21.09.2016
Gewohnheitstier

Sie sinkt müde auf die Coach. Was für ein Tag. Er hatte gut angefangen. So wie sie es mochte. Mit gewohnten vertrauten Abläufen. Der Morgenkaffee, der Blick in die Zeitung, die Katze noch gefüttert. Sie wusste, vor ihr lag der lange Dienst. Donnerstag war Sprechtag im Bürgerbüro.
„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“… ich bin eines davon. Hatte sie auf dem Weg zur Arbeit gedacht und über sich selbst geschmunzelt. Ja, sie hatte sich eingerichtet in ihrem Leben. Die turbulenten Jahre lagen lange zurück. Bloß gut.
Auf der Arbeit war es zunächst ein Tag, wie immer. Viel zu tun.
KFZ-Anmeldungen sind ihr Resort. Kurz vor Dienstende hatten noch zwei Männer auf die Papiere gewartet. Die waren plötzlich laut geworden. Hatten sich beschimpft. Der eine warf dem Anderen vor, er hätte sich vorgedrängelt. Es wurde zurückgeschimpft. Immer lauter. Ihr war das zu viel geworden. Bis einer dann sagte: „Das ist eine deutsche Behörde. Hier geht’s der Reihe nach.“ Das hatte sie das getroffen. Wie ein Schlag in die Magengrube. Ganz gleich, wer Recht hatte. Solche Sätze konnte sie nicht ertragen. Solchen Streit erst recht nicht.
Nein, daran würde sie sich nie gewöhnen. Dieser aggressive Ton. Nein, sie war jetzt kein Gewohnheitstier mehr. Hier musste sie ihre Routine durchbrechen. Sie war rausgegangen. Um den Streit zu besänftigen. „Bitte beruhigen Sie sich doch. Sie kommen beide dran. Das macht keine fünf Minuten aus.“ Sie hatte einen der Streithähne mit in ihr Büro genommen und dem anderen freundlich zugelächelt. „Gleich sind sie dran“. Es hatte sie Kraft gekostet, sich einzumischen. Aber es fühlte sich gut an.
Eine gute Nacht wünscht Ihnen Pastorin Theresa Rinecker aus Weimar


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