oder hat sie das schon erledigt. Ja, fix anrufen. Mist, der Akku vom Handy ist leer. Also macht er eben noch Halt im Supermarkt. „Boxenstopp“ nennt er das manchmal im Spaß. Wenn er wie ein Auto auf Hochtouren läuft. Und dann in den Pausen auch alles ganz schnell erledigen muss. Essen. Einkaufen. Mit Blumen und Brot unterm Arm gönnt er sich noch einen Glühwein. Zum Runterkommen. Auf dem Weihnachtsmarkt.
Als er den Briefkasten an der Haustür öffnet, fällt ihm ein Umschlag in die Hand. Von Evi ist der. Wie jedes Jahr. Ist es schon wieder soweit? Er packt ihn aus. Gut, dass sie sich auf Evi verlassen können. Sonst hätten sie keinen Adventskalender. Dabei mochte er es, im Advent jeden Tag einen kleinen Text oder eine Geschichte zu lesen, die ihn berührte. Was für seine Seele.
„Der Andere Advent“ stand in fetten Buchstaben auf dem Deckblatt. Alleine der Titel erinnerte ihn. Dass es auch anders gehen könnte. Dass jeder Tag nicht nur Boxenstopp-Pausen brauchte, sondern Momente der Stille. Überrascht las er, dass der Kalender in einer Auflage von 600.000 Stück gedruckt ist.
Also brauchten viele Menschen wie er ein bisschen Nachhilfe in Sachen Advent. Langsam werden. Tag für Tag leben und schauen. Auf das Fest hin, an dem Gott in der Krippe Mensch wird.
Eine gute Nacht wünscht Ihnen Pastorin Theresa Rinecker aus Weimar